CODE-Messestand mit interessierten Besuchern

CODE-Jahrestagung: Warum Kryptographie zur strategischen Ressource wird

22 Juli 2026

Als vor wenigen Jahren über Quantencomputer diskutiert wurde, schien ihre Bedrohung für heutige Verschlüsselungsverfahren noch weit entfernt. Heute ist sie Gegenstand konkreter Migrationsstrategien von Regierungen, Sicherheitsbehörden und Unternehmen. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob bestehende Kryptographie ersetzt werden muss, sondern wie schnell sich Staaten, Wirtschaft und Gesellschaft auf das Zeitalter der Post-Quanten-Kryptographie vorbereiten können.

Genau diese Entwicklung stand im Mittelpunkt der 13. Jahrestagung des Forschungsinstituts Cyber Defence und Smart Data (FI CODE) vom 14. bis 15. Juli 2026 an der Universität der Bundeswehr München. Mehr als 600 Vertreterinnen und Vertreter aus Bundeswehr, Politik, Wissenschaft, Behörden und Industrie kamen zusammen, um über die technologische Zukunft digitaler Sicherheit zu diskutieren. Das Leitthema „Kryptographie als strategischer Schlüssel digitaler Verteidigung“ erwies sich dabei als weit mehr als eine technische Fragestellung – es beschrieb eine sicherheitspolitische Zeitenwende. 


Gruppenbild bei der Code Jahrestagung

V.l.n.r.: Prof. Stefan Pickl, Generalleutnant Michael Vetter, Prof. Wolfgang Hommel, Vizeadmiral Dr. Thomas Daum, Prof. Michaela Geierhos, Brigadegeneral Frank Endler, Generalmajor Volker Pötsch (© FI CODE/Angelika Wagener Fotografie)


Bereits die Zusammensetzung des Programms machte deutlich, worum es ging: Neben führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern diskutierten Vertreter des Bundesministeriums der Verteidigung, des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) sowie internationaler Technologieunternehmen über die zukünftige digitale Handlungsfähigkeit Deutschlands. Forschung, staatliche Sicherheitsvorsorge und industrielle Innovationskraft wurden dabei nicht getrennt betrachtet, sondern als Bestandteile eines gemeinsamen Innovationsökosystems. ©

Vertrauen als Voraussetzung digitaler Souveränität

Dass technologische Souveränität heute vor allem Zusammenarbeit bedeutet, machte Universitätspräsidentin Prof. Eva-Maria Kern bereits in ihrer Eröffnungsrede deutlich. Die Herausforderungen der digitalen Sicherheit ließen sich nicht innerhalb einzelner Organisationen lösen. „Sie erfordern Zusammenarbeit, gegenseitiges Verständnis und den offenen Austausch unterschiedlicher Perspektiven.“ Diese Aussage zog sich wie ein roter Faden durch beide Veranstaltungstage. Immer wieder wurde deutlich, dass Deutschland zwar über exzellente Forschung verfügt, deren Wirkung jedoch erst dann entsteht, wenn Wissenschaft, Behörden, Bundeswehr und Industrie gemeinsam an Lösungen arbeiten.


Unterzeichnung des Vertrags für ein neues Forschungsprojekt zwischen UniBw M/FI CODE und Airbus Defence & Space

Unterzeichnen den Vertrag für ein neues Forschungsprojekt zwischen UniBw M/FI CODE und Airbus Defence & Space (v.l.n.r.): Prof. Eva-Maria Kern (Präsidentin UniBw M), Aysegül Dersan Czeslik, Alix Carmona (beide Airbus), Prof. Wolfgang Hommel (Leitender Direktor FI CODE) (© FI CODE/Angelika Wagener Fotografie)


Bei der Vertragsunterzeichnung für das Forschungsprojekt „Cyber-Electromagnetic Activities (CEMA) Distributed Information Architecture“ zwischen dem FI CODE und Airbus Defence & Space wurde der Anspruch erneut unterstrichen. Sie steht beispielhaft für eine Entwicklung, die an vielen Stellen der Tagung sichtbar wurde: Sicherheitsrelevante Forschung endet nicht mehr mit wissenschaftlichen Publikationen, sondern wird zunehmend gemeinsam mit industriellen Partnern in operative Anwendungen überführt.

Der Wettlauf gegen die Zeit

Ein zentrales Thema der Tagung war die Frage, wie Deutschland den Übergang zur Post-Quanten-Kryptographie bewältigen kann. Noch schützen klassische Verschlüsselungsverfahren einen Großteil der digitalen Kommunikation. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass leistungsfähige Quantencomputer diese Verfahren künftig überwinden könnten. Für sicherheitskritische Infrastrukturen beginnt deshalb bereits heute die Migration auf neue kryptographische Verfahren.


Panlediskussion bei der CODE-Jahrestagung

V.l.n.r.: Prof. Daniel Slamanig (UniBw M/FI CODE), Dr. Axel Y. Poschmann (PQShield Ltd), Dr. Florian Mendel (Infineon Technologies AG), Stefan-Lukas Gazdag (Genua GmbH) und Ingrid Wilke (BMVg) bei der Paneldiskussion (© FI CODE/Angelika Wagener Fotografie)


Stephanie Reinhardt vom BSI zeigte in ihrer Keynote, dass dieser Übergang kein kurzfristiges IT-Projekt ist, sondern eine strategische Transformationsaufgabe, die Staat, Wirtschaft und Forschung gleichermaßen betrifft. Die anschließende Podiumsdiskussion mit Prof. Daniel Slamanig sowie Expertinnen und Experten aus Industrie und Bundesministerium der Verteidigung machte deutlich, dass hybride Übergangsstrategien in den kommenden Jahren entscheidend sein werden.

