Krieg und Gewalt in der Reflexiven Moderne

Krieg und Gewalt in der Reflexiven Moderne

Von der politischen Öffentlichkeit lange Zeit unbemerkt, hat der Krieg in den letzten Jahrzehnten schrittweise seine Erscheinungsform verändert: Der klassische Staatenkrieg, der die Szenarien des Kalten Krieges noch weithin geprägt hat, scheint zu einem historischen Auslaufmodell geworden zu sein. Die Staaten haben als die faktischen Monopolisten des Krieges abgedankt, und an ihre Stelle treten immer häufiger parastaatliche, teilweise sogar private Akteure – von lokalen Warlords und Guerillagruppen über weltweit operierende Söldnerfirmen bis zu internationalen Terrornetzwerken – für die der Krieg zu einem dauerhaften Betätigungsfeld geworden ist. Diese "Neuen Kriege" gehen mit Entstaatlichung, Asymmetrisierung und Autonomisierung kriegerischer Gewalt einher.
Dabei sind es die soziopolitischen, kulturellen und ökonomischen Veränderungen, die die so genannten postmodernen Gesellschaften einem Veränderungsschub ausgesetzt haben, von dem auch die Streitkräfte betroffen sind.
War noch für die Moderne die Ausbildung des Nationalstaats und das damit einhergehende neuzeitliche Staatensystem bei kapitalistischer Wirtschaftsordnung kennzeichnend, so meint "reflexive Moderne" ein anderes Zeitgefühl, eine neue Verhaltensweise.
Weltweit verzahnte Modernisierungsrisiken (ökologische Gefahrenlage, atomare Bedrohung, Gentechnologie) machen Bedrohungen global, wobei die öffentliche Wahrnehmung in dieser "Risikogesellschaft" ein geschärftes Risikobewusstsein mit sich bringt. Eine reflexive Gesellschaft erkennt sich selbst als Problem, überprüft Konventionen und vorherrschende Handlungsweisen.
Charakteristische Merkmale für Streitkräfte in dieser reflexiven Moderne lassen sich daher so zusammenfassen:
Sie sind Deeskalationsstreitkräfte, sie sind multinationale Organisationen, und sie befinden sich zugleich in größerer Nähe und in größerer Distanz zur zivilen Gesellschaft als die traditionellen Massenarmeen des 20. Jahrhunderts. Im Kontext der Neuen Kriege und der Entstaatlichung kriegerischer Gewalt werden neue Kompetenzen und ein reflektiertes, verändertes Bild und Selbstverständnis des Soldaten und des Militärs erforderlich.