SoWi - Inside Ausgabe 12

Interview mit Herrn Stephan Mai
Interviewer: Zunächst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben. Beginnen wir mit einer allgemeinen Frage: Was sind aktuell Ihre wichtigsten Forschungsprojekte?
Herr Mai: Derzeit beschäftige ich mich intensiv mit meiner Dissertation, in der ich mich mit dem niederländischen Rechtsgelehrten und Diplomaten Abraham de Wicquefort aus dem 17. Jahrhundert auseinandersetze. Wicquefort ist Autor eines bedeutenden diplomatischen Handbuchs: Er beeinflusste mit der diplomatischen Immunität einen Grundstein des Diplomatenrechts und prägte diese Entwicklung maßgebend mit. Besonders spannend finde ich dabei den Einfluss persönlicher Erfahrungen, Praktiken und Handlungen von Diplomaten auf das diplomatische Recht und die daraus resultierenden Strukturen.
Interviewer: Das klingt äußerst interessant. Gibt es ein spezifisches Lieblingsprojekt, an dem Sie gerade arbeiten?
Herr Mai: Neben meiner Dissertation fasziniert mich insbesondere die Frage, wie Geschichte durch verschiedene Medien – sei es in Textform, als Film oder in Videospielen – dargestellt und wahrgenommen wird. Dabei frage ich mich beispielsweise, welche Narrative in Spielen vorherrschen und wie sie das Geschichtsbild der Spielenden beeinflussen.
Interviewer: Videospiele als Medium der Geschichtsvermittlung – das ist spannend. Sehen Sie darin eher Chancen oder Risiken?
Herr Mai: Beides. Einerseits ermöglichen Spiele eine interaktive Auseinandersetzung mit Geschichte, die für viele Menschen leichter zugänglich ist als Texte, also die klassische Darstellungsform von Geschichte. Andererseits besteht die Gefahr, dass Geschichte vereinfacht oder sogar verfälscht wird. Besonders problematisch wird es, wenn Spiele politische oder ideologische Narrative unreflektiert oder absichtlich übernehmen. Das kann Einfluss auf das Geschichtsverständnis der Spielenden haben. Ein Beispiel hierfür ist das russische Propaganda-Spiel "Squad 22: ZOV", das in der Ukraine spielt.
Interviewer: Kommen wir zurück zu Ihrer Dissertation. Was ist das zentrale Ziel Ihrer Arbeit?
Herr Mai: Ich interessierte mich dafür, wie die europäische Form der Diplomatie und vor allem wie das damit verbundene Diplomatenrecht historisch entstanden sind. Konkret interessiert mich der Einfluss der Handlungen, der Praktiken und Erfahrungen der Diplomaten auf diese Entwicklung, beispielsweise wie sie vor Gerichten argumentierten oder wie Recht kodifiziert wurde. Letztlich geht es um die Spannung, die zwischen Diplomatie als Praxis und der rechtlichen Begründung dieser Praxis besteht und die auch die internationalen Beziehungen prägte und prägt.
Interviewer: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen dabei in der Forschung?
Herr Mai: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich die Interpretation historischer Quellen. Diplomatische Korrespondenz ist oft verschlüsselt oder folgt einer bestimmten Rhetorik, die nicht immer leicht zu durchschauen ist. Zudem spielt die historische Rezeption eine große Rolle: Welche Quellen wurden wann und warum als maßgeblich angesehen?
Interviewer: Sie haben bereits an verschiedenen Universitäten studiert und gearbeitet. Welche Unterschiede haben Sie zwischen den Universitäten in Ihrem Fach festgestellt?
Herr Mai: Jede Universität hat ihre eigene Kultur. Ich habe sehr gerne am Historischen Seminar in Heidelberg studiert, wozu das Institut durch sein Personal, die Strukturen und den Studienplan beigetragen hat: Ich habe mich als Student dort sehr wohl gefühlt. Wien wiederum hat mich als wissenschaftlicher Mitarbeiter durch die zahlreichen spezialisierten Institute beeindruckt, eine immense Vielfalt an Ansätzen, wie man Geschichte schreiben kann. Ich kam mit Ansätzen in Berührung, die ich bislang nur aus der Literatur kannte, beispielsweise der Wissenschaftsgeschichte. Bei uns ist die Fakultät stark interdisziplinär ausgerichtet, und dieser Austausch mit anderen Fachbereichen ist eine Bereicherung für mich . Als Disziplin hat die Frühe Neuzeit in der Vergangenheit wiederholt Impulse anderer Disziplinen aufgegriffen; das macht unsere Forschung so spannend, wie ich finde.
Interviewer: Was zeichnet Ihr aktuelles Arbeitsumfeld besonders aus?
Herr Mai: Das offene und kollegiale Klima. Ich arbeite sehr gerne mit unseren engagierten Kolleginnen und Kollegen zusammen, die stets offen für Diskussionen sind. Zudem wird interdisziplinäres Arbeiten hier stark gefördert, was gerade für meine Forschung sehr wertvoll ist.
Interviewer: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Worauf könnten Sie an Ihrem Arbeitsplatz nicht verzichten?
Herr Mai: Definitiv auf Kaffee! Aber im Ernst: Der Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen ist für mich essenziell. Ohne inspirierende Gespräche wäre die Forschung nur halb so spannend.
Interviewer: Vielen Dank für das Gespräch!