1998 in Köln

Die Betonkanuregatta 1998

Am 19. und 20. Juni 1998 fand die 7. Deutsche Betonkanu-Regatta statt. Austragungsort war diesmal die Sportanlage Fühlinger See in Köln. Alle zwei Jahre treten Teams vieler sich mit Beton und Betonverarbeitung beschäftigenden Ausbildungsstätten (Fachschulen, Universitäten, Meisterschulen, ...) zu diesem Wettbewerb an, um Boote aus Beton schwimmen zu lassen. So auch das Institut für Werkstoffe des Bauwesens der Universität der Bundeswehr München. Erstmalig stammte ein Betonboot von hier. Eine Handvoll Freiwillige fanden sich unter der Leitung von Prof. Zimbelmann und Dr. Junggunst zusammen, um die längst überfällige Teilnahme unseres Institutes an der Regatta zu verwirklichen.

Das Prinzip

"Ein Boot aus Beton? Wie soll das denn schwimmen?" So oder ähnlich hörte man von fast allen, denen wir von unserem Vorhaben erzählten. In den Köpfen vieler Menschen ist Beton ein schwerer, unbeweglicher Stoff, vorwiegend in großen grauen Häusern verbaut. Mit diesem mittlerweile zum High-Tech-Werkstoff gereiften Kunststein Fahrzeuge zu bauen und ihn dabei gar schwimmen zu lassen, das konnte sich kaum einer vorstellen.
Dabei ist es so einfach: Beton wiegt bei gleichem Volumen nur etwa ein Drittel von dem, was Stahl wiegt. Und riesige Stahlschiffe schwimmen ja auch - und es erscheint allen normal. Es muss lediglich ein genügend großer Luftraum von einem wasserdichten Material umschlossen werden. Dabei ist es egal, wie schwer das Material ist oder ob es schwerer als Wasser ist, das Boot muss in seiner Gesamtheit lediglich leichter sein, als das Wasser, welches es verdrängt. Ein 300-kg-Boot mit zwei 75-kg-Fahrern und 50 kg Gepäck braucht nur einen halben Kubikmeter Wasser zu verdrängen und schon schwimmt es. Denn dieser halbe Kubikmeter Wasser (500 Liter) wiegt genauso 500 kg wie Boot und Besatzung.
Also: Ein Betonboot - eigentlich kein Problem ...

Der Werkstoff

... wäre da nicht das Problem, dass Beton spröder reagiert als Stahl. Man kann sich das leicht vorstellen: Beton kann sich nicht verbiegen. Er bricht. Und das bei geringeren Kräften als Stahl, besonders beim Ziehen. Das macht es notwendig, bei einem Betonboot die Wände dicker zu gestalten, als man es bei einem Stahlboot tun würde. Damit wird die Gewichtsersparnis des Betons mehr als aufgebraucht. U.a. deshalb hat er sich deshalb nicht im Bau von beweglichen Sachen wie Fahrzeugen durchgesetzt. Auf Grund dieses Umstandes entschlossen wir uns, einen hochfesten Beton zu verwenden, denn mit diesem können bei gleichen Festigkeiten die Wände des Bootes dünner gestaltet werden.
Bei Vorversuchen mit einer eigenen Mischung und parallel laufenden Projekten entwickelten wir Beton mit Festigkeiten, die einem Beton der Festigkeitsklasse B 105 entsprechen, der aber dennoch ohne "exotische Zutaten" (waren durch Wettbewerbseinschränkungen ohnehin meistens nicht zugelassen) und ohne spezielle oder unübliche Verfahren herzustellen war. Dieser Beton schien uns geeignet für unser Vorhaben. Lediglich Kunststofffasern wollten wir dem Beton zufügen, um ihm höhere Widerstandsfähigkeit zu verleihen. Und da Beton nicht viel an Zugkräften aufnehmen kann, sondern seine Festigkeit lediglich bei Druckkräften entwickelt, entschieden wir uns, Kohlefaserlamellen in Längsrichtung unter das Boot zu kleben, die die Zugkräfte entlang der Längsachse des Bootes aufnehmen sollten.

