Daniel Eisele präsentierte aktuelle Forschung dazu, wie Fußgänger die Anhalteabsicht herannahender Fahrzeuge erkennen.
Die Professur Verkehrspsychologie beschäftigt sich mit dem Erleben und Verhalten aller Verkehrsteilnehmenden. Wir erforschen insbesondere, wie die gebaute Verkehrsumwelt (Infrastruktur) in ihrer Wirkung auf verschiedene Nutzendengruppen bewertet werden kann und gestaltet werden sollte, um ein sicheres und angenehmes Miteinander im Verkehr zu erreichen. Wesentlich dafür ist ein Verständnis der psychischen (kognitiven) Prozesse beim Unterwegssein.
Dabei wenden wir unterschiedliche Methoden an, z.B. Unfallanalysen, Untersuchungen im Realverkehr (Feldbeobachtungen), Experimente in den Fahrsimulatoren des Instituts und Befragungen von Verkehrsteilnehmenden.
Beim sogenannten bedingt verträglichen Abbiegen haben Autofahrende und Radfahrende gleichzeitig Grün: Fahrer können rechts abbiegen, müssen aber geradeaus fahrenden Radlern Vorrang gewähren. In dieser Situation passieren besonders viele Unfälle, weil Radfahrende übersehen werden.
Genau hier setzt diese Arbeit an. Im Zentrum steht die Frage, wie verschiedene Bauformen von Radverkehrsinfrastruktur - etwa fahrbahnnah geführte oder baulich abgesetzte Radwege - das visuelle Suchverhalten abbiegender Autofahrender beeinflussen. Denkbar ist, dass sich mit zunehmender baulicher Separation nicht nur die räumliche Beziehung zwischen Kfz- und Radverkehr die Art und Weise verändert, wie potenzielle Konflikte wahrgenommen, antizipiert und visuell überprüft werden. Eine Infrastruktur, die auf freier Strecke als sicher und angenehm erlebt wird, könnte an Knotenpunkten dazu führen, dass Radfahrende später, seltener oder weniger systematisch in den Blick genommen werden.
Die Arbeit untersucht diese Fragen experimentell mit Eye-Tracking im Fahrsimulator. Ziel ist es, Hypothesen zum visuellen Suchverhalten in unterschiedlichen Infrastrukturszenarien zu entwickeln, Daren im Fahrsimulator zu erheben und die resultierenden Blickdaten im Hinblick auf die Gestaltung sicherer Radverkehrsinfrastruktur zu interpretieren. Dabei geht es nicht nur um die Beschreibung von Blickmustern, sondern auch um deren Bedeutung: Was sagt es aus, wenn bestimmte Bereiche häufiger, früher oder länger betrachtet werden? Welche Muster sprechen für gute Konfliktantizipation - und welche eher für Aufmerksamkeitslücken oder ungünstige Suchstrategien?
Die Arbeit verbindet damit verkehrspsychologische, infrastrukturelle und methodische Perspektiven. Sie bietet die Möglichkeit, ein aktuelles sicherheitsrelevantes Thema mit experimentellen Methoden zu bearbeiten und dabei sowohl theoretisch als auch praktisch relevante Ergebnisse zu gewinnen.
Vorschlag zu Design und Methodik:
Szenarien, die im Simulator genutzt werden können, liegen bereits vor. Simulator und Eye-Tracking-Setup sind natürlich vorhanden.
Aufgaben sind: Konzeption und Durchführung einer experimentellen Studie im Fahrsimulator mit Eye-Tracking; Entwicklung von Hypothesen zum visuellen Suchverhalten in Abbiegesituationen; Definition und Analyse relevanter Blickmaße (z. B. Blickhäufigkeit, Blickdauer, Zeit bis zum ersten Blick auf konfliktkritische Bereiche, Scan-Muster); Diskussion der Ergebnisse im Hinblick auf die Gestaltung sicherer und intuitiv verständlicher Radverkehrsinfrastruktur.
Neben diesem Vorschlag freue ich mich auch von Ihren eigenen Ideen zur Beantwortung der Forschungsfrage zu hören!
Möglicher Zeitraum/Beginn: Ab sofort
Betreuer und Kontakt Dr. Daniel Eisele

Regeltreue, Effizienz oder Entgegenkommen: Welche Verhaltensweisen erwarten und bevorzugen Verkehrsteilnehmende von Fahrzeugen in Fahrzeug-Fußgänger Interaktionen?
