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Amtliche Statistik in der Zweiten Moderne

Amtliche Statistik in der Zweiten Moderne

Die Institution der amtlichen Statistik ist in einer engen historischen Beziehung zu nationalstaatlichen Herrschafts- und Planungsinteressen entstanden. Darauf weist nicht nur im 19. Jahrhundert die Simultaneität der Errichtung zentralisierter statistischer Ämter und der Staatsgründungen hin, sondern auch die wichtige Rolle statistischer Arbeiten im Kampf um nationale Einigung. Die klassische amtliche Statistik übt ihre Funktion – die Transformation sozialer Komplexität und Vieldeutigkeit in eindeutige Zahlen – mit einem „nationalen Blick" aus. Sie konstruiert eine soziale Wirklichkeit, in der Nationalstaaten als „Container" von Gesellschaft fungieren. Prozesse wie Globalisierung und Europäisierung stellen diese Perspektive zunehmend in Frage. So überrascht es kaum, dass Statistiker auf nationaler, internationaler und transnationaler Ebene methodologische und institutionelle Antworten auf diese Transformationen suchen. Dies führt zu der Frage: Wie werden interne (Klassifikationen, Methodologie und Modelle) und externe (Organisationsformen) Pluralisierung in der Selbstbeschreibung der amtlichen Statistik verhandelt? Sowie: Welche Auswirkungen hat das auf die Leistungsbezüge der amtlichen Statistik zu den gesellschaftlichen Teilsystemen Politik, (Sozial-) Wissenschaft und Öffentlichkeit?

Diese Fragen sollen anhand von drei empirischen Fallstudien über transnationale Unternehmensstatistik, Arbeitslosigkeitsstatistik sowie Ausländerstatistik beantwortet werden. Zu erforschen ist 1) die Genealogie der jeweiligen statistischen Grundbegriffe und Klassifikationen mit besonderem Augenmerk auf den Nexus zwischen Wissen und Macht, 2) der Umbau der Basiskategorien gegen Ende des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf die wachsende Entgrenzung und Verflüssigung von Gesellschaft, 3) die Verhandlung und Begründung des Kategorienwandels in der innerstatistischen Diskussion sowie 4) der
Umgang der nachfragenden Teilsysteme mit den zunehmend kontingenten und ambivalenten Grenzziehungen der Statistik. Damit will dieses Teilprojekt auf theoretischer Ebene die Aussagekraft der Theorie reflexiver Modernisierung für die Schnittfläche zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit ausloten. Empirisch geht es darum, Strukturen der amtlichen Statistik im Spannungsfeld zwischen nationalstaatlicher Vergangenheit und inter- und transnationalen Anforderungen und Problemen der Gegenwart zu analysieren. Der methodische Fokus dieses qualitativen Forschungsprojekts liegt auf der diskursanalytischen Auswertung textlicher Quellen ergänzt durch Experteninterviews.