Der Bau

Am Anfang stand die Frage: Wie soll unser Boot aussehen? Wir entschieden uns für die Variante, der Bootbauerkunst derer zu vertrauen, die sich damit auskennen, und nahmen Maß an einem "normalen" Kanu. Für das erste Boot wollten wir nichts spektakuläres, sondern erstmal ein Boot zum Schwimmen bringen. So entwarfen wir ein ca. 4 m langes und etwa 1 m breites Wasserfahrzeug von schlichter Schönheit.
Das Reglement der Betonkanuregatta sieht zwei Klassen von Booten vor, die "Wettkampfklasse" und die "offene Klasse". An Boote der Wettkampfklasse sind höhere Anforderungen an Materialzusammensetzung, Abmaße, Masse und Besatzung gestellt. Boote der offenen Klasse dagegen konnten nahezu beliebig Objekt der Phantasie der Bauer sein, hier war in Bezug auf Form und Aussehen fast alles möglich. Wir wollten ja ein Kanu bauen, also wählten wir die Wettkampfklasse.
Um für die Herstellung des Bootes das im Keller des Institutes liegende Betonlabor verwenden zu können, mussten wir uns was einfallen lassen, damit wir das fertige Boot im Ganzen aus dem Keller holen konnten. Wir entschieden und, es doch nicht im Ganzen zu tun, sondern das Boot in Segmentbauweise (3 Elemente) herzustellen und diese Segmente außerhalb des Kellers zu verschrauben oder verkleben.
Als nächstes ging es an den Schalungsbau. Wir entschieden uns für eine Innenschalung, da wir uns davon einfacher zu handhabende Betonierarbeiten versprachen. Als Material verwendeten wir Styropor, welches sich mit entsprechendem Kleber passend zurechtgeschnitten zu einem Bootskörper formen ließ. So stellten wir ein Bootsvorder- und ein -mittelteil her. Diese umwickelten wir mit Baufolie, damit der Beton nicht an der Schalung haften blieb. So konnten wir diese später problemlos wieder entfernen, was besonders bei dem Vorderteil wichtig war, weil wir diese Schalung zweimal zum Betonieren brauchten, das Boot sollte ja zwei Spitzen bekommen, eine vorn und eine hinten.
Nachdem die Schalung bereit war, konnten wir betonieren. Wir mischten den Beton an und trugen ihn auf die Schalungen auf, wobei wir darauf achten mussten, eine möglichst gleichmäßige Wanddicke zu erzielen. Die Zeit bis zu einer transportfähigen Festigkeit des Betons überbrückten wir mit Feuchthalten des Betons, als wir die fertigen Teile tragen konnten, lagerten wir sie in großen Wassertanks ein.
Nach einiger Zeit holten wir sie wieder raus und verschraubten sie miteinander. An den Stoßkanten hatten wir entsprechende Flansche stehengelassen, in welche wir jetzt Löcher für die Schrauben bohrten. Die Fugen zwei den jeweils zwei Teilen verklebten wir mit Beton oder Betonschlempe. Danach drehten wir das Kanu um und klebten die Kohlefaserlamellen an die Bootsunterseite.
Da unser Boot auf Grund der Fasern noch aussah wie ein Stachelschwein, brannten wir sie einfach ab. Danach verpassten wir mit Handschleifern und Schleifpapier dem Kanu den letzten Schliff der Oberfläche. Abschließend betonierten wir in Höhe der Zusammenstöße der einzelnen Segmente Querstege an die Bootsunterkante, die später als Griffe, Sitze und Befestigungsmöglichkeiten für die vorgeschriebenen Auftriebskörper dienen sollten.
Das Boot war fertig, aber wir wussten immer noch nicht, ob es schwimmt, schließlich brachte es bald 300 kg auf die Waage. Damit war es aber schon zu schwer für das Reglement der Wettkampfklasse. So entschieden wir uns kurzerhand, unser Kanu in die offene Klasse umzumelden.

Die Jungfernfahrt

Den ersten, und bisher einzigen, Wasserkontakt hatte das Boot in den Wassertanks, wo der Beton in Ruhe aushärten konnte. Nach dem Zusammenbau war es noch nie im Naß. Zeit für die Wassertaufe. Mit einem Gabelstapler fuhren wir es zu einer nahe gelegenen Rinne, welche normalerweise für Strömungsversuche benutzt wird. Doch holte sollte das Wasser das Boot umströmen. Die Rinne wurde geflutet, das Boot hineingelassen, der Atem angehalten, und siehe da - es schwamm. Super! Die Arbeit war nicht umsonst. Nach der Erprobung des Unter-Last-Verhaltens (Boot mit Besatzung musste die Rinne mehrmals rauf und runter fahren) war auch diese Phase mit Erfolg abgeschlossen.

Der Name

Als letzten Akt verpassten wir unserem fertigen Kanu mit Sprühfarbe und Schablonen noch einen Namen. Ab sofort hörte es auf "Y-08/15". Diesen Namen wählten wir, weil mit dem "Y", bekannt vom den Kennzeichen der Bundeswehrfahrzeuge, seine Herkunft signalisiert werden sollte, das "08/15" sollte Ausdruck seiner schlichten, aber funktionalen Erscheinung sein.
Allerdings ist es in der offenen Klasse üblich, ein Boot unter einem gewissen Motto fahren zu lassen. Bei uns war dies schnell gefunden: Da unser Boot durch die recht massive Konstruktion wie aus einem ganzen Steinblock geschlagen aussah, fuhr unser Boot unter dem Thema Steinzeit. Für die Besatzung beschafften wir noch ein paar Sackkleider und Holzkeulen, zudem präsentierte sich das ganze Team mit Filzhüten.
Nun konnte es losgehen.

