Exkursion nach Istanbul

17 September 2026

         

                             

Der Masterstudiengang Kulturwissenschaften auf Studienreise in der Türkei (7.–14. März 2026)

 

Im Rahmen einer Lehr- und Forschungsreise nach Istanbul beschäftigten sich fünf Studierende der Kulturwissenschaften an der Universität der Bundeswehr München mit zentralen Fragen zu religiösem Leben, dem osmanischen Erbe in der heutigen Türkei sowie der deutsch-türkischen Geschichte in Istanbul. Als Metropole am Bosporus bot Istanbul Einblicke in einen historisch gewachsenen Raum, in dem europäische und asiatische Einflüsse aufeinandertreffen. Diese besondere Lage prägte über Jahrhunderte gesellschaftliche, kulturelle und politische Entwicklungen und macht die Stadt zu einem Ort vielfältiger Perspektiven. Die diesjährige Studienreise fand im Rahmen eines Forschungsseminars statt. Ziel war es, ein Reiseziel zu wählen, an dem die Studierenden ihre methodischen und theoretischen Kenntnisse weiterentwickeln und zugleich praktische Forschungserfahrungen sammeln konnten. Dabei wurden Akteurinnen und Akteure vor Ort in den Forschungsprozess eingebunden.

Während der Exkursion bearbeiteten die Studierenden unter Anleitung eine Forschungsaufgabe und untersuchten ein gemeinsames Thema empirisch aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Mittelpunkt standen die praktische Anwendung wissenschaftlicher Methoden sowie die Förderung fachlicher, sozialer und interkultureller Kompetenzen.

Nach Einschätzung der wissenschaftlichen Leitung – Prof. Dr. Robert Langer, Dr. des. Sophie Moser sowie des ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeiters Dr. Benedikt Römer – erwies sich Istanbul als ein besonders geeigneter Forschungsstandort, der den Studierenden vielfältige Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung und zum interkulturellen Lernen bot. Gewährleistet wurde dies nicht zuletzt durch die Ortskenntnis der Exkursionsleitenden bedingt durch z. T. jahrelange Arbeitsaufenthalte vor Ort.

 

Räume, religiöse Praxis und transnationale Verbindungen

 

Die Stadt blickt auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück und war als Konstantinopel das Zentrum des Byzantinischen sowie später die Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Bis heute ist die wechselvolle Geschichte Istanbuls im Stadtbild sichtbar. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Hagia Sophia, deren Funktion sich mehrfach wandelte: von der christlichen Kirche zur Moschee, später zum Museum und 2020 erneut zur Moschee. Dieser Bedeutungswandel spiegelt die verschiedenen religiösen und politischen Epochen der Stadt wider und verdeutlicht, wie eng kulturelles Erbe und religiöse Vielfalt in Istanbul miteinander verbunden sind. Zugleich bietet Istanbul zahlreiche konkrete Anknüpfungspunkte für die Erforschung gesellschaftlicher Transformations- und Aushandlungsprozesse, insbesondere im Hinblick auf Migration, Urbanisierung sowie religiöse und kulturelle Identitäten. Diese Fragestellungen ließen sich unmittelbar mit den Terminen vor Ort verknüpfen: So verweist etwa die evangelische Kreuzkirche, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als religiöser und kultureller Ort in Istanbul besteht, jedoch nur mit Privilegien aus spätosmanischer Zeit ausgestattet in republikanischer Zeit quasi als private Einrichtung gewohnheitsrechtlich weiterbesteht. Der Soldatenfriedhof in Tarabya auf dem Gelände der Sommerresidenz des deutschen Botschafters (ebenfalls ein kulturelles Erbe aus spätosmanischer Zeit) eröffnet wiederum Perspektiven auf die historische Präsenz Deutschlands in Istanbul sowie auf Formen deutsch-türkischer Erinnerungskultur. Einen weiteren Zugang bieten sufische Rituale in Kasımpaşa, deren Rahmung durch die Stadtverwaltung als „kulturelle“ statt als religiöse Praxis exemplarisch verdeutlicht, wie religiöse und kulturelle Identitäten im urbanen Raum ausgehandelt, sichtbar gemacht und politisch kategorisiert werden; denn offiziell sind die öffentlichen Aktivitäten von Sufi-Orden per republikanischer Verfassung seit 1926 verboten. Damit eröffnet die Stadt vielfältige Perspektiven für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit historischen Entwicklungen und aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen.

