Biographische Unsicherheit

Biographische Sicherheitskonstruktionen in der Moderne

Die Frage nach biographischer Sicherheit setzt voraus, dass der Lebenslauf als etwas aufgefasst wird, das eigener und gesellschaftlicher Gestaltung zugänglich ist. Diese Annahme, die uns heute so selbstverständlich (und aufs neue gefährdet) erscheint, ist ein voraussetzungsvolles Ergebnis eines langen historischen Wandlungsprozesses, dem Übergang zur Moderne.

Dafür grundlegend war die Herauslösung des Einzelnen aus allumfassenden Weltbildern des Mittelalters, in denen das Schicksal immer schon vorherbestimmt – und in diesem Sinne sicher – erschien. Gleichzeit war es dem eigenen Handeln unzugänglich und in seinem Ablauf unvorhersehbar. Zwar konnte versucht werden, die Götter durch Gaben und Gebete gutwillig zu stimmen. Der faktische Lebensverlauf blieb jedoch letztlich immer von unvorhersehbarem göttlichen Ratsschluss und Schicksalsschlägen (Epidemien, Kindstod, Krieg) bestimmt (Delumeau, 1985). Vor dem eigenen Schicksal schien es letztlich durch keine noch so ausgeklügelten und aufwendigen Sicherheitsmaßnahmen ein Entkommen zu geben.

Die mit der Durchsetzung der Moderne etablierten Vorstellungen der Beherrschbarkeit der inneren und äußeren Natur, des Glaubens an einen ungebrochenen technischen Fortschritt oder der Idee der Vergesellschaftung über Erwerbsarbeit wirkten sich auch auf den individuellen Lebensverlauf aus. Das noch primär durch Stände und lokale Bindungen vorherbestimmte Leben wurde durch eine neue soziale Struktur, den institutionalisierten Lebenslauf, abgelöst (Kohli, 1985, 1987, S.432). Mit der deutlichen Erhöhung der Lebenserwartung durch eine Verschiebung des Todes ins hohe Alter (Imhof, 1981), der Durchsetzung eines normativen Ablaufprogramms des richtigen Lebens und seiner institutionellen Absicherung, insbesondere durch die Einführung und breitenwirksamen Etablierung der Sozialversicherung (Kohli, 1985), wurde der Lebensverlauf erwartbar und damit individuell und institutionell beeinflussbar. Damit war die Fiktion eines sicheren, nach eigenem Willen gestaltbaren, Lebenslaufs geboren, die in den 1950er und 1960er Jahren für den Großteil der bundesdeutschen Bevölkerung auch zur faktischen Lebensrealität wurde.

Die Freisetzung des Individuums aus ständestaatlichen Bindungen im Übergang zur industriellen Moderne ging einher mit der Reintegration in gesellschaftliche Großgruppen (Klassen) und Arbeitsteilungsmuster (v.a. Versorgerehe, vgl. Bertram 2000, S.19), die unter Rückgriff auf Naturkonstruktionen u.a. der Geschlechtsrollen legitimiert wurden. Das Subjekt fand sich nach der Herauslösung aus der ständestaatlichen Gesellschaft und allumfassenden Weltbildern wieder in neuen stabilen Rahmenbedingungen der Lebensgestaltung. In modernen Theoriekonzepten der 1950er und 1960er Jahre, wie etwa der Institutionentheorie Gehlens, Parsons strukturfunktionaler Sozialisationstheorie oder Eriksons Konzept der Identitätsbildung, erscheinen stabile und vorhersehbare Handlungskontexte als Garanten der Subjektwerdung und als Bedingung erfolgreicher Lebensgestaltung.

Das Spannungsverhältnis zwischen der frühen modernen Vorstellung eines individuell gestaltbaren Lebenslaufs und den durch institutionelle Vorgaben beschränkten Gestaltungsmöglichkeiten setzten den institutionalisierten (männlichen) Lebenslauf (Kohli, 1985) und die (weibliche) Statusbiographie (Levy, 1977) seit den 1980er Jahren zunehmend unter Druck. Die Basisselbstverständlichkeiten männlicher und weiblicher Lebensgestaltung werden sowohl normativ wie lebenspraktisch – etwa durch die Emanzipation der Frau und den Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft – zunehmend fraglich und begründungsnotwendig. Bezogen auf die Gestaltung des individuellen Lebenslaufs sind es vor allem die Basisselbstverständlichkeiten des Normalarbeitsverhältnisses und -erwerbsverlaufs sowie der Normalfamilie, die erodieren und den unhinterfragten Rückgriff auf Standardmodelle der Lebenslaufgestaltung fragwürdig werden lassen (etwa: Berger, 1996, Berger/Sopp, 1994, Brose/Hildenbrand, 1988). Dies ist eine aus moderner Theorieperspektive durchaus verunsichernde Entwicklung.

Solche veränderten Bedingungen für die Gestaltung des eigenen Lebens wirken sich auch – so die These – auf die Muster der Herstellung biographischer Sicherheit aus. Es stellt sich die Frage auf welche “neuen” oder “alten” Muster biographischer Sicherheit heute zurückgegriffen wird. Das Forschungsprojekt zielt auf die biographischen Sicherheitskonstruktionen in einer gewandelten Moderne, in der individuelle Unsicherheitserfahrungen durch institutionellen Wandel hervorgerufen werden und Selbststeuerungs- und Beherrschbarkeitsoptimismen durch die Zunahme unvorhergesehener Lebenslaufereignisse und Nebenfolgen des Modernisierungsprozesses in Frage gestellt werden.

In einem ersten Schritt wird der Übergang vormoderner zu modernen Sicherheitskonstruktionen exemplarisch rekonstruiert (am Beispiel der Lebenstreppendarstellungen und der Durchsetzung biographischer Selbstbeschreibungen). Daraufhin wird die Spannbreite heutiger Sicherheitskonstruktionen anhand empirischen Materials und Sekundäranalysen eruiert. Abschließend gilt es herauszuarbeiten in welcher Weise unterschiedliche Sicherheitskonstruktionen von Personen bei der Gestaltung ihres Lebenslaufs kombiniert werden. Eine Reihe gängiger Hypothesen zum Wandel in der Moderne und ihren Folgen für die individuelle Lebensgestaltung sollen dabei in den Blick genommen werden:

Herrschen kontext- und situationsspezifische Sicherheitskonstruktionen vor oder gibt es einheitliche Strategien der Herstellung biographischer Eindeutigkeit, die zu einem geschlossenen und eindeutigen Sicherheitsregime führen und damit die Möglichkeit biographischen Handelns aufrecht erhalten? Oder wird gezieltes biographisches Handeln unter dem Eindruck unsicher erscheinender Handlungsbedingungen aufgegeben zu Gunsten situativen Entscheidungsverhaltens? Wird biographische Sicherheit zu einer anerkannten Fiktion oder die Fiktion zur anerkannten aber immer wieder neu herzustellenden Wirklichkeit?

Dr. Jens O. Zinn