Tagung "Bis dass der Tod sie scheidet"

Bis dass der Tod sie scheidet. Geschwisterbeziehungen im europäischen Hochadel der Neuzeit (1500–1900)

„Die längste Beziehung im Leben“: Auf diese Weise werden Geschwisterbeziehungen gerne bezeichnet. Von emotionalem Zusammenhalt dargestellt in Märchen bis hin zu tödlicher Rivalität in Literatur, Mythologie und Popkultur, alle Genres beschäftigen sich seit Jahrtausenden mit Geschwisterbeziehungen. Die Tagung „Bis dass der Tod sie scheidet. Geschwisterbeziehungen im europäischen Hochadel der Neuzeit (1500–1900)“ der jungen Historikerinnen Anna Scherer (Universität der Bundeswehr München), Johanna Evers (Philipps-Universität Marburg) und Nadine Rüdiger (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg/EHESS Paris) nimmt Geschwisterbeziehungen im Europa der Neuzeit (ca. 1500–1900) in den Blick. Am 10. und 11. Dezember 2025 kommen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – aus Deutschland, der Schweiz sowie aus Tschechien – im Schloss Heidelberg zusammen, um sich unterschiedlichen Fallbeispielen von Geschwisterbeziehungen aus dem europäischen Hochadel zu widmen. So kann das Verhältnis von Verwandtschaft, Rang, Dynastie und Emotionen in der Frühen Neuzeit neu diskutiert werden.

Die Universität der Bundeswehr München möchte Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler bei der Durchführung ihrer Projekte unterstützen, fördert deshalb die Tagung finanziell und übernimmt deren Schirmherrschaft im Heidelberger Schloss.

Kurzpräsentation des Tagungsthemas

Ein ausdrückliches Interesse bei den Historikerinnen und Historikern erfahren Geschwisterbeziehungen innerhalb des europäischen Adels erst seit ca. 20 Jahren. Bereits 1989 distanzierte sich Linda Pollock in ihrem Aufsatz von der damals vorherrschenden These, nach der jüngere Brüder nur eine Last für den Thronfolger und die Dynastie darstellen würden. Am Beispiel der Geschwister der englischen Königshäuser Tudor und Stuart aus dem 16. und 17. Jahrhundert zeigte sie, dass Brüder einen großen Wert auf Kooperation in der Politik legten und die ihnen zugewiesenen Rollen innerhalb der Dynastie akzeptierten, Ein enger Austausch war nicht nur unter Brüdern maßgeblich, sondern auch unter Schwestern und gemischten Geschwisterpärchen im frühneuzeitlichen Adel, wie Sophie Ruppel in ihrer Dissertation anhand der Briefwechsel der Geschwisterreihen des kurpfälzischen, kurbrandenburgischen, kur-hannoveranischen und hessischen Adels des 17. Jahrhunderts nachwies. Einen besonderen Schwerpunkt auf die Kommunikation und die emotionale Bindung unter Schwestern innerhalb des Heiligen Römischen Reiches legt der Sammelband „Schwestern und Freundinnen. Zur Kulturgeschichte weiblicher Kommunikation“ herausgegeben von Eva Labouvie (2009). Die Betonung ihrer verwandtschaftlichen Bindung genauso wie der gegenseitigen Zuneigung auf persönlicher Ebene spielte eine wichtige Rolle, wie Carolin Doller und Jutta Prieur anhand von Briefwechseln zwischen Schwestern gräflicher Herkunft zeigten. Französische und englische Forscherinnen und Forscher widmen sich darüber hinaus demographischen und rechtsgeschichtlichen Fragen in Verbindung mit Geschwisterbeziehungen in der Frühen Neuzeit. Hervorzuheben sind vor allem die Forschungen von Élie Haddad in seinen Studien zu verschiedenen Linien des französischen Adels (zum Beispiel Mesgrigny, Vassé, Gouffier, Potier und Lamet). Er beobachtet in den Familien des französischen Adels für den Zeitraum zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert eine zunehmende Ungleichbehandlung zwischen älterne und jüngeren Söhnen, die sich in der Verteilung des Erbes zeige und durch die zunehmende Bedeutung der Patrilinearität erklären lässt (HADDAD, Élie, Cadets, branches cadettes et déclassement social dans la noblesse française d’Ancien Régime, S. 61–82, in: L’expérience du déclassement social. France – Italie, XVIe-premier XIXe siècle, hg. von Michela BARBOT/Jean-François CHAUVARD/Stefano LEVATI (Collection de l’École française de Rome 573), Rom 2021).

