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Eine neue Kultur der Unsicherheit

10.11.2017: Zäune, Poller und ständige Polizeipräsenz – wie viel Sicherheit verträgt die Gesellschaft? Auf dem RISK-Jahreskolloquium am 8. November betrachteten Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis die aktuelle Risikoforschung aus verschiedensten Blickwinkeln.
Eine neue Kultur der Unsicherheit

Die beiden Sprecher des Forschungszentrums RISK: Prof. Wolfgang Bonß (links) und Prof. Norbert Gebbeken (rechts)

Paris, London, Brüssel, Berlin: Die Debatte brodelt und nach Terroranschlägen kocht sie wieder hoch. Das Thema Sicherheit – ob auf Kosten der Freiheit – steht in den Medien oder politischen Veranstaltungen im Fokus. Und auch die Kommunen reagieren: Sicherheitsvorkehrungen um Großveranstaltungen werden verschärft. Doch Betonpoller und Stahlzäune hinterlassen einen bleibenden Eindruck in der Stadtarchitektur und führen nicht immer zu einem Gefühl größerer Sicherheit. Inwiefern wir mit Unsicherheit konstruktiv umgehen oder bauliche Maßnahmen effektiv und attraktiv sein können – das sind nur zwei der vielfältigen Fragestellungen, mit denen sich das Forschungszentrum RISK (Risiko, Infrastruktur, Sicherheit und Konflikt) der Universität der Bundeswehr München von technischer, natur- und sozialwissenschaftlicher Seite beschäftigt. Dank ihrer interdisziplinären Forschungsarbeit und gemeinsamen Veröffentlichungen leiste RISK mit den zwei Sprechern Prof. Norbert Gebbeken und Prof. Wolfgang Bonß an der Spitze eine wichtige Hilfestellung für Staat und Gesellschaft, betonte die Präsidentin der Universität, Prof. Merith Niehuss, in ihrem Grußwort an die rund 100 Gäste der Veranstaltung.

Unsicherheit akzeptieren lernen

Eine fast schon philosophische Frage treibt Prof. Bonß um: Wie viele Unsicherheiten muss eine Gesellschaft aushalten? „Wir müssen uns auf eine Kultur der Unsicherheit einlassen und eine situative Sicherheit auf Zeit schaffen“, sagte der Soziologe auf der Jahrestagung. Unsicherheit könne auch als Produktivitätsressource gesehen werden – die allgemein vertretene Position stufe Unsicherheit allerdings als zu beseitigendes Ärgernis ein. Zwei Typen von Unsicherheiten – beides gleich wichtige „Risiken“ – unterscheidet der Professor. Erstere seien mit überschaubaren, finanziell kompensierbaren Schäden beherrbar. Darunter fallen z.B. der Risikosportler oder der kühne Ingenieur, erklärte Bonß und erntete dafür amüsierte Blicke des Publikums. Unter neuen Risiken verstehe man etwa Kraftwerke, Nanotechnologie oder Aktienmärkte, deren Risiko nicht vollständig kalkulierbar, ihr zeitlicher, sozialer oder sachlicher Schaden nicht finanziell aufzuwiegen sei.

Risikoprävention

Für den Umgang mit schwer einzuschätzenden Risiken gibt es verschiedene Ansätze. Vorbeugend können Städte und angreifbare Gebäude mit Hindernissen gesichert werden. Think green, empfiehlt dabei Prof. Norbert Gebbeken – von Moderatorin Dr. Jasmin Riedl als einer der kühnen Ingenieure angekündigt – als Alternative. Der international renommierte Baustatikexperte plädiert für unsichtbaren Schutz vor Angreifern, in Form von Hecken oder Skulpturen. Sogenannte Tigerfallen, die im Boden verborgen sind, können Lastwagen Einhalt bieten. Aber nicht nur Gebäude, auch ganze Infrastrukturen und Versorgungsnetze müssen gegen Übergriffe geschützt werden. Dr. Martin Zsifkovits berichtete von der Forschung der Professur für Operations Research, die derzeit am Folgeprojekt eines Forschungsvorhabens zum Schutz des Bahnverkehrs arbeitet. Um die hohe Fehlerquote von Sensoren bei der Detektion von Sprengstoff oder anderen gefährlichen Substanzen zu verringern, will die Professur Sensoren kombinieren. Auch die Siedlungswasserwirtschaft ist als Bereitsteller des Trinkwassers und der Ableiter des häuslichen Abwassers angreifbar. „Sie ist Teil einer kritischen Infastruktur“, sagte apl. Prof. Steffen Krause, der in einem Forschungsprojekt illegalen Drogenlaboren über das Kanalnetz auf die Spur kommt. Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung und ihrer Abhängigkeit von der Stromversorgung müsse auch sie gegen Angriffe geschützt werden.

