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Forschung

 

Aktuelle Forschungsschwerpunkte und -projekte


Wahrnehmung, Bewegung und Kognition

Zahlreiche Phänomene im Sport legen die Vermutung nahe, dass Wahrnehmung und Bewegung auf Basis gemeinsamer kognitiver Repräsentationen verzahnt sind, welche die Wahrnehmung bewegungsbezogener Kontexte beim aktiven Handeln sowie bei der Beobachtung von Fremdbewegungen strukturieren. Neuere theoretische Ansätze gründen auf funktionalen, handlungseffektbezogenen Strukturen als semantischen Kernen gemeinsamer Repräsentationen. Auf dieser Grundlage stellt sich die Frage, ob sich dieses "common coding" (Prinz, 1997) in Zusammenhängen zwischen perzeptiven Leistungen bei der Beobachtung von Frembewegungen und motorischer Kompetenz des Beobachters niederschlägt. Auf perzeptiver Seite setzt dies voraus, dass funktionale Strukturen des Handelns anhand topologischer Merkmale von Bewegungsverläufen erkannt werden können, wofür eine Reihe von Befunden aus Studien mit sog. Point-Light Displays spricht.
In einer experimentellen Versuchsreihe wurde der Zusammenhang von perzeptiven (Erkennens-)Leistungen und motorischer Kompetenz bzgl. der gleichen Bewegung untersucht. Es bestätigt sich zum Ersten auch in dieser Studie, dass in Point-Light-Technik dargestellte Bewegungsabläufe allein auf Basis animierter topologischer Merkmale erkannt und in hohem Grade differenziert werden. Zum Zweiten können signifikante Zusammenhänge zwischen motorischer und perzeptiver Expertise sowie sprachlicher Differenzierung festgestellt werden, die mit dem Grad einschlägiger Bewegungs-erfahrung kovariieren. Letzteres ist im Rahmen von „Embodied cognition“- Konzepten plausibel interpretierbar (Scherer, 2011).
Weitere Studien zur Strukturierung des Blickverhaltens (erfasst über Eye tracking) und der Wahrnehmung beim Bewegen selbst sind in Vorbereitung.

Transfer beim Bewegungslernen

Bei der didaktischen Organisation von Lernprozessen geht man explizit oder implizit von der Erwartung aus, dass Lerneffekte aus vorausgehenden Lehr-Lernprozessen nachfolgende Lernprozesse im Sinne positiven Transfers beeinflussen. Die Lernforschung beschäftigt sich u.a. mit den Fragen, wie transferrelevante Einheiten beschaffen sind, wie sie übertragen werden und wie sich bei Transfer Teil- bzw. Gesamtstrukturen verändern. Der vorliegende Forschungsansatz verfolgt die Transferfrage auf Basis aktueller Ansätze zur effektorientierten Verhaltenssteuerung und Handlungskontrolle. Als transferrelevante Einheiten werden situationsbezogene Aktions-Effekt-Relationen (SAE- bzw. SRE (stimulus-response-effect)-Triplets) unter Führung antizipierter Effekte angenommen. Antizipierte Effekte dürften demnach für den Transfer solcher Relationen in neue (Lern-) Kontexte verantwortlich sein. In (feld-) experimentellen Studien konnten signifikante Intertask- und Intratask-Effekte nachgewiesen werden, die sich auf dieser Modellbasis interpretieren lassen (Scherer, 2005; Scherer, Kuhn & Reszel, 2010). Derzeit werden experimentelle Bedingungsanalysen durchgeführt.

Psycho-physische Anforderungen und motorische Fitness

Entwicklung eines Screening-Verfahrens zur Diagnose und Intervention im Bereich motorischer Fitness im Rahmen eines komplexen Tools zur physischen, mentalen und motorischen Fitness von Soldaten.

