RFC 9913 zum Thema „Reliable and Available Wireless (RAW) Technologies” wurde von der IETF veröffentlicht
23 April 2026
Die Internet Engineering Task Force (IETF) hat den RFC 9913 “Reliable and Available Wireless (RAW) Technologies" (dt. Zuverlässigee und verfügbare drahtlosen Technologien) veröffentlicht, der einen bedeutenden Schritt in Richtung deterministischer Leistung für drahtlose Netzwerke darstellt. Das Dokument gibt einen Überblick über eine Vielzahl von Wireless-Technologien und bewertet, inwieweit diese eine äußerst zuverlässige IP-Kommunikation mit geringer Latenz für missionskritische Systeme unterstützen können. Verfasst wurde es von Pascal Thubert, Dave Cavalcanti (Intel), Xavier Vilajosana (Universitat Oberta de Catalunya), Corinna Schmitt (Forschungsinstitut CODE, UniBw M) und Janos Farkas (Ericsson).
RFC 9913 zielt darauf ab, die Prinzipien des deterministischen Netzwerks (DetNet) auf den drahtlosen Bereich auszuweiten und dabei Herausforderungen wie intermittierende Konnektivität und variable Latenzzeiten anzugehen. Während sich deterministische Netzwerke traditionell auf industrielles Ethernet und zeitkritische Netzwerke (TSN) konzentriert haben, bringen drahtlose Verbindungen einzigartige Herausforderungen mit sich - Interferenzen, Fading, Mobilität und unvorhersehbare Latenzzeiten -, die neue architektonische Überlegungen erfordern. Daher bietet RAW einen Technologieüberblick und untersucht, wie Funktionen der unteren Schicht wie Scheduling und Diversity die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit kritischer Anwendungen unterstützen können.
Um zuverlässige Lücken in drahtlosen Bereichen zu schließen, bietet RFC 9913 einen umfassenden Überblick über drahtlose Systeme wie IEEE 802.11 (Wi-Fi 6/7), IEEE 802.15.4 TSCH, 5G URLLC und das auf die Luftfahrt ausgerichtete L-Band Digital Aeronautical Communications System (LDACS). Das Dokument analysiert, wie Funktionen wie Mehrwegdiversität, Paketreplikation, geplante Übertragungen und Zeitsynchronisation dazu beitragen können, dass drahtlose Netzwerke deterministische Dienstgarantien erfüllen. Diese Arbeit ist besonders relevant für Sektoren, in denen Ausfälle keine Option sind:
- Industrielle Automatisierung, die eine präzise Bewegungssteuerung erfordert,
- Intelligente Stromnetze, die eine vorhersehbare Fehlerreaktion benötigen,
- Autonome Transportsysteme und
- Luftfahrtkommunikation, bei der Sicherheit und Verfügbarkeit von größter Bedeutung sind.
Durch die Auflistung der Stärken und Grenzen jeder Funktechnologie hilft der Entwurf Netzwerkdesignern zu verstehen, wie sie die Fähigkeiten der unteren Schichten mit den Pfaddiversitäts- und Redundanzmechanismen von RAW kombinieren können, um ein höheres Maß an Zuverlässigkeit zu erreichen.
Einer der zukunftsweisendsten Aspekte von RFC 9913 ist die Einbeziehung von LDACS - einem IPv6-fähigen digitalen Luft-Boden-Kommunikationssystem, das für Luftfahrtnetzwerke der nächsten Generation entwickelt wurde. Die Standardisierungsaktivitäten im Zusammenhang mit LDACS spiegeln die gemeinsame Arbeit von Prof. Dr. Corinna Schmitt (RI CODE / SeCoSys, Universität der Bundeswehr München) und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) wider. Ihre Zusammenarbeit verbindet akademische Forschung, Luft- und Raumfahrttechnik und Internet-Standardisierungsbemühungen. Das DLR treibt LDACS seit langem als sicheren, spektrumseffizienten Nachfolger älterer Luftfahrtkommuni-kationssysteme voran. Durch die Integration von LDACS-Überlegungen in das IETF-RAW-Framework stellt die Zusammenarbeit sicher, dass Luftfahrtkommunikationssysteme von deterministischen IP-Routing-Konzepten profitieren können, die Folgendes ermöglichen:
- Verbesserte End-to-End-Zuverlässigkeit für sicherheitskritische Flugverkehrsdaten
- Native IPv6-Integration, die Luftfahrtnetzwerke an die globale Internetarchitektur anpasst
- Verbesserte Cybersicherheit und Ausfallsicherheit durch deterministisches Routing und Redundanz
- Größere Interoperabilität zwischen Bodeninfrastruktur und Bordsystemen.