Innovation entsteht dort, wo Forschung auf reale Anforderungen trifft

Dass diese strategischen Fragen längst konkrete Anwendungen hervorbringen, zeigte die Innovationstagung Cyber/IT. Aus mehr als fünfzig Einreichungen präsentierten elf Finalisten ihre Lösungen für aktuelle Fähigkeitsbedarfe der Bundeswehr. Im Mittelpunkt standen nicht theoretische Konzepte, sondern unmittelbar einsetzbare Technologien – von KI-gestützter Funksignalanalyse über Voice-Fraud-Erkennung bis hin zu GPS-unabhängiger Navigation autonomer Systeme.

Der Siegerbeitrag SHRIKE von Eric Scholz demonstrierte eindrucksvoll, wie Forschungsergebnisse unmittelbar in robuste Einsatztechnologien überführt werden können. Auch die weiteren ausgezeichneten Projekte zur Erkennung von GNSS-Spoofing und zum domänenübergreifenden Lagebild verdeutlichten, dass sich Innovation heute an konkreten Fähigkeitsbedarfen orientiert.

Gerade hierin liegt die besondere Rolle des FI CODE: Das Institut versteht sich nicht nur als Ort exzellenter Grundlagenforschung, sondern als Brücke zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und sicherheitspolitischer Anwendung.


Teilnehmende an der CODE-Jahrestagung

Am Abend des ersten Veranstaltungstages wurden die elf besten Einreichungen der Innovationstagung Cyber/IT 2026 ausgezeichnet (© FI CODE/Angelika Wagener Fotografie)


Kryptographie allein genügt nicht

Den vielleicht strategischsten Gedanken formulierte am zweiten Veranstaltungstag Prof. Michaela Geierhos, Technische Direktorin des FI CODE. Sie ordnete das Tagungsmotto bewusst in einen größeren Kontext ein. Digitale Souveränität beginne nicht mit Technologie, sondern mit Vertrauen. Kryptographie sei deshalb kein Selbstzweck und auch keine Universallösung. Sie bilde vielmehr einen unverzichtbaren Bestandteil einer Sicherheitsarchitektur, die Forschung, Innovation, Regulierung und langfristige Investitionen zusammenführt.

Diese Perspektive wurde anschließend durch internationale Beiträge ergänzt. Gregor Lochner (Innovation Advisor am Königlich Dänischen Generalkonsulat in München) zeigte anhand der dänischen Quantensicherheitsstrategie, wie staatliche Roadmaps in praktische Maßnahmen übersetzt werden können. Axel Treßel (ZITiS) machte deutlich, dass technologische Souveränität für Sicherheitsbehörden längst operative Realität ist und künftig maßgeblich über die Fähigkeit entscheidet, Bedrohungen analysieren und einordnen zu können.


Auditorium im Audimax während der CODE-Jahrestagung

Blick in das Auditorium des Audimax während eines Vortrags bei der CODE-Jahrestagung 2026 (© FI CODE/Angelika Wagener Fotografie)


Wissen vermitteln, Technologien erproben, Vernetzung fördern

Neben den Keynotes und Fachvorträgen bot die CODE-Jahrestagung zahlreiche Gelegenheiten, aktuelle Forschung unmittelbar zu erleben und mit Expertinnen und Experten ins Gespräch zu kommen. In der begleitenden Fachausstellung präsentierten Unternehmen und Forschungseinrichtungen neueste Entwicklungen aus den Bereichen IT-Sicherheit, Kryptographie und Cyber Defence.

Besonderes Interesse fanden die fünf praxisorientierten Workshops am Nachmittag des zweiten Veranstaltungstags. Das Spektrum reichte von interaktiven Lern- und Ausbildungsformaten (u.a. Serious Games) bis hin zu aktuellen Forschungsfragen der Post-Quanten-Kryptographie. Mit CrypTool und Cyber4All wurden Kompetenzen in den Bereichen Cybersecurity, Kryptographie und Cyber Awareness praxisnah vermittelt. Zwei weitere Workshops widmeten sich den Auswirkungen des Quantencomputings auf die Cybersicherheit sowie der Entwicklung hybrider Sicherheitsarchitekturen für die Post-Quanten-Ära. Dabei diskutierten die Teilnehmenden unter anderem zukünftige Roots of Trust, sichere Bootprozesse und den schrittweisen Übergang zu quantensicheren kryptographischen Verfahren.

Gerade diese Verbindung aus wissenschaftlicher Diskussion, praktischer Demonstration und persönlichem Austausch prägte den Charakter der Veranstaltung. Die Workshops machten deutlich, dass die Herausforderungen der digitalen Sicherheit nicht allein durch neue Technologien bewältigt werden können. Ebenso entscheidend sind die Vermittlung von Wissen, die gemeinsame Erprobung neuer Ansätze und der kontinuierliche Dialog zwischen Forschung, öffentlicher Hand und Industrie. So bot die 13. CODE-Jahrestagung nicht nur Einblicke in aktuelle Entwicklungen der Kryptographie und Cybersicherheit, sondern setzte zugleich Impulse für neue Kooperationen und gemeinsame Forschungs- und Innovationsvorhaben.

 


Titelbild: Am CODE-Messestand erhalten die Fachbesucher aus erster Hand Einblicke in die Forschungsarbeit am FI CODE (© FI CODE/Angelika Wagener Fotografie)