Die psychischen Spätfolgen der Corona-Pandemie

21 Oktober 2020

Seit bald neun Monaten dauert die Corona-Pandemie bei uns in Europa nun an. Sie hat nach und nach die ganze Welt erfasst und während aktuell die zunehmende Dynamik der zweiten Welle die Schlagzeilen bestimmt, mehren sich auch die Erkenntnisse, dass die Erkrankung selbst wie auch die Folgen der Beschränkungen zum Schutz vor einer Erkrankung für die Psyche massive Auswirkungen haben können.

Ein Beitrag von Prof. Joachim Kruse, Professur für Klinische Psychologie und Traumatherapie

Während das medizinische Wissen über das Virus schnell zunimmt und auch die Impfstoffentwicklung im Vergleich zu anderen Viruserkrankungen sehr schnell vorankommt, sind fundierte Erkenntnisse über die psychischen Folgen der Pandemie noch bruchstückhaft und rar. Dies liegt sicherlich auch daran, dass die Effekte sich schleichend entwickeln und die kausalen Zusammenhänge häufig nicht so klar sind, wie im medizinisch-körperlichen Bereich.

Häufige Folge der Erkrankung: Chronische Erschöpfung

Betrachtet man zunächst die Folgen einer SARS-CoV-2-Erkrankung selbst, dann scheint chronische Erschöpfung eine sehr häufige Folge zu sein, und zwar interessanterweise unabhängig von der Schwere der Erkrankung. So berichtet eine Forschungsgruppe aus Irland in einer Vorveröffentlichung von 52% der Patienten, die noch mehr als zehn Wochen nach Ende einer akuten Corona-Infektion unter starker Erschöpfung litten. Die Autoren diskutieren mögliche medizinische Faktoren wie Lymphozyten, Zytokine oder Immunzellen, fanden aber keine Unterschiede. Allerdings waren Patienten, die aktuell oder in der Vergangenheit an Depressionen oder Angststörungen litten, deutlich stärker betroffen.

Zur Zunahme psychischer Erkrankungen im allgemeinen gibt es noch wenig repräsentative Daten. Einzelne Krankenkassen berichten von einer starken Zunahme an Krankmeldungen wegen psychischer Probleme im ersten Halbjahr 2020. Auch gibt es Hinweise auf eine Zunahme des Alkoholkonsums während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen, wobei dieser nicht immer klinische Ausmaße angenommen haben muss. Daten aus Asien, wo die Pandemie mit mehreren Monaten Vorlauf begann, zeigen allerdings eine starke Zunahme von psychischen Erkrankungen. So steht auch uns in Europa wahrscheinlich noch eine Zunahme solcher Probleme bevor.

Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Substanzmissbrauch

Erfahrungen mit anderen Epidemien zeigen, dass eine Quarantäne kurzfristig für Stress sorgt, aus dem dann langfristig ein erhöhtes Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Substanzmissbrauch entsteht. Diese Risiken werden bei uns momentan durch ein funktionierendes Gesundheitssystem und weithin akzeptierte politische Gegenmaßnahmen abgemildert, dürften aber auch in Deutschland mit der Zeit zunehmen. Aus Allgemeinarztpraxen wird ein Anstieg von Depressionen, Ängsten und Zwängen berichtet. Ein Grund könnte darin liegen, dass Ereignisse, die normalerweise durch gesellschaftliche Rituale gut verarbeitet werden können, wie der Tod eines Angehörigen mit Abschiednahme und Beerdigung, jetzt teilweise unverarbeitet bleiben. In vielen Familien dürften auch die Belastungen durch vermehrte Kinderbetreuung und Unterstützung bei Schule und Ausbildung zunehmend die vorhandenen Ressourcen aufbrauchen. Hier beobachtet man eine andere Form der Müdigkeit, die sich auf den Wunsch konzentriert, es möge doch alles bald vorbei sein.

Persönliche Resilienz stärken

Auch bestehende psychische Erkrankungen können sich durch soziale Beschränkungen verschlimmern. Vielleicht, weil man keine Behandlung aufnimmt oder weil soziale Kontakte und Ressourcen wegfallen, die ansonsten helfen würden.

Gutgemeinte Ratschläge gehen dahin, die persönliche Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegenüber aversiven Erfahrungen zu stärken. Diese Empfehlung ist für den Einzelnen sicherlich sinnvoll; es ist immer gut, sich auf Hobbies und Familie, Freunde und die Dinge, die eben doch noch gehen, zu konzentrieren, aber insgesamt werden die psychischen Folgen der Corona-Krise uns noch wesentlich länger beschäftigen als die Pandemie selbst.


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