Mitarbeiter Kornelius Kraus

Verbundforschungsprojekt in Kooperation mit Prof. Dr. Hackfort (UniBw München) und Prof. Dr. Dr. Leyk (DSHS Köln)

Frühere Forschungsschwerpunkte


Curriculumentwicklung im Blinden - und Sehbehindertensport

In einem Kooperationsprojekt des sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Marburg und der Deutschen Blindenstudienanstalt wurden ab 1979 Sportangebote für blinde und sehbehinderte Schüler entwickelt, evaluiert und im Rahmen eines Gesamtcurriculums implementiert (z.B. Leichtathletik, Skilauf, Windsurfen, Kajak, Klettern, Rollen und Gleiten, Schwimmen u.a.). Wesentliche pädagogische Orientierung in diesem Curriculum, das seit einigen Jahren sukzessive und mit Erfolg in die schulische Regie überführt wurde, war und ist, neben der Entwicklungsförderung, die Vorbereitung auf den außerschulischen integrativen Freizeitsport. Parallel und in enger Verzahnung mit dem schulischen Projekt wurde deshalb in einem zweiten Projektteil eine Infrastruktur von Sportangeboten in Regelsportvereinen für blinde und sehbehinderte Sportinteressenten entwickelt. Diese Sportangebote erfreuen sich regen Zuspruchs blinder wie sehender Freizeitsportler. Auf der Didacta 2009 erreichte das Projekt den 2. Platz im "Deutschen Innovationspreis für nachhaltige Bildung".  

Spezielle Probleme im Sport mit blinden Menschen

Im Rahmen der Entwicklung von Sportangeboten für blinde Menschen ergaben sich insbesondere zwei spezifische Probleme beim sportlichen Handeln und Lernen: Zum einen das Problem der Raumwahrnehmung und räumlichen Orientierung bei alltagsfernen, schnellen, raumgreifenden und in ungewohnten Raumlagen und Bewegungsmedien (Schnee, Wasser, Luft, Lokomotionsinstrumente wie Skates, Ski, Surfboard etc.) zu vollziehenden Bewegungen, bei denen zudem die gewohnten Orientierungshilfen (z.B. Blindenstock) nicht nutzbar sind. Hier stellte sich für Praxis und Forschung die Frage, wie sich blinde Menschen auf Basis der in den je spezifischen dynamischen Wahrnehmungsfeldern emergenten Informationen weitestmöglich eigenständig orientieren können. Ein zweites Problem ist in der Bildung von handlungsleitenden Bewegungsvorstellungen für die i.d.R. alltagsfernen sportlichen Handlungen zu sehen. Beide Fragenkomplexe wurden in eigenen, eher grundlagenorientiert und experimentell angelegten Projekten bearbeitet und es konnten eine Reihe praxisrelevanter Lösungen gefunden werden.

Situative Kontexte als Lernfaktoren

Ausgehend einer handlungstheoretisch oientierten Grundstruktur sportlicher Aufgaben wurde der Einfluss von Situationskomponenten auf das Bewegungslernen untersucht und didaktisch-methodisch strukturiert. Durch gezielte Veränderung situativer Settings werden dabei Möglichkeiten und Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Bewegungsmustern gegeben. Die Varianz von Handlungssituationen wird als konstruktive Komponente des Lernens gesehen. Nach Evaluationsarbeiten im Bereich der situationsbezogenen Sportart Skilauf (Scherer, 1998) wurde das Konzept auch auf eher geschlossene Sportarten (Turnen, Leichtathletik; Scherer, 2004) und andere Bewegungsfelder (Rollen und Gleiten;  Scherer, 2009) übertragen . Relevanz erhielt das Vorhaben u.a. durch die Einführung von themenorientierten Bewegungs- und Erfahrungsfeldern in schulischen Lehrplänen sowie universitären Studienordnungen. Ergebnisse dieser didaktischen Wekrstattarbeit flossen in eine komplexe didaktische Struktur zum Lernen und Lehren sportlicher Bewegungen ein (Scherer & Bietz, 2013).