 

Deutscher Soldatenfriedhof in Tarabya         

 

 

 

Drehende Derwische (Mevleviye)

 

 

Ziegeldächer des Großen Basars                 

 

 

  

Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya

 

Istanbul aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Zum vielseitigen Programm der Exkursion gehörte der Besuch eines Sufi-Rituals der sogenannten drehenden Derwische (Mevleviye), aber auch des Generalkonsulats der Bundesrepublik Deutschland (bis 1918 Botschaft des Deutschen Reiches), wo die Studierenden Einblicke in die wechselvolle Geschichte und aktuelle Herausforderungen erhielten. Im Orient-Institut Istanbul informierte ein Vortrag über die Entwicklung des Instituts und des deutschen Clubs Teutonia e. V., in dessen historischem Gebäude das Institut untergebracht ist – insbesondere auch zu den Verhältnissen während des Zweiten Weltkriegs, als das Clubhaus nationalsozialistische Organisationen ‚beherbergen‘ musste. Eine Führung durch den Großen Basar vermittelte Eindrücke vom Geschäftsleben und besonderen Handwerkstraditionen, auch hinter den Kulissen. Besuche verschiedener Moscheen und Kirchen verdeutlichten die Vielfalt Istanbuls hinsichtlich Architektur, religiöser Praxis und Geschichte.

Eine besondere Erfahrung stellte der Besuch eines alevitischen Cem-Rituals dar, der den Studierenden einen seltenen Einblick in diese religiöse Praxis ermöglichte. Die Studierenden hatten die Gelegenheit die Verantwortlichen des Vereins zu treffen, am gemeinsamen Abendessen der Gemeinde vor dem Ritual teilzunehmen und mit Mitgliedern der Gemeinde ins Gespräch zu kommen. Insbesondere die Gespräche mit den Gemeindemitgliedern eröffneten den Studierenden neue Perspektiven auf alevitische religiöse Praktiken und die Situation dieser religiösen Minderheit in der heutigen Türkei.

Besonders eindrucksvoll waren zudem der Topkapı-Palast mit seiner Reliquiensammlung von Abraham bis zur frühislamischen Zeit sowie eine Bootstour auf dem Bosporus zur Sommerresidenz des Deutschen Botschafters in Tarabya, die vom Wasser aus den Blick auf historische und militärische Gebäude sowie den letzten Sultanspalast Dolmabahçe eröffnete. Für die Studierenden der Universität der Bundeswehr war außerdem das Militärmuseum in Harbiye (Askerî Müze) mit seiner eindrucksvollen Vorführung osmanischer Militärmusik von besonderem Interesse. Das Marinemuseum (Deniz Müzesi) ergänzte diese Perspektive mit militärhistorischen Exponaten und den repräsentativen Schiffen der osmanischen Sultane.

 

Osmanische Militärkapelle und Janitscharen

 

Innere der Hagia Sophia (Ayasofya) 

 

Orient-Institut Istanbul (OII) und Club Teutonia e. V.

 

              

               Clubzimmer Teutonia im Orient-Institut Istanbul in Beyoğlu

 

 

Raum der Heiligen Reliquien im Topkapi-Palast – Mukaddes Emanetler

          

Kadetten - hier insbesondere Mustafa Kemal Atatürk hervorzuheben - aus dem Harbiye-Militärmuseum

 

                    

                     Soldatenfriedhof in Tarabya

 

Wissenschaftliche und interkulturelle Erfahrungen in Istanbul

Eine zentrale Erkenntnis der Exkursion nach Istanbul war das vertiefte Verständnis für die religiöse Vielfalt, die urbane Entwicklung und die historischen Prägungen der Metropole.

Die Auseinandersetzung mit der deutsch-türkischen Geschichte sowie der Einblick in das heutige deutsche und deutschsprachige Leben in Istanbul machten die vielfältigen Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar. Besonders anschaulich wurde dies beim Besuch der Deutschen Schule und im Gespräch mit zwei Schüler:innen, die von ihrem Schulalltag berichteten. Themen wie Deutsch als Unterrichtssprache, gemeinsame Feste, die Schulgemeinschaft sowie die Einbindung der Schule in das Stadtviertel und das gesellschaftliche Leben Istanbuls verdeutlichten, wie deutsch-türkischer Austausch heute konkret gelebt wird. Aber auch Probleme wurden offen angesprochen, so im Bereich des Wissenschaftsaustausches am Beispiel des Deutschen Archäologischen Institutes (DAI). Eine Führung durch die Räumlichkeiten des DAI, die sich in einem Gebäudetrakt der ehemaligen Botschaft des deutschen Kaiserreiches befinden, und Gespräche mit Leitung und Mitarbeitenden waren ein weiteres eindrucksvolles Erlebnis.

Darüber hinaus zeigte sich, dass persönlicher Austausch und direkte Begegnungen einen wichtigen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis leisten. Während ihres Aufenthalts in Istanbul begegneten die Studierenden des Masterjahrgangs Kulturwissenschaften 2022 der Universität der Bundeswehr München den Menschen, der Geschichte und der Kultur der Stadt mit großem Interesse und Offenheit. Ihre fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte, den gesellschaftlichen Entwicklungen und der kulturellen Vielfalt der Metropole, die sie in Berichten und Referaten vorbereitet hatten, bildete dabei gemeinsam mit dem Engagement der Exkursionsleitung die Grundlage für einen lebendigen akademischen und interkulturellen Austausch. An dieser Stelle sei auch allen erwähnten Institutionen für die gastfreundliche Aufnahme und große Hilfsbereitschaft gedankt.