Soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit

In den großen Studien zu sozialer Ungleichheit wird der Gegenstand “soziale Ungleichheit” vergleichsweise eng bestimmt. Man misst etwa Einkommen und Bildung und untersucht deren Verteilung über bestimmte soziodemographische Variablen hinweg. Heute zeigt sich jedoch, dass soziale Lagen immer inkonsistenter werden und die eindeutige Bestimmung sozialer Ungleichheitskategorien entsprechend schwierig. Während sich vor hundert Jahren eine Arbeiterklasse noch deutlich von einer bourgeoisen Kapitalistenklasse unterscheiden ließ, wird heute diskutiert, ob sich jenseits des Individuums (Beck 1986) überhaupt noch Strukturen sozialer Ungleichheit finden lassen (Geißler 1996).

Wir arbeiten an theoretischen Reformulierungen des Gegenstandsbereichs sozialer Ungleichheitsforschung, die im Folgenden anhand von Stefan Hradils einführender Definition gegliedert werden:
“‚Soziale Ungleichheit‘ liegt dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den ‚wertvollen Gütern‘ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten” (Hradil 1999: 26, im Original kursiv).

1. Gesellschaft

Gesellschaft wurde in der sozialen Ungleichheitsforschung bisher näherungsweise als Nationalstaat definiert. Dabei wurde u.a. vorausgesetzt, dass die Grenzen “einer Gesellschaft” mit den Grenzen des Nationalstaats identisch sind. Studien zur internationalen Ungleichheit vergleichen ganze Nationalstaaten und nicht Menschen unmittelbar miteinander. Der Nationalstaat wird so zu einer zentralen Kategorie sozialer Ungleichheit. Für Vergleiche zwischen Menschen ist der Nationalstaat entweder der implizite Rahmen oder die vermittelnde Instanz.

Wir fragen, ob andere Rahmungen für die Frage nach sozialer Ungleichheit denkbar sind. Entwickeln sich auch in transnationalen sozialen Räumen Positionsgefüge? Oder müssen soziale Lagen ganz grundsätzlich auf diverse Raumrelationen bezogen werden?

2. Menschen

Die Formulierung “eine Gesellschaft” meint implizit meist den Nationalstaat. Ähnlich wird beim Begriff “Mensch” allzu oft lediglich an den männlichen Menschen gedacht. In der Ungleichheitsforschung wird das etwa daran ersichtlich, dass sich die soziale Lage vieler Frauen nicht individualisiert, sondern nur im Bezug auf einen Haushalt verstehen lässt (Cyba 1993).
Wir sehen neben erworbenen Ungleichheiten wie Bildung und Einkommen auch die Ungleichstellung aufgrund zugeschriebener Merkmale – etwa Geschlechtszugehörigkeiten, ethnische Zugehörigkeiten oder rassistische Zuschreibungen - als soziale Ungleichheit an. Die Integration von Geschlecht und Ethnizität in die Ungleichheitsforschung wirft eine Reihe von theoretischen Problemen auf, mit denen wir uns aus unterschiedlichen Perspektiven beschäftigen.

3. Wertvolle Güter

Schließlich fragen wir, was unter “wertvollen Gütern”, die regelmäßig ungleich verteilt werden, alles verstanden werden kann. Die kultursoziologische Wende der Ungleichheitsforschung (Bourdieu 1989) hat bereits zu einer verstärkten Berücksichtigung kultureller und sozialer Kapitalien geführt. Darüber hinausgehend vertreten wir die Ansicht, dass die Zuschreibung negativer Merkmale – wie sie z.B. im Rassismus erfolgt – als symbolische vermittelte Dimension sozialer Ungleichheit in theoretische Überlegungen zur sozialen Ungleichheit einbezogen werden sollte.

Literaturhinweise

  • Beck, Urich. 1986. Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M.
  • Bourdieu, Pierre. 1982. Die feinen Unterschiede. Frankfurt/M.. 
  • Cyba, Eva. 1993. Überlegungen zu einer Theorie geschlechtsspezifischer Ungleichheiten. In Petra Frerichs & Margareta Steinrücke (Hrsg.), Soziale Ungleichheit und Geschlechterverhältnisse (S. 33-49). Opladen. 
  • Cyba, Eva. 2000. Geschlecht und soziale Ungleichheit. Konstellationen der Frauenbenachteiligung. Opladen. 
  • Geißler, Rainer. 1996. Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur Gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung. Opladen. 
  • Hall, Stuart. 1994. 'Rasse', Artikulation und Gesellschaften mit struktureller Dominante. In Rassismus und kulturelle Identität (S. 89-136). Hamburg. 
  • Kreckel, Reinhard. 1997. Politische Soziologie der Sozialen Ungleichheit. Frankfurt/M., New York. 
  • Weiß, Anja, Koppetsch, Cornelia, Scharenberg, Albert & Oliver Schmidtke. 2001. Horizontale Disparitäten oder kulturelle Klassifikationen? Zur Integration von Ethnizität und Geschlecht in die Analyse sozialer Ungleichheiten. In dies. (Hrsg.), Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit (S. 7-26). Opladen.