Auch die Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr oder des Technischen Hilfswerks müssen sich auf neue Bedrohungen und die Behandlung anderer Verletzungsarten einstellen. Prof. Eva-Maria Kern untersucht Standards für bestimmte Schadenszenarien und die Rolle von Erfahrungswissen in Einsatzorganisationen und leitet daraus auch für andere Institutionen wertvolle Orientierungshilfen für ein Risikomanagement ab. Einsatzkräfte sind darauf angewiesen, ihr Wissen stets zu erweitern und für den Ernstfall zu proben. Serious Games bieten eine spielerische und virtuelle Alternative. In der Entwicklung der Spiele steuert Prof. Manuela Pietraß wissenschaftliches Know-how bei. Die Professorin für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Medienbildung achtet darauf, dass dabei ethische Grenzen eingehalten werden: So realistisch wie möglich, so virtuell wie notwendig soll das Spiel sein. Wie Aufklärung und Prävention mit Videoclips gestaltet werden können, erklärte Prof. Sonja Kretzschmar. Weitere Vorträge beschäftigten sich mit der Balance zwischen Sicherheit und Freiheit und dem Pro und Contra einer Versicherungspflicht für Elementargefahren.

Unsicherheit als soziales Konstrukt

In der abschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von der Leiterin der Politischen Akademie Tutzing Prof. Ursula Münch, wurde deutlich: Auch die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen können ein Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung nicht beseitigen. Den Bürgerinnen und Bürgern ginge es nicht unbedingt um mehr Polizeipräsenz, sie sähen vielmehr ihr persönliches Sicherheitsempfinden in Gefahr, fasste der stellvertretende CSU-Generalsekretär Markus Blume die besorgten, an ihn gerichteten Briefe zusammen. Oliver Bendixen, Polizeiexperte des Bayerischen Fernsehens, sieht unter anderem die sozialen Medien in der Verantwortung, die beispielsweise mit Falschmeldungen anlässlich des Münchner Amoklaufes im letzten Sommer Panik ausgelöst hätten. Er wünschte sich zudem bei den journalistischen Medien mehr Grundsatzdebatten über die Wirkung von Berichterstattung. Prof. Martin Voss, der die Katastrophenforschungsstelle an der FU Berlin leitet, plädierte ebenfalls für differenziertere Diskussionen. Das Thema Sicherheit müsse weiter gefasst werden. Menschen seien grundsätzlich verunsichert. „Das Sozialsystem greift nicht mehr“, nahm der Professor nachdenklich Bezug auf Unsicherheiten im Alter. Die anschließenden Fragen aus dem Publikum zeigten: Das Thema des RISK-Jahreskolloquiums bewegt und ist aktueller denn je.

Termine
Vortrag Prof. Axel Schaffer: "Klimawandel als ökonomische und ethische Herausforderung" 25.11.2017 17:30 - 18:15 — Alte Kongresshalle München, Theresienhöhe 15
Vortrag PD Dr. Hega Pelizäus-Hoffmeister: "IT im Alter: Ein neuer Zugang zur Welt" 26.11.2017 13:45 - 14:30 — Alte Kongresshalle München, Theresienhöhe 15
Master-Feier 2017 09.12.2017 13:00 - 18:00 — Universität der Bundeswehr München, Geb. 33, Audimax
Vortrag Prof. Hermann Rumschöttel: „Ruhmreiche militärische Vergangenheiten? Soldatische Erinnerungskultur und Geschichtspolitik für Streitkräfte“ 24.01.2018 18:00 - 19:00 — Audimax, Geb. 33, Universität der Bundeswehr München
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