Die Einführung automatisierter Fahrzeuge (AVs) wirft nicht nur technische, sondern auch soziale und kulturelle Fragen auf. AVS sollten sich so verhalten, dass ihr Handeln für andere Verkehrsteilnehmende nachvollziehbar und angemessen erscheint. Dabei ist jedoch offen, ob solche Erwartungen universell sind oder kulturell variieren.
Vorfahrtsregeln strukturieren soziale Interaktionen im Verkehr, indem sie klare Verhaltenserwartungen erzeugen. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen von diesen Regeln abgewichen wird, etwa aus situativem Entgegenkommen oder zur Anpassung an das Verhalten anderer. Für automatisierte Fahrzeuge stellt sich daher die Frage, ob sie sich strikt regelkonform und vorhersehbar oder eher flexibel und sozial angepasst verhalten sollten. Während diese Frage oft allgemein diskutiert wird, ist bislang noch wenig darüber bekannt, wie stark solche Erwartungen kulturell geprägt sind.
Für Deutschland liegt bereits ein ausgewerteter Datensatz vor, der zeigt, dass die Einhaltung formeller Vorfahrtsregeln Bewertungen des Fahrzeugverhaltens stark prägt. Zusätzlich steht ein Datensatz, der an einer japanischen Stichprobe erhoben wurde, zur Verfügung. Unsere Hypothesen besagen, dass sich die Muster zwischen beiden Ländern fundamental unterscheiden. Ziel der Arbeit ist es daher, diese vermuteten Unterschiede systematisch theoretisch einzuordnen untersuchen.
Im ersten Schritt soll ein theoretischer Rahmen erarbeitet werden, der begründet, warum und in welcher Weise sich Erwartungen an Fahrzeugverhalten zwischen deutschen und japanischen Verkehrsteilnehmenden unterscheiden könnten. Im zweiten Schritt soll der vorliegende japanische Datensatz ausgewertet werden. Im dritten Schritt werden die japanischen Befunde mit den bereits vorliegenden deutschen Ergebnissen verglichen. Abschließend sollen die gefundenen Unterschiede im Licht der zuvor erarbeiteten theoretischen Perspektiven diskutiert werden.
Die Arbeit bietet damit die Möglichkeit, sowohl konzeptionell als auch empirisch zu einer kulturell sensiblen Gestaltung automatisierter Fahrzeuge beizutragen.
Leitfragen:
Vorschlag zu Design und Methodik: Theoretische Ausarbeitung kultureller Unterschiede auf Basis einschlägiger Literatur; Analyse eines bereits vorliegenden japanischen Datensatzes; anschließender Vergleich mit einem bereits analysierten deutschen Datensatz.
Eine eigene Datenerhebung ist für dieses Thema nicht erforderlich. Der Schwerpunkt liegt auf theoretischer Einordnung, empirischer Auswertung und kulturvergleichender Interpretation.
Möglicher Zeitraum/Beginn: Ab sofort
Betreuer und Kontakt Dr. Daniel Eisele

Damit Interaktionen im Verkehr sicher, effizient und für alle Beteiligten zufriedenstellend verlaufen, ist entscheidend, dass Verkehrsteilnehmende das Verhalten anderer schnell und möglichst zuverlässig vorhersagen können. Im Alltag gelingt dies oft scheinbar mühelos: Menschen schätzen innerhalb kürzester Zeit ein, was andere Verkehrsteilnehmende als Nächstes tun werden, und passen ihr eigenes Verhalten daran an - meistens. Manchmal geschehen Fehler, die mitunter zu Kollisionen führen. Für die Optimierung des Verkehrssystems ist es daher wichtig zu verstehen, auf welchen Hinweisreizen solche Vorhersagen beruhen.
Ein besonders relevantes Beispiel ist die Interaktion zwischen Fußgängern und herannahenden Fahrzeugen in Querungssituationen. Fußgänger müssen häufig einschätzen, ob ein Fahrzeug anhalten wird oder nicht. In der Forschung wurden dafür bislang vor allem visuelle Hinweisreize untersucht, etwa Annäherungsgeschwindigkeit, Bremsverhalten, Fahrzeugtyp oder auch explizite Kommunikationssignale wie Lichtanzeigen. Diese Faktoren wurden in verschiedenen Studien bereits systematisch betrachtet.
