SoWi - Inside Ausgabe 14

 

Ein Interview über Kultur, die in keine Schublade passt, mit Prof Dr. Eva Blome (15.06.2026)

Seit Juni 2025 ist Prof. Dr. Eva Blome Professorin für Allgemeine Kulturwissenschaften an der UniBw M. Wer mit ihr über Kulturwissenschaft spricht, merkt schnell: Dieses Fach liefert keine einfachen Definitionen. Es lädt vielmehr dazu ein, genauer hinzusehen, scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen und verschiedene Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen. Im SOWI-Inside-Interview spricht Eva Blome über Kultur als offenes Denkfeld, über Bildung und soziale Ungleichheit, über Gender, Herkunft und Kolonialgeschichte, und darüber, warum der Austausch mit Kolleginnen, Kollegen und Studierenden für sie „das Salz in der Suppe“ ist.

 

Liebe Eva, vielen Dank, dass du Dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Du arbeitest an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft, Kulturtheorie, Gender Studies und Sozialwissenschaften. Wie erklärst Du Studierenden, was „Allgemeine Kulturwissenschaft“ eigentlich macht?

Prof. Blome: Das ist gar keine so einfache Frage und vielleicht liegt genau darin schon ein Teil der Antwort. Kulturwissenschaften sind keine Disziplin wie Politikwissenschaft oder Anglistik. Sie sind eher ein interdisziplinärer Verbund von Fächern, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf Kultur schauen.

Das sieht man auch in unserem Studiengang: Sechs Professuren sind beteiligt, alle mit eigenen Begriffen, Methoden und Denkweisen. Für die Studierenden ist das anspruchsvoll. Morgens betrachten sie vielleicht Kulturgüterschutz aus rechtswissenschaftlicher Perspektive, später religiöse Artefakte aus dem 17. Jahrhundert und danach kulturtheoretische Texte.

Meine Professur für Allgemeine Kulturwissenschaften soll dabei gewissermaßen die Klammer bilden. Ich sage den Studierenden nicht: Das ist Kulturwissenschaft. Sondern eher: Wir denken gemeinsam darüber nach, was Kultur sein kann, wie sich dieses Nachdenken historisch entwickelt hat und warum unterschiedliche theoretische „Brillen“ unterschiedliche Dinge sichtbar machen.

 

Viele Studierende wünschen sich am Anfang klare Definitionen. Was machst Du damit?

Prof. Blome: Ich verstehe diesen Wunsch sehr gut. Aber bei Begriffen wie Kultur geht es nicht darum, einmal eine Definition auswendig zu lernen und sie dann anzuwenden. Unsere Aufgabe ist es eher, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen.

Wir schauen uns beispielsweise an, was verschiedene Autorinnen und Autoren über Kultur geschrieben haben. Dann fragen wir: Was möchte dieser Text sagen? Welche Annahmen stecken dahinter? Was wird sichtbar und was bleibt unsichtbar?

Wichtig ist dabei: Eine Containervorstellung von Kultur trägt heute nicht mehr. Kulturen sind keine klar abgegrenzten Schubladen. Kultur ist dynamisch, veränderlich und immer in Bewegung.

 

Findet ihr in einem so interdisziplinären Institut überhaupt eine gemeinsame Sprache?

Prof. Blome: Ich finde, das funktioniert bei uns sehr gut. Natürlich ist es herausfordernd. Es gibt Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen, bei denen ich keine eigene Fachexpertise habe. Aber genau das ist interessant: Lässt man sich trotzdem darauf ein? Hört man zu? Versucht man zu verstehen, woran andere arbeiten?

Viele von uns haben schon vorher interdisziplinär gearbeitet – oft ganz bewusst Für mich war nach meinem Studium der Literaturwissenschaft, Ethnologie und Soziologie zum Beispiel früh klar, dass ich für die Promotion in ein Graduiertenkolleg wollte, in dem Interdisziplinarität wirklich gelebt wird.

Diese Erfahrung prägt mich bis heute. Unser Forschungskolloquium am Institut ist dafür besonders wichtig. Dort können Kolleginnen und Kollegen Vorträge, Artikelentwürfe, Buchideen oder Forschungsanträge vorstellen. Das hält uns im Gespräch.

 

Dein neues Buch beschäftigt sich mit Bildungsgeschichten und sozialer Ungleichheit. Was war der Ausgangspunkt?

Prof. Blome: Empörung. Wir wissen aus PISA und anderen Bildungsstudien seit Jahren, dass Bildungserfolg in Deutschland stark von sozialer Herkunft abhängt. Ich finde das skandalös.

Als Literaturwissenschaftlerin habe ich mich dann gefragt: Was hat eigentlich die Literatur dazu zu sagen? Wie erzählen Romane, Dramen und Erzählungen von Bildung, Herkunft und gesellschaftlichen Grenzen?

Um 1800 entsteht im deutschsprachigen Raum ein sehr wirkmächtiges Konzept von Bildung. Bildung meint nicht nur Ausbildung oder Wissenserwerb, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung, Selbstformung, Weltaneignung. Gleichzeitig bildet sich im 19. Jahrhundert die moderne Klassen- und Ständegesellschaft heraus. Mich hat interessiert, ob diese beiden Entwicklungen zusammenhängen: Bildung als Versprechen und soziale Ungleichheit als Realität.

 

Was zeigen literarische Texte dabei besonders gut?

Prof. Blome: Literatur kann Dinge aussprechen, die in politischen oder pädagogischen Texten nicht immer so deutlich werden. Der klassische Bildungsroman erzählt meist eine Erfolgsgeschichte: Ein männlicher, privilegierter Held entwickelt sich, reist, bildet sich und findet seinen Platz in der Welt.

