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Roundtable

Sicherheit in Technik und Gesellschaft

09.11.2006: Austausch zwischen Wissenschaftlern und Vertretern aus Industrie und Medien

roundtable240x140.jpgDie Universität der Bundeswehr München fasst verschiedene Forschungsfelder in einem gemeinsamen Schwerpunkt „Sicherheit in Technik und Gesellschaft“ zusammen. Solch ein Zusammenschluss schärft das Profil der Universität und fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern an der Universität. Wie vielschichtig diese bereits ausgeprägt ist und in wie vielen unterschiedlichen Forschungsfeldern das Thema Sicherheit eine Rolle spielt, darüber tauschten sich einige Professoren im Rahmen eines Round Table Gesprächs mit Vertretern aus Industrieunternehmen und den Medien aus. Im Gespräch ging es um konkrete Forschungsprojekte ebenso wie um die übergeordnete Fragestellungen, wie sich das Empfinden von „Sicherheit“ und „Unsicherheit“ in der Gesellschaft in den letzten Jahren verändert hat und wie Industrie und Wissenschaft darauf reagieren sollten.

hein.jpgProf. Günther Hein, der maßgeblich an der Entwicklung des Satellitennavigationssystems Galileo beteiligt ist, verdeutlichte, wie sehr die Industrienationen bereits heute abhängig von technischen Systemen, beispielsweise der Satellitennavigation, sind. Viele Geräte nutzen etwa die GPS Zeitsynchronisation. Ein Ausfall könnte dramatische Folgen haben. So zielt seine Forschung, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Astrium GmbH in Ottobrunn, zum einen darauf ab, die technischen Systeme selbst so sicher wie möglich zu machen. Zum anderen, so Hein, müsse man sich aber auch die Frage stellen, wie die Abhängigkeit von der Technologie gesteuert werden kann.

Gefahr simulieren
„Nicht mehr wegzudenken als Hilfsmittel und Werkzeug“ sei dabei die Simulation, warb Prof. Axel Lehmann von der Fakultät für Informatik für sein Forschungsgebiet. Denn die Zeit und das Geld für die Entwicklung von Prototypen und langwierige Experimente sei heute nicht mehr da. Stattdessen spielen immer leistungsfähigere Computer mögliche Szenarien durch. So können Verkehrsströme, die Bewegung von Menschenmassen oder auch das Verhalten von Gebäudeteilen bei einer Explosion berechnet werden. Prof. Dr. Ingbert Mangerig von der Fakultät für Bau- und Vermessungswesen benötigt solche Daten etwa, wenn er die Sicherheit von viel befahrenen Brücken untersucht. Er wartet mit unangenehmen Zahlen auf: 70 Prozent der in Deutschland von der Bahn genutzten Brücken sind um die 100 Jahre alt. Doch welche Möglichkeiten hat er als Bauingenieur, um bauliche Infrastruktur sicherer zu machen? Besonderer Wert wird auf Redundanz gelegt: Selbst wenn einzelne Komponenten versagen, darf es nie zum Zusammenbruch des gesamten Bauwerks kommen.

Großes Sicherheitsbedürfnis in der Gesellschaft
roundtable4_240x140.jpgInnerhalb der Gesellschaft ist das Bedürfnis nach Sicherheit in den letzten Jahren gewachsen, hat der Soziologe Prof. Wolfgang Bonß in seiner Forschung festgestellt. Die Menschen sind auch mehr als früher dazu bereit, dafür Einschränkungen, etwa ihrer Persönlichkeitsrechte oder Bewegungsfreiheit, hinzunehmen. So regt sich gegen biometrische Personenkontrollen oder Überwachungskameras in der Öffentlichkeit wenig Widerstand. Doch bis etwa die automatische Gesichtserkennung ausgereift ist, wird es noch viele Jahre dauern, sagte Gert van Iperen, Geschäftsführer der Firma Bosch-Sicherheitssysteme, die an biometrischen Produkten arbeitet. Die lange Zeitspanne bis aus Forschung anwendbare Produkte werden, thematisierte auch Prof. Ignaz Eisele von der Fakultät für Elektrotechnik. Forschung könne nicht „von heute auf morgen“ auf veränderte Bedürfnisse oder neue Gefahren reagieren. Als Beispiel nannte er Gassensoren, die künftig vor unsichtbaren Giften in der Luft warnen. Von der ersten Forschung daran bis zur Entwicklung eines Prototyps dauerte es 20 Jahre. Doch diese Geduld und Genauigkeit aufzubringen und verfrühte Anwendung in der Praxis zu verhindern, liegt auch in der Verantwortung der Wissenschaft. Dazu stellt sich die Frage, ob Wissenschaft künftig alles machen soll, was sie machen kann. Prof. Eisele warnte davor, Tendenzen zuzulassen, die im Namen der Sicherheit übertriebene technische Entwicklungen vorantreiben wollen. Von technischen Systemen erwartet die Gesellschaft hundertprozentige Sicherheit. „Entweder eine Technologie ist sicher oder man sollte es bleiben lassen“, fasste Prof. Bonß die vorherrschende Einstellung zusammen. Doch da wird seiner Meinung nach ein Umdenken stattfinden. „Ein gewisses Maß an Unsicherheit müssen wir aushalten.“ Das betrifft sowohl das Unsicherheitsempfinden jedes einzelnen als auch ein Restrisiko, das in jeder Innovation und technischen Entwicklung steckt.

Cluster zum Thema Sicherheit
Mit diesem interdisziplinären Ansatz und Verständnis des Sicherheitsbegriffs hat sich die Universität der Bundeswehr München bei der Exzellenzinitiative der Bundesregierung um ein Cluster „Safety and Security in a Networked Society“ beworben. Ziel des vorgeschlagenen Exzellenzclusters ist es, eine ganzheitliche Analysemethodik von „Sicherheit“ und „Unsicherheit“ zu leisten und an verschiedensten Anwendungsfeldern zu überprüfen.