Publikationen

Ältere Publikationen (Auswahl)

  • Scherer, H.-G. (1990). Schilauf mit blinden Schülern. Konstruktion und Evaluation eines Lernangebots. Frankfurt/M.: Harri Deutsch.
  • Scherer, H.-G. (1991). Ein neues "ABC” - ein vollständiges "ABC”? Zum Problem wissenschaftlicher Fundierung praktisch-methodischer Regeln. Sportwissenschaft, 21,79-84)
  • Scherer, H.-G. (1993). Analysen und Perspektiven des Theorie-Praxis-Problems in der Sportpädagogik am Beispiel des Anwendungsbezugs bewegungswissen-schaftlicher Forschung. Habilitationsschrift. Marburg/ München unterhttp://www.unibw.de/unibib/digibib/digibib/ediss/paed
  • Scherer, H.-G. (1996). Sportliches Bewegungshandeln und räumliche Orientierung bei Blindheit. Motorik, 19, 75-82.
  • Scherer, H.-G. (1998). Ein situationsorientiertes Lernmodell für eine situative Sportart. In G. Schoder (Red.): Skilauf und Snowboard in Lehre und Forschung. ASH-Schriftreihe, Bd.12. (S. 9-33). Hamburg: Czwalina.
  • Scherer, H.-G. & Bietz, J. (2000). Zwischen Zeichen und primordialem Sinn - Bewegung als Bedeutungsproblem. In H.-G. Scherer & J. Bietz (Hrsg.), Kultur - Sport - Bildung (S.117-148). Hamburg: Czwalina.
  • Scherer, H.-G. & Bietz, J. (2001). Bewegungsvorstellung und Bewegungslernen bei Blindheit. Sportwissenschaft, 30, 317-333.
  • Scherer, H.-G. (2001). Bewegung und Raum. In K. Moegling (Hrsg.), Integrative Bewegungslehre. Teil II (S. 59-82). Immenhausen bei Kassel: Prolog-Verlag.
  • Scherer, H.-G. (2001). Modelle des Bewegungslernens. In K. Moegling (Hrsg.), Integrative Bewegungslehre. Teil III (S. 70-126). Immenhausen bei Kassel: Prolog-Verlag.
  • Scherer, H.-G. (2003). Bewegungsvorstellung. In Röthig, P. & R. Prohl (Hrsg.), Sportwissenschaftliches Lexikon (S. 105-106). Schorndorf: Hofmann (7. Aufl.)
  • Scherer, H.-G. (2003). Raumerfahrung. In Röthig, P. & R. Prohl (Hrsg.), Sportwissenschaftliches Lexikon (S. 440-441). Schorndorf: Hofmann (7. Aufl.
  • Scherer, H.-G. (2004). Lernen in turnerischen Situationen – Anwendung eines situationsorientierten Lernmodells auf eine nicht-situative Sportart? In M. Roscher (Hrsg.), Lernen und Lehren im Turnen (S. 135-148). Hamburg: Czwalina.
  • Scherer, H.-G. (2005). Bewegung und Bildung - relationale Bildung im Sich-Bewegen. InJ. Bietz, R. Laging & M. Roscher (Hrsg.), Bildungstheoretische Grundlagen der Bewegungs- und Sportpädagogik (S. 123-140). Baltmannsweiler: Schneider-VerlagHohengehren.
  • Scherer, H.-G. (2005). Qualitative Bewegungsforschung in der Sportpädagogik. In D. Kuhlmann & E. Balz (Hrsg.), Qualitative Forschungsansätze in der Sportpädagogik (S.177-192). Schorndorf: Hofmann.
  • Scherer, H.-G. (2005). Lernen im Skilauf aus Sicht einer strukturgenetischen Transferhypothese. In I. Bach (Red.), Skilauf und Snowboard in Lehre und Forschung.Schriftenreihe der ASH Bd. 16 (S. 25-38). Hamburg: Czwalina.
  • Scherer, H.-G. (2005). Pädagogische Bewegungslehre - Paradoxie zwischen Technologie und Bildung? In R. Laging & R. Prohl (Hrsg.), Bewegungskompetenz als Bildungsdimension (S. 97-104). Hamburg: Czwalina (Reprint).
  • Scherer, H.-G. (2005). Lernen und Lehren von Bewegung. In R. Laging & R. Prohl (Hrsg.), Bewegungskompetenz als Bildungsdimension (S. 181-192). Hamburg: Czwalina (Reprint).

