Digitale Kluft im Home-Office vergrößert auch soziale Ungleichheiten

23 Februar 2021

Kontaktreduzierungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind immer noch das Gebot der Stunde. Um diese zu erreichen stehen Schulschließungen und das Recht auf oder sogar eine Pflicht zum Home- Office immer wieder im Blickpunkt der Diskussion.

Ein Kommentar von Prof. Bernhard Ertl, Professur für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Lernen und Lehren mit Medien

Hinter den genannten Maßnahmen verbirgt sich die implizite Annahme, Schülerinnen und Schüler sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer würden über die erforderlichen personellen und technischen Voraussetzungen verfügen, um zu Hause zumindest ausreichende Lern- und Arbeitsergebnisse zu erzielen. Während die technischen Voraussetzungen (Computer, Breitbandanschluss, etc.) verhältnismäßig einfach zu beschreiben und zu evaluieren sind, ist dies bei den persönlichen deutlich schwieriger. Hier sind neben „Computerkompetenz“ im weitesten Sinne, auch Selbststeuerungsfähigkeiten und Kommunikationsfähigkeit von entscheidender Bedeutung: Aufgaben aus Schule und Arbeitsleben müssen im Rahmen der zu Hause vorhandenen Gegebenheiten geplant und umgesetzt werden, was zu Zielkonflikten beispielsweise zwischen beruflichen und familiären Aufgaben führen kann. Jedoch sind Selbststeuerungsfähigkeiten als individuelle Kompetenz offensichtlich nicht bei allen Personen vergleichbar ausgeprägt. Gut organisierte und strukturierte Personen können vom Home-Office und Home-Schooling deutlich stärker profitieren als weniger organisierte. Ähnlich verhält es sich mit der Kommunikationsfähigkeit.

Entsprechende Computerkompetenz kann Unterstützung bieten

70 Prozent der Lernprozesse am Arbeitsplatz schätzt man als informelles Lernen ein, etwa wenn Kolleginnen und Kollegen kurz um Hilfe gebeten werden. Hier spielt oft die physikalische Kopräsenz eine entscheidende Rolle, sprich, wenn zwei Personen gemeinsam ein Dokument oder den Bildschirm betrachten und auf dieser Basis Fragen und Schwierigkeiten diskutieren. Eine fehlende Kopräsenz in einem Home-Office Szenario zu kompensieren erfordert häufig deutlich höhere Kommunikationsfähigkeiten als im regulären beruflichen oder schulischen Alltag. Entsprechende „Computerkompetenz“ kann dabei Unterstützung bieten, sofern diese vorhanden ist – etwa durch die Übertragung des eigenen Bildschirms in einer Videokonferenz. Eine aktuelle Studie auf Basis der PIAAC Daten (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) legt allerdings nahe, dass sozio-demografische Faktoren einen entscheidenden Einfluss auf die „Computerkompetenz“ haben. In Deutschland erklärt der Bildungshintergrund deutlich stärker als die Generation einer Person Unterschiede in der Computerkompetenz. Weitere Faktoren sind z. B. der Migrationshintergrund und das kulturelle Kapital einer Person. Solche Unterschiede, oft auch als „digital Divide“ (digitale Kluft) bezeichnet, verstärken in der Pandemie-Situation schon bestehende sozio-ökonomische Unterschiede, indem sie die Chancen für weniger kompetente Personen noch weiter reduzieren.

Digitale Kluft vergrößert bestehende soziale Ungleichheiten

Was bedeutet das? Von dem im Rahmen der Corona-Krise prophezeiten „Durchbruch des Home-Office“ profitieren vor allem gut ausgebildete Personen, die in der Regel auch über gute technische Voraussetzungen für das Home-Office verfügen – sofern keine größeren Zielkonflikte zwischen beruflichen und familiären Aufgaben bestehen. Die Corona-Krise bietet Rahmenbedingungen um solche strukturelle Ungleichheiten zu verstärken: Die digitale Kluft vergrößert bestehende soziale Ungleichheiten. Entsprechend dazu berichtet die Süddeutsche Zeitung, dass die Praxis der „Schulschließungen“ in den Bundesländern mit teilweise erstaunlich hohen Schulpräsenzquoten einher geht – um diese Ungleichheiten zumindest teilweise abzumildern. Empfehlenswert wäre es analog dazu auch die Diskussion rund um das Thema „Home-Office“ deutlich stärker differenziert zu führen und dabei insbesondere die Möglichkeiten und Kompetenzen des Einzelnen in diesem Bereich mehr zu berücksichtigen.


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Titelbild: iStockphoto / borchee