M.A. Felix Kronau

Dr. Jenni Brichzin M.A. Jakob Zey
Ideengeschichtliche Analyse des Aufstiegs anti-essenzialistischen Denkens in den Sozialwissenschaften

 

Vergleichende Analyse anti-essenzialistischer Theorieansätze Diskursanalyse zum ‚postfaktischen Zeitalter‘
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Es gibt gegenwärtig kaum ein Forschungsgebiet, das permanenter politisch-gesellschaftlicher Anfeindung so sehr ausgesetzt ist wie die Gender Studies und insbesondere die feministischen Theorien. Aufhänger der Kritik ist dabei die Untersuchung von Geschlechterunterschieden mit anti-essenzialistischen Mitteln, die häufig als Angriff auf die bestehende Ordnung empfunden wird.

 

Vor dem Hintergrund gegenwärtiger politischer Kämpfe widmet sich dieses Teilprojekt den theoretischen Auseinandersetzungen, die insbesondere in den 1980er und 1990er Jahren zur Herausbildung einer anti-essenzialistischen Epistemologie innerhalb feministischer Theorien geführt haben. Im Fokus stehen folgende Fragen: Wie wurde das Verhältnis von Natur und gesellschaftlicher Konstruktion, von Essenzialismus und Ent-Essenzialisierung verhandelt? In welcher Beziehung stehen politischer Aktivismus und wissenschaftliches Innovationsstreben, stehen Normen zur Wahrheit? Haben wir es hier mit inkrementeller Theorieentwicklung zu tun, oder können wir von einer epistemologischen Zäsur sprechen?

Anti-essenzialistische Theorien werden in Zusammenhang gebracht mit der gegenwärtigen Wahrheitskrise. Doch solchen Theorien geht es nicht um die ‚Abschaffung‘ von Wahrheit, wie manche Kritik meint. Ihr Bezugsproblem ist vielmehr die gesellschaftliche Tendenz zur falschen Festschreibung von Wirklichkeit als eindeutige Wahrheit – eine Tendenz, die (wie sich historisch gezeigt hat) mitunter zerstörerische Wirkung entfalten kann.

 

Durch den systematischen Vergleich zwischen vier bedeutenden anti-essenzialistischen Theorierichtungen – Poststrukturalismus, Neo-Pragmatismus, Systemtheorie und neuere Netzwerktheorien – werden unterschiedliche Lösungsstrategien für dieses Bezugsproblem herausgearbeitet. So wird eine differenzierte Einschätzung des Erkenntnispotentials anti-essenzialistischen Denkens möglich, zugleich werden die Grenzen jenes Denkens sichtbar.

Alternative Fakten, Verschwörungstheorien, Querdenken – obwohl diese Positionen ernsthafte politische Probleme bereiten, fällt es in der öffentlichen Auseinandersetzung schwer, sie argumentativ ernst zu nehmen. Die politische Satire weist in diesem Kontext über ihr eigenes Genre hinaus, wenn sie versucht, gefühlte Wahrheiten und randständige Theorien zu entlarven. Anhand einschlägiger Beispiele werden verschiedene Formen der satirischen Intervention im Sinne einer Soziologie der Kritik herausgearbeitet. Eine Analyse der anschließenden medialen Diskurse erlaubt eine differenzierte Verortung der Rezeption zwischen dem Selbstanspruch irritierender Reflexion und dem gängigen Verdacht, die gesellschaftliche Spaltung zu fördern.