Zielsetzung der Tagung

Geschwister und ihre Beziehungen sind ein Thema mit einer hohen Alltagsrelevanz und genießen dementsprechend eine höhere Aufmerksamkeit und Popularität. So gibt es unzählige, vor allem englischsprachige, Kurzvideos, die Rollen und typische Verhaltensmuster von Geschwisterrollen (ältestes, mittleres, jüngstes Kind) gegenüberstellen und millionenfache Aufrufe erhalten. Unbeachtet bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung hingegen, dass soziale Beziehungen – Geschwister eingeschlossen – ebenso kulturell und historisch geprägt werden.
Ziel der Tagung ist, hochadelige Geschwisterbeziehungen der Neuzeit in den Mittelpunkt zu stellen und in den aktuellen Forschungskontext einzuordnen, und dabei werden sowohl kultur-, politik- und geschlechterhistorische Fragestellungen zusammengebracht, als auch materielle Quellen in den Fokus gestellt. Der europäischen Dimension des Hochadels wird durch die Auswahl der Fallbeispiele Rechnung getragen. Im Zentrum der Tagung stehen Geschwisterreihen verschiedener europäischer Dynastien, deren Schwestern unter anderem nach ihrer Hochzeit mit der Heimatdynastie brachen und an den Hof ihrer Ehemänner zogen. Der Stellenwert des Geschlechts, der räumlichen Distanz, der Sprache, des Kulturtransfers und der Heimatdynastie für Geschwisterbeziehungen beleuchtet werden.
Angesichts der öffentlichen Relevanz und Popularität des Themas ist es ein zentrales Anliegen der Tagung, diese Fragen vor einem möglichst großen, auch fachfremden Publikum zu diskutieren. Aus diesem Grund wird die Tagung im Heidelberger Schloss, einem bekannten und attraktiven Veranstaltungsort, stattfinden.

Sektion I | Geschwisterkonstellationen im Wandel: Formen und Herausforderungen

Wenn bisher von Geschwistern in der Geschichtswissenschaft die Rede war, lag der Fokus bisher immer auf leiblichen Geschwistern. Die Bedeutung von Geschwistern, wie beispielsweise Halbgeschwister, ist bisher nicht betrachtet worden. Der Fokus soll in dieser Sektion erweitert werden. Außerdem bildeten sich innerhalb von Familien immer wieder verschiedene Konstellationen auch unter den Geschwistern heraus. Diese wurden auf vielfältige Weise beeinflusst und immer wieder neu konstituiert. Diese verschiedenen Konstellationen sollen in ihren Formen und in ihrer Wandelbarkeit ausgehend von Frankreich hin ins Heilige Römische Reich Deutscher Nation im 17. und eingehenden 18. Jahrhundert untersucht werden.

Sektion II | Risiko und Kapital von Geschwisterbeziehungen

Geschwisterbeziehungen stellten nicht immer nur eine positive Verbindung dar oder boten Möglichkeiten zum Handeln. Vielmehr müssen auch die Risiken beispielsweise in Krisensituationen betrachtet werden, was in dieser Sektion vom 16. bis ins 19. Jahrhundert untersucht werden soll. So wird ein möglicher Wandel von Risikofaktoren oder Chancen der geschwisterlichen Verbindungen abgebildet. Dabei rücken beispielsweise Elizabeth von Sachsen (1502–1557) im Zusammenhang mit Ehebruchsvorwürfen in den Fokus oder die ambivalenten Geschwisterbeziehungen unter den Kindern Maria Theresias (1717–1780) sowie die Bedeutung der Beziehungen für Monarchengattinnen (bspw. Luise und Elisabeth von Preußen) im 19. Jahrhundert.

Sektion III | Zwischen Ideal und Umsetzung: Darstellung von Geschwisterbeziehungen

In diesem Abschnitt wird der Blick auf die Erwartung an Geschwister und ihre Rollen gerichtet. Allerdings müssen diese vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass Geschwister auch in andere Rollen, beispielsweise in die der Eltern zur Erziehung von ihren jüngeren Geschwistern, schlüpfen mussten. Diese Diskrepanz zwischen der idealisierten und vorgestellten einerseits und der tatsächlichen Umsetzung der Beziehung zu Geschwistern andererseits soll an Beispielen aus dem 17. und 19. Jahrhundert untersucht werden. Der Fokus soll dabei auf der Verschiedenartigkeit der Quellen gelegt werden. So liegen den Untersuchungen nicht nur Korrespondenzen (so teilweise auch in anderen Sektionen) vor, sondern auch Münzen, Medaillen und Grabinschriften.