"Mobilitätspioniere"

Mobilitätspioniere

Mobilität ist ein zentrales, aber nach wie vor unscharfes Kennzeichen moderner Gesellschaften. Sie bezieht sich auf räumliche und soziale Phänomene und umfasst faktische Bewegungen (= Verkehr) ebenso wie potentielle Beweglichkeit (= Motilität). In der Selbstwahrnehmung der Ersten Moderne erscheinen Motilität und Verkehr weitgehend deckungsgleich: räumliche Bewegung wird auch als soziale begriffen; faktische Bewegung wird mit der potentiellen Beweglichkeit gleichgesetzt. Unter den Bedingungen der Zweiten Moderne wird diese doppelte Gleichsetzung fragwürdig - um so mehr, als sich ein "Strukturbruch" der Mobilität abzeichnet. Denn Beweglichkeit korrespondiert nicht mehr zwangsläufig mit faktischer Bewegung, und Phänomene wie der "rasende Stillstand" (Paul Virilio) lassen eine unerwartete Gleichzeitigkeit von Beharrung und Bewegung erkennen.

Anhand empirischer Studien an "Mobilitätspionieren" wurde in der ersten SFB-Projektphase gezeigt, wie räumliche und soziale Mobilität neu verkoppelt werden. Es ist deutlich geworden, dass Verkehr und Motilität auseinander treten und die Beschleunigungsdynamik der ‚einfachen Mobilität' an Barrieren stößt. Als Reaktion auf die Mobilitäts- und Flexibilitätszumutungen der Ersten Moderne entstehen Strategien, mit denen Subjekte und Institutionen die Mobilitätslogik der Ersten Moderne unterminieren und eigenständige "Mobilitätspolitiken" betreiben. Hier setzt das Projekt in der zweiten Phase an: Wir fragen nach neuen Strukturmustern und Verkoppelungen von Bewegung und Beweglichkeit. Die "Mobilitätspolitiken" der Subjekte und Institutionen werden zum Thema, wie auch die oft übersehenen "Mobilitätsbarrieren" im Kontext subjektiver und institutioneller Praktiken und Handlungslogiken.

Die Mobilitätspolitiken und Barrieren der Mobilität sollen anhand von drei Kontexten untersucht werden: (a) in jenen Bereichen, auf denen hoher Mobilitätsdruck lastet und denen zugleich der Nimbus des Neuen zugeschrieben wird (Consulting, e-lancer), (b) in Feldern, die als paradigmatisch für den Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft gelten (Medien, IT-Branche) sowie (c) in Kontexten, denen man traditionelle Konstellationen von räumlicher und sozialer Mobilität unterstellt und wo es zu weitreichenden Prozessen der Restrukturierung kommt (Bundeswehr).