Berufsverlauf

Berufsverlauf

„Berufsverlaufsforschung“ kann als Oberbegriff für verschiedene Forschungsrichtungen angesehen werden, die Berufseinmündung und Berufsfindung sowie die Berufskarrieren im Lebensverlauf im Hinblick auf ihre sozialen Bedingungskonstellationen analysieren. An der Professur für allgemeine Soziologie wird dieses Thema insbesondere unter der Perspektive der Berufsbiographie (vgl. Zinn 2001) und des Berufsverlaufs von (Zeit-)soldaten untersucht (vgl. Jakob 2001, Kaiser 2003).

Die klassische Forschung zu Berufseinmündung und –verbleib der 1980er Jahre zielte vor allem auf den Übergang von der Ausbildung in den Beruf bzw. die Platzierung im Beschäftigungssystem ab (Kaiser/Nuthmann/Stegmann 1985). Thema war der Verbleib von Absolventen von Bildungsinstitutionen oder Ausbildungsgängen und die Anschlussfähigkeit von Bildungszertifikaten im Beschäftigungssystem. Die Vorstellung, dass im Anschluss an die Berufsausbildung in relativ kurzer Zeit auf Suchbewegungen eine feste und dauerhafte Tätigkeit folgen müsse, hat sich insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich relativiert. Im Rahmen zunehmender beruflicher Flexibilisierungsansprüche und sich verschärfender Arbeitsmarktbedingungen haben sich die Spannen der sogenannten Berufseinmündung verlängert und erscheint für das Ziel einer festen Erwerbstätigkeit zuweilen gar nicht mehr erreichbar.

Aus diesem Grund machte es Sinn die Beobachtungszeiträume zu verlängern oder den Erklärungsanspruch auf den (vorübergehenden) Verbleib nach einer Statuspassage zu beschränken. Etwa die erste Stelle nach einer Ausbildung oder die Platzierung fünf Jahre nach Abschluss der Ausbildung (einen Überblick über den Verbleib von Sozialwissenschaftlern bietet etwa Dammann/Zinn 1995, 161ff., Dammann/Zinn 1997).

Dass die Berufsverlaufsforschung nicht aus der Verbleibforschung, sondern aus der Sozialstrukturanalyse hervorgegangen ist, zeigt sich an der differierenden Fragestellung, die den meisten dieser Studien zugrunde liegt. Es geht um den Einfluss von sozialstrukturellen Faktoren auf die spätere berufliche Platzierung oder den Einfluss früherer beruflicher Ereignisse auf spätere (z.B. Blossfeld 1985a, b, 1990).

Diese auf die Analyse objektiver Erwerbsstatus orientierte Forschungsperspektive erscheint der beruflichen Sozialisations- und Lebensverlaufforschung zu begrenzt. Mittels der Analyse berufsbiographischer Erfahrungsverarbeitung im Lebensverlauf kommen hier die subjektiven Elemente beruflichen Handelns in den Blick und inwieweit sie durch berufsspezifische Erfahrungs- und Bedingungskonstellationen geprägt sind (vgl. z.B. Zinn 2001, Born/ Krüger/ Lorenz-Meyer 1996).

Ein spezielles Anwendungsfeld der Berufsverlaufsforschung ist die Analyse der beruflichen Sozialisation und des Berufsverbleibs von Zeit- und Berufssoldaten (Jakob 2001, Kaiser 2003, van Leuck 2003)).

Literatur

  • Blossfeld, Hans-Peter 1985a: Der Berufseintritt und Berufsverlauf. Eine Kohortenanalyse über die Bedeutung des ersten Berufs in der Erwerbsbiographie. In: MittAB 18.
  • Blossfeld, Hans-Peter 1985b: Bildungsexpansion und Berufschancen. Empirische Analysen zur Lage der Berufsanfänger in der Bundesrepublik, Frankfurt a. M.
  • Bossfeld, Hans-Peter 1990: Berufsverläufe und Arbeitsmarktprozesse. Ergebnisse sozialstruktureller Längsschnittuntersuchungen. In: Mayer, Karl Ulrich (Hg.): Lebensverläufe und sozialer Wandel (KZfSS-Sonderheft 31), Opladen: Westdeutscher Verlag, 118-145.
  • Born, C./ Krüger, H./ Lorenz-Meyer, D. 1996: Der unentdeckte Wandel. Annäherungen an das Verhältnis von Struktur und Norm im weiblichen Lebenslauf. Berlin: Edition Sigma.
  • Dammann, K./ Zinn, J. 1995: Wo sind sie geblieben? Karrieren von Lernenden und Lehrenden. In: Kaufmann, Franz-Xaver/Korff, Rüdiger (Hrsg.): Soziologie in Bielefeld. Ein Rückblick nach 25 Jahren. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte.
  • Dammann, K./ Zinn, J. 1997: Karrieren von Lernenden und Lehrenden der Soziologie. In: Bielefelder Arbeiten zur Verwaltungssoziologie 1997/3. Bielefeld.
  • Jakob, A. 2001: Die Produktion von Sicherheit. Eine Typologie erwerbsbiographischer Sicherheitskonstrukte am Beispiel studierter Zeit-Offiziere vor der Statuspassage ‘Ausscheiden aus der Bundeswehr’ Opladen: Leske+Budrich
  • Kaiser, M./ Nuthmann, R./ Stegmann, H. 1985: Berufliche Verbleibsforschung in der Diskussion. Beiträge aus der Arbeitsmarkt- und Berufsfor­schung, Bd. 90/1. Nürnberg, 35-60.
  • Kaiser, F. 2003: Der berufliche Verbleib von Offizieren auf Zeit mit Studium nach der Bundeswehr. Eine empirische Studie zum Berufseinstieg ausscheidender Offiziere. Diplomarbeit an der Fakultät für Sozialwissenschaften, UniBw München.
  • Leuck, T. van. 2003: Kontinuität im Wandel? Konstruktion erwerbsbiographischer Sicherheit am Beispiel studierter ehemaliger Zeitoffiziere der Bundeswehr nach ihrem Eintritt in den zivilen Arbeitsmarkt. Diplomarbeit an der Fakultät für Sozialwissenschaften, UniBw München.
  • Sozialwissenschaften und Berufspraxis Jg. 18, Heft 4 (herausgegeben vom Berufsverband Deutscher Soziologen)
  • Zinn, J. 2001: Zwischen Gestaltungsanspruch und Strukturvorgaben. Junge Fachkräfte in den ersten Berufsjahren – Erwerbsverläufe, Handlungskontexte und biographische Gestaltungsmodi, Baden-Baden: Nomos.