Aber es gibt auch andere Texte. Sie erzählen negative Bildungsgeschichten. Sie fragen: Was passiert mit denen, die nicht privilegiert geboren werden? Was ist mit denen, die talentiert sind, aber keine Ressourcen haben?

Besonders interessant ist dann das 20. Jahrhundert, vor allem die 1970er Jahre: Schüler-BAföG, Bildungsreformen, Reformuniversitäten. Auch die Bundeswehr-Universitäten entstehen in diesem Kontext. Damals war das Versprechen des sozialen Aufstiegs durch Bildung sehr präsent. Heute erleben wir teilweise eine Enttäuschung dieses Versprechens. Es wird noch immer erzählt: Bildung ist der Weg nach oben. Aber die Statistiken zeigen, dass die Chancen sehr ungleich verteilt sind.

 

Du beschäftigst Dich auch mit Kategorien wie „Rasse“, Geschlecht, Sexualität und Kolonialismus. Warum ist das kulturwissenschaftlich so wichtig?

Prof. Blome: Weil solche Kategorien soziale Wirklichkeit strukturieren. Sie sind Kategorien, mit denen Identität konstruiert oder zugeschrieben wird, oft von anderen. Rechtlich sollte vieles davon keine Rolle mehr spielen. Aber wir wissen, dass Sexismus und Rassismus weiterhin existieren.

Mich interessiert, welche kulturellen Vorstellungen dahinterstehen. Wenn etwa behauptet wird, „unsere Töchter“ müssten vor einer bestimmten Gruppe von Männern geschützt werden, dann ist das keine völlig neue Erzählung. Solche Narrative docken an ältere kulturelle Bilder an. Sie müssen plausibel erscheinen, sonst würden sie nicht funktionieren.

Deshalb lohnt sich der Blick in die Kulturgeschichte. Im deutschsprachigen Kolonialdiskurs um 1900 finden sich sehr wirkmächtige Erzählungen über Körper, Sexualität, Geschlecht und sogenannte Rasse. Wenn wir heutige Diskriminierungsformen verstehen wollen, müssen wir solche Traditionslinien kennen. Und wir müssen intersektional denken: Diskriminierungsformen wirken nicht isoliert, sondern greifen ineinander.

 

Wie machst Du solche Fragen für Studierende greifbar?

Prof. Blome: Man kann mit Begriffen beginnen, die selbstverständlich wirken. Zum Beispiel mit Ethnologie. Im Wort steckt „Ethnos“, also Volk. Früher hieß das Fach „Völkerkunde“. Dann kann man fragen: Warum wurde dieser Begriff problematisch? Warum sprechen wir heute anders darüber?

Oder man schaut auf soziale Herkunft und Studienerfolg. Wie viele Studierende an deutschen Universitäten haben Eltern ohne Studienabschluss? Was hat Klasse mit Bildung zu tun? Ist das nur ein soziologisches oder bildungspolitisches Thema, oder können Kulturwissenschaften dazu auch etwas sagen?

Solche Fragen zeigen: Herkunft, Klasse, Geschlecht oder Zugehörigkeit sind nicht abstrakt. Sie prägen Lebenswege, Chancen und Selbstbilder.

 

Was kann kulturwissenschaftliches Denken für Studierende leisten, die später Führungsverantwortung übernehmen?

Prof. Blome: Es kann zeigen, dass Dinge oft komplexer sind, als sie zunächst wirken. Das ist für Führungskräfte zentral. Man sollte nicht dem ersten Anschein vertrauen, sondern genauer hinschauen, nachfragen und verstehen wollen, warum Menschen unterschiedlich handeln oder unterschiedliche Positionen vertreten.

Ein und dasselbe Phänomen kann aus verschiedenen Perspektiven ganz unterschiedlich aussehen. Kulturwissenschaften schulen die Fähigkeit, diese Perspektiven wahrzunehmen und sich in andere Standpunkte hineinzudenken. Das ist für die Bundeswehr wichtig, aber auch für demokratisches Zusammenleben insgesamt.

 

Du warst Mitglied der Sachverständigenkommission für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung und bist in wissenschaftlichen Beiräten aktiv. Was hast Du daraus mitgenommen?

Prof. Blome: Vor allem, wie wichtig Strukturen sind. Frauenförderprogramme oder Mentoring können sinnvoll sein. Aber entscheidend sind die Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten, forschen und Karriere machen. Wenn es strukturelle Probleme gibt, muss man an diese Strukturen heran. Das braucht einen langen Atem.

Für mich ist solches Engagement wichtig, weil wissenschaftliche Erkenntnisse so in die Gesellschaft zurückwirken können. Ich bin nicht nur Forschende, sondern auch Akteurin. Wenn ich mich mit Geschlecht, Gleichstellung oder Diskriminierung beschäftige, möchte ich nicht nur analysieren, sondern auch Verantwortung übernehmen und dazu beitragen, etwas zu verbessern.

 

Zum Schluss die klassische SOWI-Inside-Frage: Worauf könntest Du an Deinem Arbeitsplatz auf keinen Fall verzichten, außer natürlich auf Bücher?

Prof. Blome: Auf das, was wir gerade machen: den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, aber auch mit den Studierenden. Das brauche ich. Das ist das Salz in der Suppe.

 

Das Interview führte Gertrud Buchenrieder.

 

Linksammlung:

https://www.unibw.de/kuwi/professuren/kuwi-allgemein/blome/prof-dr-eva-blome

https://www.wallstein-verlag.de/9783835357006-ungleiche-verhaeltnisse.html

https://unibw.academia.edu/EvaBlome