CI-Element wave

Deutsch-indische Forschungskooperation treibt Hochwasserschutz voran

05.09.2016: Anfang September traf sich die Forschungsgruppe „FloodEvac“ zu einem Erfahrungsaustausch im oberfränkischen Kulmbach. Auf deutscher Seite koordiniert das Projekt Norbert Gebbeken, Professor für Baustatik an der Universität der Bundeswehr München.
Deutsch-indische Forschungskooperation treibt Hochwasserschutz voran

Prof. Norbert Gebbeken, Ministerialrat Dr. Wolf-Hendrik Junker, Prof. Sethuraman Rao, Oberbürgermeister Henry Schramm (v.l.n.r.)

Der weiße Main bei Kulmbach ist das Untersuchungsgebiet von „FloodEvac“ für den globalen Hochwasserschutz. Das vor anderthalb Jahren gestartete Projekt geht nun in die zweite Runde. In Kulmbach tauschten sich die Verantwortlichen aus der Wissenschaft mit Vertretern der Hilfsorganisationen (THW, BRK Wasserwacht, Feuerwehr, Oberste Baubehörde, Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaftsamt) und dem verantwortlichen Ministerialrat aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung für die deutsche zivile Sicherheitsforschung, Dr. Wolf-Hendrik Junker, aus.

Hochwasserschutz mit dem Smartphone

Im Forschungsvorhaben „FloodEvac“ untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Einfluss von Hochwasser auf Transport-Infrastrukturen wie Straßen, Brücken, Tunnel und Dämme und entwickeln ein System zur Optimierung der Evakuierungsrouten und für die zivile Sicherheitsplanung. Das Forscherteam hat unter anderem herausgefunden, dass sich Smartphones zum Sammeln von Schwingungsdaten an Brücken eignen. „Früher brauchte man dafür einen Riesenapparat“, erklärte Prof. Gebbeken. „Das geht jetzt über Smartphones viel leichter.“

Handeln im Katastrophenfall

Auf der Tagung stellten die beteiligten Ingenieure der Jacobs University Bremen zum ersten Mal ihren Unterwasser-Roboter der Öffentlichkeit vor, der bis zu zehn Meter tief tauchen und schwimmen kann. „Unser Roboter ist mit einem bildgebenden Sonar ausgestattet, das auch bei null Sicht die Umgebung erfassen kann“, erklärte Prof. Andreas Birk. Der Roboter wurde entwickelt, um an Brücken beschädigte und unterspülte Fundamente zu entdecken.

Prof. Gebbeken, Sprecher des Forschungszentrums RISK der Universität der Bundeswehr München, setzt große Erwartungen in das deutsch-indische Projekt. Halten bei Hochwasser die Brücken und Straßen? Wie können die betroffenen Menschen aus dem Katastrophengebiet evakuiert werden? Bei der Beantwortung der Fragen stützten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich zunächst auf ein Kulmbacher Hochwasser-Modell der TU München, das von Prof. Markus Disse entwickelt wurde. Die entwickelte Risikokarte zeigt an, welche Flächen in der Stadt überflutet werden, wenn an der Flutmulde des weißen Mains ein Jahrhundert- oder ein Jahrtausendhochwasser eintritt.

Der Gefahr werde man sich oftmals erst dann bewusst, wenn ein großes Schadensereignis eintritt, schilderte Kulmbachs Oberbürgermeister Henry Schramm aus eigener Erfahrung und erinnerte dabei an das große Hochwasser von 2006. Damals standen die nördlichen Kulmbacher Stadtteile kurz vor der Katastrophe. Der Umbau der Flutmulde, der seit dem Frühjahr 2014 läuft, habe nun zum Ziel, Kulmbach vor einem hundertjährlichen Hochwasser zu schützen. Das Wasserwirtschaftsamt Hof arbeitet daran, dass eben jenes Szenario, das „FloodEvac“ für Kulmbach skizziert hat, nie mehr eintreten kann. Der Bau der Schutzanlagen ist bereits weit fortgeschritten.

Ein neues Messverfahren zeigten der Bauingenieur Maximilian Garsch von der Universität der Bundeswehr München und Informatiker Maik Benndorf von der Hochschule Mittweida in Sachsen. An der Mainbrücke stellten die Wissenschaftler den Tagungsteilnehmern ihr vergleichsweise einfaches Verfahren vor. Die sensiblen Bewegungssensoren handelsüblicher Smartphones zeichneten die Schwingungen der Brücke auf. Über die Daten lässt sich auf mögliche Schäden durch Hochwasser am Bauwerk schließen. Die möglichen Evakuierungsrouten werden auf Basis der gelieferten Daten von den Informatikern der TU Kaiserslautern um Prof. Horst Hamacher ermittelt. Wie die gesellschaftlichen Fragestellungen im interkulturellen Kontext bei Katastrophen zu bewerten sind, damit beschäftigt sich Prof. Martin Voss mit seinem Team von der Katastrophenforschungsstelle, die an der Freien Universität Berlin angesiedelt ist.

Kulmbacher Modell übertragbar auf andere Städte

In anderen Teilen der Welt ist die Bedrohungslage weitaus schlimmer, als sie in Kulmbach je war. Die Wissenschaftler Prof. Sethuraman Rao von der Amrita Universität (Koordinator "FloodEvac" Indien) und Anupriya Goyal vom Indian Institute of Technology Delhi, berichteten im Rahmen der Tagung von zunehmenden Überflutungen in ihrem Heimatland.

Die Erkenntnisse des gemeinsamen Projektes können im Notfall viele Menschenleben retten. Bereits im Vorfeld muss die Bevölkerung informiert werden, nicht erst nach Eintritt einer Katastrophe. Das Kulmbacher Modell sei für eine Mega-Stadt wie Delhi grundsätzlich übertragbar, ist sich das Forscherteam einig. Bei allem technischen Fortschritt steht für Prof. Gebbeken aber fest: „Wir müssen künftig stärker mit der Natur leben. Kanäle zu bauen ist der falsche Weg“. Die Flutmulde des weißen Mains diene dabei erneut als Vorzeigemodell. Aus dem künstlich angelegten Flussbett werde nun ein naturnah gestalteter Lebensbereich mit maximalem Hochwasserschutz.

CI-Element Spinner