Aktuelle Forschung

Forschungsprojekte Roman Köster:

 

Projekt 1: Das Herrenhemd in Hong Kong: Die Auslandsverlagerung der westdeutschen Bekleidungsindustrie nach Ostasien 1960–1990

 

Die unter dem Schlagwort „Globalisierung“ verhandelte weltwirtschaftliche Dynamik seit den 1960er Jahren wurde in hohem Maße durch die Etablierung räumlich weit ausgreifender, differenzierter Wertschöpfungsketten geprägt. Das ging einher mit einer Schwerpunktverlagerung der Industrieproduktion nach Ostasien und insbesondere nach China, das gegenwärtig allein für ca. 25 Prozent der globalen industriellen Wertschöpfung verantwortlich ist.

Das Projekt untersucht die Auslandsverlagerung der westdeutschen Bekleidungsproduktion nach Hong Kong seit den 1960er Jahren. Die These lautet, dass solche Wertschöpfungsketten seit den späten 1960er Jahren im großen Maßstab zuerst im Rahmen der globalen Bekleidungsproduktion etabliert wurden. Weil sich die Verarbeitung von Textilien nur begrenzt technisch rationalisieren lässt, spielten Arbeitskosten in dieser Branche eine entscheidende Rolle. Früher als anderswo bestanden hier Anreize und Möglichkeiten, durch Produktionsverlagerungen nach Ostasien Arbeitskostendifferenzen im globalen Maßstab auszunutzen.

Im Zuge dessen wurden in der Interaktion zwischen Westeuropa, den USA und dem ostasiatischen Raum seit den späten 1960er Jahren Handelspraktiken, Netzwerke und Institutionen etabliert, die anschließend die Verlagerung der Produktion zahlloser anderer Güter ermöglichten und vorbereiteten. Damit stand die Textilwirtschaft – wie schon bei der Industrialisierung im 19. Jahrhundert – am Beginn einer fundamentalen Transformation der weltwirtschaftlichen Beziehungen. Diese war entscheidend für die „Great Convergence“, also den Aufholprozess asiatischer Volkswirtschaften seit den 1960er Jahren.

 

 

Projekt 2: Der Wert des Gebrauchten: Altstoffwirtschaft in Deutschland zwischen lokaler Sammlung und globalen Märkten 1850–1914

 

Das Vorhaben zur Geschichte der Altstoffwirtschaft in Deutschland 1850–1914 wirft einen neuen Blick auf die Geschichte der Industrialisierung und leistet einen innovativen Beitrag zur Sozial-, Technik- und Umweltgeschichte der modernen Stadt. Leitend ist die These, dass die in der Literatur häufig anzutreffende Diagnose eines Übergangs von einer zirkulären Wirtschaftsweise (Vormoderne), in der alles wiederverwertet wurde, hin zu einer linearen Wirtschaftsweise (Massenkonsumgesellschaften), in der alles weggeworfen wurde, irreführend ist. Vielmehr nahm die Sammlung und Wiedernutzung in urbanen Räumen anfallender Altstoffe während der Phase der Hochindustrialisierung einen starken Aufschwung.

Materialien wie Knochen, Lumpen und andere Abfallstoffe wurden in vielen Bereichen der gewerblichen Produktion benötigt und zunehmend auf weiträumigen, oftmals globalen Märkten gehandelt. Das Projekt untersucht, wie diese Materialien gesammelt und verarbeitet wurden, wie sich die Preise auf den entsprechenden Märkten bildeten und wie es dazu kam, dass globale Märkte für Altstoffe entstanden. Es sollen aber auch die Tendenzen, wie etwa die zunehmende Entwicklung chemischer Ersatzstoffe, in den Blick genommen werden, die dem industriellen Recycling langfristig entgegenwirkten.