Die Fahrt

Schnell wurde noch ein Gestell aus Holz gebaut, mit dem das Boot "bequem" durch die Gegend getragen werden konnte. Festgeschnallt auf dieses wurde es auf der Ladefläche eines Lkws verladen. Und so ging es am Donnerstag, dem 18. Juni mit dem LKW und zwei Kleinbusses auf nach Köln. Dort angekommen, bereiteten wir uns erstmal darauf vor, die Nacht dort verbringen zu können: Das ganze Leben neben den Booten spielte sich auf dem Zeltplatz neben der Regattastrecke ab. Wir bauten unsere Zelte auf und schlossen erste Bekanntschaften mit anderen Bootsbauern.
Für Verpflegung war gesorgt, ein Versorgungszelt stand schon bereit, welches zur Regatta seine Türen öffnete.

Die Präsentation

Am Freitag Vormittag, bei sehr gutem Wetter, luden wir die "Y-08/15" auf dem Gelände um die Bootshallen am Fühlinger See, der Regattastrecke der Stadt Köln, ab. Zeit für die Präsentation. Jedes Team, derer waren es einige Dutzend, präsentierte sein Boot, stand neugierigen Zuschauern, noch neugierigeren Mitgliedern anderer Teams und natürlich der Jury, die an Konstruktionsdetails interessiert war, Rede und Antwort. Ein buntes Treiben in strahlendem Sonnenschein.

Der Begrüßungabend

Abends lud die Stadt Köln, deren Oberbürgermeister die Schirmherrschaft über die Betonkanuregatta übernommen hatte, zu einem Begrüßungsabend für alle Bootsbauer ein. Ein buntes Programm und reichhaltig Nahrung (fest und flüssig) bildeten die Basis des Abends, Einlagen, wie der Wettbewerb, bei dem jedes Team sein Team-T-Shirt mit einer kurzen Showeinlage präsentierte, ließen die Stimmung immer besser werden. Die nächtliche Rückfahrt zum Zeltplatz war bestens organisiert, keiner ging verloren.

Das Rennen

Am Samstag Vormittag war es soweit, die Kanus der Wettkampfklasse mussten ihre Schnelligkeit und Wendigkeit unter Beweis stellen. Jeweils 4 Teams traten im direkten Wettrennen auf einem geraden Stück und einer Slalomstrecke gegeneinander an. Opfer zu beklagen gab es nur auf Seite der Fahrzeuge, die manchmal, in Kollisionen verwickelt, umkippten oder beschädigt wurden. Zum Glück gab es die DLRG, die Boot und Besatzung sicher ans Ufer zurückbrachte.
Die Boote der offenen Klasse traten nicht zum Rennen an, da sie, teilweise bis 1,6 Tonnen schwer, oft nicht sehr zum schnellen Fahren geeignet waren. Sie sollten in einer Parade zur Schau gestellt werden.

Die Parade

So auch unser Boot, welches eines der offenen Klasse war. Am Nachmittag, als alle Kanurennen beendet waren, ließen die Team mit Paradebooten ihre Meisterstücke zu Wasser. Als alle Boote versammelt waren, setzte sich der Konvoi in Bewegung und fuhr langsam, begleitet von Erklärungen aus dem Lautsprecher und dem Beifall der Zuschauer an ihnen vorbei. Die Stimmung auf Wasser und an Land war gut, auch Petrus ließ sich nicht lumpen und spendete super Wetter.

Der letzte Abend

Am späteren Nachmittag wurden die Helden des Wochenendes geehrt. Sieger waren natürlich die, die auf den ersten Plätzen der Kanurennen lagen. Weitere Preise gab es in der offenen Klasse für herausragende Konstruktionsideen oder gute Gestaltungen und Mottos. Unsere "Y-08/15" belegte (bei 13 Wasserfahrzeugen der offenen Klasse) den 9. Platz. Damit waren wir schon mal nicht letzte, was uns zur Ehrenrettung mit unserem ersten Boot erstmal reichte.
Danach holten wir das Boot aus dem Wasser und verstauten es wieder für die Rückfahrt auf dem LKW.
Am Abend trafen sich viele Beteiligte der Betonkanuregatta 1998 in kleineren oder größeren Gruppen auf dem Zeltplatz zum lockerem Zusammensein. Bei ein paar Bier, Gegrilltem und Musik wurden Erfahrungen beim Bootsbau, die Erlebnisse der letzten Tage und andere Geschichten ausgetauscht.

Die Rückfahrt

Sonntag morgens war alles vorbei. Das Wetter hatte seine Schuldigkeit getan und wurde auch etwas schlechter. Wir brachen unsere Zelte ab, verstauten unsere Sachen und traten den Rückweg an. Dieser wurde etwas erschwert durch eine Reifenpanne, aber das Boot ertrug alles geduldig und landete mit dem Rest der Truppe wieder gut in München.

Das Team

Und das waren sie, die Mitwirkenden:
Joachim Junggunst, Dominik Förstel, Thomas Fritzsch, Christian Gelhaus, Martin Gutberlet, Alexander Jakobs, Ibrahima Kansaye, Kersten Kleinhans, Nitipat Onsanit, Sebastian Wolf und Andreas Haul.
Weiterhin maßgeblich am Bau des Bootes beteiligt waren: , die leider nicht mit nach Köln kommen konnten.

Die Helfer

Unser aller Dank gilt denjenigen, die uns beim Bau des Bootes und dem ganzen Drumherum geholfen und unterstützt haben.

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Bericht von Andreas Haul