Deutlich weniger untersucht ist bislang die Rolle auditiver Hinweisreize. Dabei liefern Fahrzeuggeräusche im Alltag potenziell wichtige Informationen: Menschen können oft hören, ob ein Fahrzeug beschleunigt, langsamer wird oder mit konstanter Geschwindigkeit weiterfährt.
Ziel der Arbeit ist es, erste Erkenntnisse dazu zu gewinnen, ob und wie Klang bzw. Fahrgeräusche von Fahrzeugen als Hinweis auf Anhalteabsichten in Fahrzeug-Fußgänger-Interaktionen genutzt werden. Wie wichtig sind visuelle und auditive Reize im Vergleich?
Die Arbeit soll hierzu eine experimentelle Untersuchung konzipieren, durchführen und auswerten. Visuelle Stimuli liegen bereits vor; die auditiven Stimuli sollen im Rahmen der Arbeit entwickelt bzw. aufgenommen und in das Experiment integriert werden. Die Datenerhebung kann als kontrolliertes Computerexperiment im Labor erfolgen.
Die Arbeit bietet die Möglichkeit, ein theoretisch und praktisch relevantes, bislang wenig untersuchtes Thema experimentell zu bearbeiten. Die Ergebnisse können dazu beitragen, besser zu verstehen, wie Menschen Fahrzeugintentionen wahrnehmen - und welche Rolle auditive Informationen für die Gestaltung sicherer Interaktionen im Straßenverkehr spielen.
Vorschlag zu Design und Methodik:
Konzeption und Durchführung einer experimentellen Laborstudie zur Untersuchung auditiver Hinweisreize in Fahrzeug-Fußgänger-Interaktionen; Entwicklung bzw. Aufnahme geeigneter Klangstimuli; Kombination mit bereits vorliegenden visuellen Stimuli; Auswertung der Daten im Hinblick auf die Einschätzung von Anhalteabsichten.
Eigene Ideen zur theoretischen Einordnung, zur Gestaltung der auditiven Reize oder zur methodischen Umsetzung sind ausdrücklich willkommen.
Möglicher Zeitraum/Beginn: Ab sofort
Betreuer und Kontakt Dr. Daniel Eisele
Wer sich subjektiv sicherer fühlt, nutzt das Fahrrad möglicherweise häufiger; allerdings kann ein hohes Sicherheitsgefühl bei geringer objektiver Sicherheit zu fehlender Kompensation führen und riskantes Verhalten begünstigen. Subjektive Sicherheit spielt somit eine wichtige Rolle für die Bewertung von Radverkehrsinfrastruktur. Diese Arbeit evaluiert Verkehrsinfrastruktur und -situationen hinsichtlich ihrer Wirkung auf das Sicherheitserleben und validiert den Einsatz einer bestehenden Skala zur subjektiven Sicherheit im Kontext städtischer Knotenpunkte und Alltagsfahrten.
Vorschlag zu Design und Methodik:
Möglicher Zeitraum/Beginn: Ab Februar 2026
Betreuer und Kontakt: Stefan Bohmann
How do different design features (zebra crossings, mid-block crossings) affect pedestrians’ perceived safety and willingness to cross? And how does the type of approaching road user (vehicle, bicycle, e-scooter) influence these perceptions?
As cities move toward sustainable, walkable, and multimodal environments, pedestrian safety remains a central concern. While zebra and mid-block crossings are widely used, pedestrians’ perceptions of safety and willingness to cross depend not only on infrastructure but also on the type of approaching traffic participant. Vehicles, bicycles, and e-scooters pose different levels of perceived risk due to size, speed, and predictability. Research has traditionally focused on motor vehicles, with limited attention to new mobility forms such as e-scooters and their influence on pedestrian decision-making. This thesis addresses these gaps by investigating how pedestrians evaluate crossing situations in the presence of different approaching road users and under varying infrastructure designs.
Proposal for design and methodology: Online video/image-based survey: Participants are shown short clips or animations of pedestrians at crossings with approaching vehicles, bicycles, or e-scooters. After each scenario, they evaluate perceived safety and their willingness to cross.
Possible start: Immediately
Contact/advisor: Dr. Hiba Nassereddine
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