Social BRIDGES: Musik als Universalsprache im Fokus der Forschung

25 Januar 2022

Am 19. und 20. Januar 2022 fand die vom Institut für Psychologie an der Universität der Bundeswehr München mitorganisierte Online-Konferenz Social BRIDGES mit dem Thema „Do-Re-Mi-DNA: Biologische Grundlagen der Musik“ statt. Bereits zum fünften Mal seit dem Beginn der COVID-19-Pandemie versammelte die Tagungsreihe eine internationale und interdisziplinäre Gemeinschaft von renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie von Nachwuchsforschenden.

Ein Kakadu übt Tanzbewegungen zu Liedern von Queen und Backstreet Boys, in Dänemark starten im Lockdown Hunderttausende von Menschen zusammen mit der Ministerpräsidentin Mette Frederiksen mit einer Karaoke-Sendung in den Tag, in einem Dorf im Süden von Mali trifft sich die ganze Gemeinde von Jung bis Alt regelmäßig zum Musizieren, Singen und Tanzen. Was macht die Musik zu einer allgemein verständlichen Sprache, die nicht nur Menschen auf der ganzen Welt verbindet, sondern auch das Tierreich anspricht? „Musik ist eine faszinierende Kraft, die uns zusammenbringt und uns wertvolle Erkenntnisse über uns und über unsere Gesellschaft gewinnen lässt“, sagt die Initiatorin und Mitorganisatorin der Tagung Prof. Merle Fairhurst, Professur für Biologische Psychologie an der Universität der Bundeswehr München.

Ein Schlüssel zu unserem Verhalten

Dass der Mensch den Sinn für Melodien und Rhythmen mit zahlreichen Tierarten teilt, ist zwar bekannt, die Forschung hat aber in diesem Bereich noch viel zu entdecken. So befasste sich Prof. Hugo Merchant von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko mit der Wahrnehmung des Taktes der Musik bei Primaten, während ein Team der Nachwuchsforschenden um Alexandre Celma-Miralles von der Universität Pompeu Fabra belegt hat, dass Ratten Rhythmen und Klangfarben von Musikstücken unterscheiden können. Die Fähigkeit aber, den Takt voraussagen zu können, sei eine ausschließlich menschliche Eigenschaft, so Prof. Anirudh Patel von der Tufts University.

Die interdisziplinäre Musikforschung ist ein Weg zu Aufschlüssen, die in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen Anwendung finden. Die Vorträge von Prof. Anna Fiveash von der Universität Lyon I und von Dr. Srishti Nayak von der Vanderbilt University fokussierten auf der biologischen Basis von Zusammenhängen der Musikalität und der sprachlichen Fähigkeiten und blickten auf die Perspektiven, die ihre Befunde für die Erforschung und Behandlung von Sprachstörungen eröffnen können. Das kollektive musikalische Verhalten als Erkenntnisinstrument für soziale Situationen behandelte Dr. Rainer Polak vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in seinem Vortrag. Auf jahrzehntelangen ethnografischen Beobachtungen in Mali basierend, erklärte er die Eigenschaften des sozialen Lernens am Beispiel der Weitergabe von Musik und Tanz in den Dorfgemeinden: „Das Lernen, das in sozialen Situationen stattfindet, ist nicht zufällig, sondern von der Umgebung stimuliert – und genau das macht eine der wichtigen Eigenschaften der sozialen Umgebung aus“.

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Wie Musik uns stärker macht

Alle, die ihre beliebten Musikstücke gerne zur Entspannung oder beim Sport anhören, wissen bestimmt von ihrer wohltuenden Wirkung. Die von Andrea Schittenhelm präsentierte Studie des Teams unter Leitung von Prof. Annette Schmidt vom Institut für Sportwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München beschäftigte sich mit den praktischen Beweisen vom Einfluss verschiedener Arten der Musik auf sportliche Leistungen am Beispiel vom Rudern sowie auf die Regeneration danach. Dabei haben die Forschenden Zusammenhänge zwischen dem Anhören der Musik mit schnellerem Tempo und der gesteigerten Schnelligkeit beim Training festgestellt, während langsamere Musik die Herzfrequenz der Teilnehmenden senken und damit zu ihrer Regeneration deutlich beitragen konnte.

Doch aus Liedern und Melodien aller Arten lässt sich noch viel mehr als Unterstützung der individuellen körperlichen Kraft oder Resilienz gewinnen. Das kann Prof. Niels Christian Hansen vom Centre for Music in the Brain an der Universität Aarhus bestätigen, der in einem internationalen Kooperationsprojekt das weltweit verbreitete Phänomen der „Coronamusik“ untersucht hatte. Der Begriff fasst die Vielfalt von allen musikrelevanten Aktivitäten seit dem Beginn der COVID-19-Pandemie, insbesondere in den Lockdowns, zusammen, sowie auch die Gesamtheit der Musikstücke, die in der Corona-Krise entstanden sind oder neu interpretiert wurden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten heraus, dass das Musizieren, das Singen, das Musikhören oder auch der Austausch über Musik in sozialen Netzwerken das Potential zur sozialen sowie zur emotionalen Bewältigung von pandemiebedingten Stresssituationen gesteigert hatte. Menschen, die negative Emotionen empfunden hatten, nutzten Musik zum emotionalen Ausgleich, und für Menschen mit überwiegend positiver Stimmung diente sie als ein Mittel zur Herstellung der sozialen Verbundenheit. „Wir sollten uns bestimmt noch weiter mit der Rolle der Musik in der Corona-Krise befassen, so dass unsere Gesellschaft auch bei künftigen Herausforderungen, die auf sie zukommen, von ihrer positiven Wirkung profitieren kann“, resümierte der Musikforscher.

Um universelle Züge der Musik zu begreifen, die alle Menschen ansprechen, wären tiefere Einblicke in die kulturelle Evolution sowie in die interkulturelle Diversität unentbehrlich, meint Prof. Patrick Savage von der Keio-Universität: „Inklusive, interdisziplinäre und globale Zusammenarbeit – das ist der Weg voran“.


Einen Überblick über die Veranstaltungsreihe Social BRIDGES sowie über die Inhalte der vergangenen Tagungen erhalten Sie hier >

Unser Beitrag im Bereich "UniBwM aktuell"

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Prof. Merle Fairhurst, Jyothisa Mathew, Dr. Olga Lantukhova – Universität der Bundeswehr München, Institut für Psychologie; Prof. Sonja Kotz – Universität Maastricht; Prof. Aniruddh Patel – Tufts University; Prof. Daniela Sammler - Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik; Prof. Hugo Merchant - Nationale Autonome Universität von Mexiko