Diese Konvergenz von Luftfahrtforschung und Internet-Engineering zeigt, dass RAW nicht auf das industrielle IoT beschränkt ist, sondern sich auch auf große, mobilitätsintensive Umgebungen erstreckt.
Die Untersuchungen zu RFC 9913 sind heute von Bedeutung, da drahtlose Konnektivität zunehmend zum Rückgrat der digitalen Transformation wird. Die Industrie benötigt jedoch nicht nur Konnektivität, sondern auch vorhersehbare Konnektivität. Der Ansatz von RAW umfasst architektonische Verbesserungen wie die Steuerung der Pfadauswahl, die Paketreplikation über getrennte Routen und die dynamische Anpassung an die Verbindungsbedingungen. Diese Funktionen reduzieren Paketverluste, Jitter und Ausfallzeiten erheblich. Für Betreiber ergeben sich folgende Vorteile:
- Reduziertes Betriebsrisiko in kritischen Systemen,
- SLA mit höherer Verfügbarkeit,
- Verbesserte Spektrumseffizienz durch intelligente Planung und
- Zukunftssichere Integration heterogener Funktechnologien.
Mit der Weiterentwicklung drahtloser Netzwerke hin zu 6G-Konzepten und zunehmend autonomen Infrastrukturen werden deterministische Prinzipien für die Aufrechterhaltung von Vertrauen, Sicherheit und Leistung von zentraler Bedeutung sein. Daher gehen Prof. Dr. Corinna Schmitt und ihr Team SeCoSys davon aus, dass drahtlose Netzwerke nicht mehr auf Best-Effort-Datendienste beschränkt sein werden, sondern zunehmend die industrielle Automatisierung, intelligente Energiesysteme, autonome Mobilität und die Luftfahrt-kommunikation unterstützen werden. In diesen Bereichen sind Kommunikationsausfälle nicht nur eine Unannehmlichkeit, sondern können sich direkt auf die Betriebssicherheit, die wirtschaftliche Stabilität und das Vertrauen der Öffentlichkeit auswirken. Deterministische Netzwerkprinzipien erweitern die traditionelle Cybersicherheit durch die Einführung von begrenzter Latenz, Pfaddiversität, Redundanz und kontrolliertem Routing-Verhalten. Diese Eigenschaften verbessern die Widerstandsfähigkeit sowohl gegen zufällige Ausfälle als auch gegen böswillige Störungen. Darüber hinaus konvergieren Sicherheit und Cybersicherheit zunehmend. Ein Cyberangriff auf die Kommunikationsinfrastruktur kann zu einem physischen Sicherheitsvorfall eskalieren, und unzuverlässiges Funkverhalten kann die Zertifizierung und die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften untergraben. Durch kontinuierliche Forschung gelingt es Prof. Dr. Corinna Schmitt und ihrem Team SeCoSys, Sicherheitsmodelle, Risiko-bewertungsmethoden und deterministische Funkarchitekturen systematisch zu integrieren und so ganzheitliche Lösungen statt isolierter Optimierungen zu schaffen.
Die aktive Beteiligung an der IETF-Standardisierung stärkt die technologische Souveränität Europas und stellt sicher, dass Sicherheitsanforderungen direkt in neue globale Standards integriert werden. Anstatt auf extern definierte Protokolle zu reagieren, trägt SeCoSys zu deren Gestaltung bei.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Fortsetzung dieser Forschung eine strategische Notwendigkeit ist. Sie fördert robuste Kommunikationsarchitekturen, stärkt sicherheits-kritische Systeme, unterstützt Innovationen in der Luftfahrt und festigt die Prinzipien der Sicherheit durch Design in zukünftigen drahtlosen Netzwerken. Ein nachhaltiges Engagement wird dafür sorgen, dass Kommunikationssysteme der nächsten Generation nicht nur schneller und effizienter, sondern auch grundlegend sicherer, berechenbarer und zuverlässiger sind.
Links:
RFC 9913: https://www.rfc-editor.org/rfc/rfc9913.html
IETF Working Group DetNet: https://datatracker.ietf.org/wg/detnet/about/
Bilder: © SeCoSys/Schmitt - generiert mit Chatgpt