SoWi - Inside Ausgabe 13

Ein Interview über Sozial- und Kulturanthropologie, afrikanische Migration und die Faszination ethnographischer Forschung mit Prof. Dr. Johara Berriane (29.04.2026)
Wie lebt und forscht man zwischen Nordafrika und Subsahara-Afrika? Warum wird Migration in Afrika häufig aus der falschen Perspektive betrachtet? Und weshalb braucht gute ethnographische Forschung vor allem eines: Zeit? Im Gespräch erzählt die Sozial- und Kulturanthropologin, Prof. Dr. Johara Berriane, von ihrer Zeit in Marokko, ihrem Weg nach Paris, von Feldforschung im Senegal und davon, warum Neugier wichtiger ist als schnelle Antworten.
Liebe Johara, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für dieses Gespräch nimmst. Du hast einen ungewöhnlich interdisziplinären Weg hinter dir. Gab es einen Moment, der Dich besonders geprägt hat?
Prof. Berriane: Während meines Studiums der Historischen Anthropologie in Freiburg konnte ich ein Jahr an der EHESS in Paris verbringen. Dort habe ich Sozial- und Kulturanthropologie wirklich entdeckt, vor allem durch junge Forschende, die von ihren eigenen Feldforschungen erzählt haben. Diese Nähe zur Praxis hat mich unglaublich fasziniert. Besonders spannend fand ich damals die Forschung zu Subsahara-Afrika. Das war letztlich der Moment, in dem ich wusste: In diese Richtung möchte ich weitergehen.
Du bist in Marokko aufgewachsen, hast aber später auch intensiv zu Subsahara-Afrika geforscht. Was interessiert dich an dieser Verbindung?
Prof. Berriane: Mich hat immer fasziniert, wie eng Nordafrika und Subsahara-Afrika miteinander verflochten sind, sowohl gesellschaftlich und kulturell als auch historisch. In den Regionalwissenschaften werden beide Räume oft strikt getrennt betrachtet. In der Realität sieht man aber, wie stark sie miteinander verbunden sind. Gerade diese Übergänge und Verflechtungen interessieren mich besonders.
Ein zentrales Thema Deiner Forschung ist Religion im Alltag. Was hat dich dabei besonders überrascht?
Prof. Berriane: Im Senegal habe ich erlebt, dass Religion häufig viel stärker als gelebte Praxis verstanden wird, während sie in Marokko oft stärker identitätsbezogen wahrgenommen wird. Besonders spannend fand ich die vielen Ambivalenzen im Alltag. Menschen kombinieren unterschiedliche religiöse Praktiken oder legen religiöse Regeln sehr pragmatisch aus, ohne darin einen Widerspruch zu sehen. Wenn man Religion ethnographisch untersucht, merkt man schnell: Der Alltag ist meist komplexer als jede theoretische Einordnung.
Du beschäftigst dich intensiv mit afrikanischer Migration. Worauf liegt dabei Dein Fokus?
Prof. Berriane: In Europa wird afrikanische Migration oft fast ausschließlich als Bewegung Richtung Norden wahrgenommen. Dabei findet der überwiegende Teil der Migration innerhalb Afrikas statt. Mich interessiert deshalb vor allem das Zusammenleben in afrikanischen Städten: Wie integrieren sich Menschen ohne formale Aufenthaltsverfahren? Welche Rolle spielen soziale Netzwerke? Und wie verändert Migration den urbanen Alltag? Gerade diese innerafrikanischen Dynamiken sind aus meiner Sicht noch viel zu wenig erforscht.
Was bedeutet ethnographische Forschung eigentlich konkret?
Prof. Berriane: Ethnographische Forschung bedeutet vor allem, sich langfristig auf Menschen und ihren Alltag einzulassen. Teilnehmende Beobachtung spielt dabei eine zentrale Rolle. Man verbringt viel Zeit vor Ort, führt Gespräche, beobachtet Routinen und versucht zu verstehen, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen. Das braucht Geduld, aber genau dadurch entstehen oft die spannendsten Erkenntnisse.
Du lehrst inzwischen an der UniBw M. Was gefällt Dir hier besonders?
Prof. Berriane: Die Interdisziplinarität. Die Fakultät bringt sehr unterschiedliche Fachrichtungen zusammen, und genau das finde ich spannend. Ich selbst habe interdisziplinär studiert und schaue gerne über Fachgrenzen hinaus. Außerdem mag ich die Experimentierfreude hier an der Fakultät.
Gibt es eine Lehrveranstaltung, die Dir besonders viel Spaß macht?
Prof. Berriane: Die Vorbereitung der Vorlesung „Einführung in die Sozial- und Kulturanthropologie“ war für mich tatsächlich eine Art ‚Learning by Teaching‘. Man beschäftigt sich noch einmal intensiv mit den Grundlagen des Fachs und entdeckt dabei selbst neue Perspektiven. Ich versuche generell, Themen zu unterrichten, die mich persönlich begeistern, denn diese Begeisterung überträgt sich oft auch auf die Studierenden.
Zum Abschluss: Was möchtest du den Studierenden mitgeben?
Prof. Berriane: Viele unterschätzen, wie relevant kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven später im Berufsleben sein können, gerade auch im militärischen Kontext als Führungspersönlichkeit. Es geht nicht nur um Fachwissen, sondern um Sensibilität, Empathie und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen. Und vielleicht auch darum, neugierig auf die Welt zu bleiben.
Und zuletzt natürlich die obligatorische SOWI-Inside-Frage: Worauf kannst du am Arbeitsplatz nicht verzichten?
Prof. Berriane: Kaffee, lautet die schnelle Antwort, auch wenn es aktuell nur Instantkaffee ist.
Das Interview führte Gertrud Buchenrieder.
Linksammlung:
https://www.unibw.de/kuwi/professuren/flucht-migration-sozmobilitaet/prof-dr-johara-berriane