Aktuelle Publikationen (Auswahl)

  • Scherer, H.-G. (2008). Zum Gegenstand von Sportunterricht: Bewegung, Spiel und Sport.In H. Lange & S. Sinning (Hrsg.), Handbuch Sportdidaktik (2. Aufl.) (S. 26-41). Balingen: Spitta-Verlag.
  • Scherer, H.-G. (2008). Zwischen Bewegungslernen und Sich-Bewegen-Lernen. In E. Balz & P. Wolters (Hrsg.), Schulsport: Didaktik und Methodik (S. 106 -117). Seelze: Friedrich-Verlag.
  • Scherer, H.-G. (2009). Gleiten, Fahren und Rollen. In R. Laging (Hrsg.), Inhalte und Themen des Bewegungs- und Sportunterrichts (S. 214 – 242). Hohengehren: Schneider.
  • Giese, M. & Scherer, H.-G. (2010). Motorische Kompetenzen bei Visuseinschränkung vermitteln – Eine Sache des Sinnerhalts. In M. Giese (Hrsg.), Sport- und Bewegungsunterricht mit Blinden und Sehbehinderten, Bd. 1 (S.125-149). Aachen: Meyer & Meyer.
  • Hildenbrandt, E & Scherer, H.-G. (2010). Wie Blinde zur Leichtathletik finden und was das für Sehende bedeutet. In Giese, M. (Hrsg.). Sport- und Bewegungsunterricht mit Blinden und Sehbehinderten, Bd. 2 (S. 59-74). Aachen: Meyer & Meyer.
  • Scherer, H.-G., Kuhn, M. & Reszel, B. (2010). Transfer beim Bewegungslernen. In G. Amesberger, T. Finkenzeller & S. Würth (Hrsg.), Psychophysiologie im Sport – zwischen Experiment und Handlungsoptimierung (S. 156). Hamburg: Feldhaus Edition Czwalina. 
  • Scherer, H.-G., Kuhn, M., Henn, A. & Zepig, R. (2010). Der „weiche Griff“ beim Klettern. In G. Amesberger, T. Finkenzeller & S. Würth (Hrsg.), Psychophysiologie im Sport – zwischen Experiment und Handlungsoptimierung (S. 157). Hamburg: Feldhaus Edition Czwalina.
  • Co-Autor (2010) in Deutscher Verband für das Skilehrwesen (Hrsg.), Schneesportunterricht mit Kindern und Jugendlichen. Stuttgart: Pietsch
  • Scherer, H.-G. (2011). Bedeutungsstiftung zwischen Bewegung, Wahrnehmung und Sprache. In T. Heinen, A. Milek, T. Hohmann & M. Raab (Hrsg.), Embodiment: Wahrnehmung – Kognition – Handlung (S. 156). Köln: Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft & Deutsche Sporthochschule Köln.
  • Scherer, H.-G. (2011). Bewegungslernen. sportpädagogik, 34, (3-4), 78-86
  • Scherer, H.-G. & C. Böger (2011). Bewegungswissenschaft. In C. Kröger & W.-D. Miethling (Hrsg.), Sporttheorie für die gymnasiale Oberstufe (S. 69-89). Schorndorf: Hofmann.
  • Scherer, H.-G. (2012). Perspektivenübersetzung – Perspektivenvermehrung? Diskussionsbeitrag zum Beitrag von V. Schürmann & E.-J. Hossner: Interdisziplinäre Sportwissenschaft: Vom Umgang mit Perspektivität. Spectrum 24, 1, 72-74
  • Scherer, H.-G & Bietz, J.. (2013). Lehren und Lernen von Bewegung. Bd. 4 Basiswissen Didaktik des Bewegungs- und Sportunterrichts. Baltmannsweiler: Schneider.

Publikationen im Druck

  • Scherer, H.-G. (2013). Sinnesbehinderungen. In M. Wegner, V. Scheid & M. Knoll (Hrsg.),  Handbuch „Sport für Menschen mit Behinderungen“ (S. xxx). Schorndorf: Hofmann.
  • Scherer, H.-G. (2013). Wintersport. In M. Wegner, V. Scheid & M. Knoll (Hrsg.),  Handbuch „Sport für Menschen mit Behinderungen“ (S. xxx). Schorndorf: Hofmann.
  • Scherer, H.-G. (2013). Bewegungslernen zwischen phänomenologischer Betrachtung und experimenteller Forschung – ein intertheoretischer Brückenschlag. In Gießing, J. (Hrsg.)