Transnationalisierung

Transnationalisierung

Die soziologische Ungleichheitsforschung ist derzeit nicht ohne den Bezugsrahmen Staat zu denken. Ungleichheiten werden entweder innerhalb von nationalen Populationen untersucht oder als Mittelwertsvergleich zwischen Nationalstaaten erfasst, nicht aber als unmittelbarer Vergleich von Menschen oder Positionen. Die A-priori-Zuordnung von Menschen zu Nationalstaaten wurde in der Ungleichheitsforschung bisher nicht problematisiert, weil sich (a) im Nationalstaat näherungsweise Märkte und institutionelle Gefüge zur Deckung bringen ließen und (b) die Mehrzahl der Menschen zumindest pro forma einem Nationalstaat zugeordnet werden konnte. Als Folge von Globalisierungsprozessen kann beides nicht länger selbstverständlich vorausgesetzt werden.

ad a) Vervielfältigung sozialer Vergleichsräume

Güter- und Finanzmärkte überschreiten in zunehmendem Maße nationalstaatliche Grenzen und entziehen sich der politischen Regulation durch den Nationalstaat. Neben, über und unter dem Nationalstaat werden transnationale soziale Räume erkennbar, die mit dem Nationalstaat konkurrieren bzw. ihn als Bezugsraum ergänzen.

ad b) Mehrdeutige Zuordnung zu sozialen Vergleichsräumen

Durch Migration mehrt sich die Zahl der Menschen, die nicht eindeutig einem Nationalstaat zugeordnet werden können. Schon bei den klassischen Formen der internationalen Migration kann der Wert einer Kapitalausstattung zwischen Herkunfts- und Zielland stark differieren. Dennoch ordnet die Ungleichheitssoziologie Migrant/innen in der Regel einem nationalen Positionsgefüge zu. Bei Migrationsformen, die in einen dauerhaften Verbleib im Zielland oder in die Remigration münden, lässt sich eine solche Vorgehensweise noch rechtfertigen. Schwierig wird es aber dann, wenn Menschen längerfristig und zur gleichen Zeit in mehreren nationalen Positionsgefügen leben, es sich also um sog. Pendel- oder Transmigrationen handelt. Auch diese Gruppe kann man dann als international ansehen, wenn ihre Lebensführung und der Wert ihres Kapitals an nationale Märkte gebunden bleibt. Es werden aber auch Lebensweisen beobachtet, die verschiedene Länder übergreifen und die ökonomisch an globalisierte Organisationen angebunden sind. Viele Menschen leben in sozialen Räumen, die jenseits von Staaten organisiert sind. Oder sie bewegen sich zwischen mehreren (nationalen) sozialen Räumen.

Noch ist die empirische Bedeutung des Globalisierungsdiskurses umstritten. Falls es aber tatsächlich zu wesentlichen Veränderungen in der territorialen Organisation von Sozialität kommen sollte, gerät die bisherige ungleichheitssoziologische Forschung unter Druck: Es wird fraglich, ob Ungleichheitssoziologie weiterhin innerhalb bzw. im Vergleich von Nationalstaaten betrieben werden kann. Für soziale Lagen, die sich nicht im Rahmen eines starken Staates verorten lassen, werden Konzepte benötigt, die die räumliche Dimension von Ungleichheitsverhältnissen expliziter formulieren, als das bisher der Fall ist.

Literaturhinweise

  • Albrow, Martin. (1997). Auf Reisen jenseits der Heimat. Soziale Landschaften in einer globalen Stadt. In Ulrich Beck (Hrsg.), Kinder der Freiheit (S. 288-314). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
  • Embong, Abdul Rahman. (2000). Globalization and transnational class relations. Some problems of conceptualization. Third World Quarterly, 21(6) 989-1000.
  • Glick Schiller, Nina, Basch, Linda & Cristina Blanc-Szanton (Hrsg.) (1992). Towards a transnational perspective on migration: Race, class, ethnicity and nationalism reconsidered. New York: New York Academy of Sciences. 
  • Goldring, Luin. (1997). Power and Status in Transnational Social Spaces. In Ludger Pries (Hrsg.), Transnationale Migration [Soziale Welt, Sonderband 12] (S. 179-196). Baden-Baden: Nomos. 
  • Gutiérrez Rodríguez, Encarnación. (1999). Intellektuelle Migrantinnen - Subjektivitäten im Zeitalter von Globalisierung. Eine postkoloniale dekonstruktive Analyse von Biographien im Spannungsverhältnis von Ethnisierung und Vergeschlechtlichung. Opladen: Leske + Budrich. 
  • Hartmann, Michael. (1999). Auf dem Weg zur transnationalen Bourgeoisie? Die Internationalisierung der Wirtschaft und die Internationalität der Spitzenmanager Deutschlands, Frankreichs, Grossbritanniens und der USA. Leviathan, 27(1) 113-141.
  • Iredale, Robyn. (2001). The Migration of Professionals: Theories and Typologies. International Migration, 39(5) 7-26.
  • Ong, Aihwa. (1999). Flexible Citizenship. The cultural logics of transnationality. Durham, London: Duke University. 
  • Pries, Ludger (Hg.). (1997). Transnationale Migration. In Soziale Welt, Sonderband 12. Baden-Baden: Nomos. 
  • Pries, Ludger (ed.). (2001). New transnational social spaces. International migration and transnational companies in the early twenty-first century. London, New York: Routledge. 
  • Rudolph, Hedwig & Felicitas Hillmann. (1998a). The invisible hand needs visible heads: managers, experts and professionals from Western countries in Poland. In Khalid Koser & Helma Lutz (Hrsg.), The new migration in Europe. Social constructions and social realities (S. 60-84). Houndmills: Macmillan. 
  • Rudolph, Hedwig & Felicitas Hillmann. (1998b). Via Baltica. Die Rolle westlicher Fach- und Führungskräfte im Transformationsprozess Lettlands. In WZB-Discussion Paper FS I 98 - 106. Berlin: Wissenschaftszentrum. 
  • Sen, Amartya. (1999). Development as Freedom. New York: Alfred A. Knopf. 
  • Sklair, Leslie. (2001). The transnational capitalist class. Oxford, Malden: Blackwell. 
  • Urry, John. (2000). Sociology beyond societies. Mobilities for the twentyfirst century. London: Routledge. 
  • Wolter, Achim. (1997a). Globalisierung der Beschäftigung. Multinationale Unternehmen als Kanal der Wanderung Höherqualifizierter innerhalb Europas. Baden-Baden: Nomos.