Planspiel Rettungskette (basiert auf TDSC)

TDSC (Terror and Disaster Surgical Care)-Projekt

Krankenhäuser müssen auch auf außergewöhnliche Schadenslagen wie Terroranschläge oder andere Ereignisse mit einem Massenanfall von Verletzten vorbereitet sein. Solche Lagen unterscheiden sich erheblich vom klinischen Alltag und erfordern ein strukturiertes Ressourcenmanagement sowie schnelle medizinische Priorisierungsentscheidungen.

Die Akademie für Unfallchirurgie vermittelt diese Inhalte im Kurs Terror and Disaster Surgical Care (TDSC), der sich schwerpunktmäßig mit der klinischen Erstversorgung bei einem Massenanfall von Verletzten nach einem Terroranschlag befasst. Charakteristisch für solche Lagen sind beispielsweise ungewöhnliche Verletzungsmuster sowie ein ungesteuertes Patientenaufkommen. Jedes Jahr werden mehrere hundert Ärztinnen und Ärzte aus deutschen Kliniken ausgebildet und zertifiziert, um die Krankenhäuser entsprechend zu befähigen.

Ein wesentlicher Bestandteil des Kurses ist ein Planspiel. Darin wird der Krankenhausalarm- und Einsatzplan (KAEP) anhand eines strukturierten Prozesses praktisch geübt. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Rollen des Leitenden Arztes der Sichtung (LArS) und des Zentralen Operativen Notfallkoordinators (ZONK), die gemeinsam die medizinische und organisatorische Steuerung übernehmen. Der Prozess umfasst die Anwendung eines Triagealgorithmus sowie verschiedener Stufen taktischer Notfallmedizin unter bestmöglicher Nutzung der verfügbaren Krankenhausressourcen mit dem Ziel, möglichst vielen Patienten das Überleben zu sichern.

Das Planspiel stellt in seiner Grundidee ein Serious Game dar und bestand bislang aus einem Spielbrett, Patientenkarten mit Zustandsmarkern, Spielfiguren für das Personal, einem etwa 600 Seiten umfassenden Patientenskript (Codebuch) sowie einem umfangreichen Regelwerk.

Serious Games ermöglichen ein aktives Erleben komplexer Entscheidungsprozesse. Die Teilnehmenden treffen unter Zeitdruck medizinische und organisatorische Entscheidungen und erleben deren unmittelbare Auswirkungen auf den weiteren Verlauf. Dadurch lassen sich sowohl medizinische als auch nicht-technische Kompetenzen wie Kommunikation, Teamarbeit, Priorisierung und Ressourcenmanagement besonders effektiv trainieren.

Das Planspiel hat sich seit vielen Jahren als didaktisch wirksames Lehrmittel etabliert. Gleichzeitig war seine Durchführung mit einem erheblichen organisatorischen Aufwand verbunden. Der Umfang des Spielmaterials, das Auffinden der benötigten Informationen sowie das Anwenden der Regeln nahmen einen erheblichen Teil der Spielzeit in Anspruch. An jedem Spieltisch überwachte ein Instruktor die Einhaltung der komplexen Spielregeln, während einer der drei Spieler kontinuierlich Befunde und Spieloptionen im Patientenskript nachschlagen musste.

655 Seiten Patientenskript, 40 Seiten Spielanleitung, Spielanweisung per Powerpoint und eine manuelle Auswertung

Digitalisierung Phase 1: Hybrides Spiel im Kurs

Im Rahmen des Forschungsverbundes Süd hat die ITIS/UniBw das Brettspiel zunächst in Teilen digitalisiert.

Dabei führt ein Tablet die Spieler durch die einzelnen Phasen und Runden, stellt für alle Patienten jederzeit sämtliche Befunde und Handlungsoptionen bereit und aktualisiert automatisch alle spielrelevanten Zustandswerte. Sämtliche Spielaktionen werden aufgezeichnet und stehen anschließend für didaktische oder wissenschaftliche Auswertungen zur Verfügung.

Das analoge Spielbrett sowie die Personalfiguren wurden bewusst beibehalten, da diese haptischen Elemente weiterhin als didaktisch wertvoll eingeschätzt werden. Dies erfordert zwar einen gewissen Synchronisationsaufwand zwischen digitalen und analogen Spielelementen, die Vorteile der Digitalisierung überwiegen jedoch deutlich:

  • Regeltreues Spielen wird sichergestellt.
  • Der Instruktor kann sich wesentlich stärker auf die fachliche Beratung konzentrieren, anstatt die Einhaltung der Spielregeln zu überwachen.
  • Den Spielern werden die meisten administrativen Aufgaben abgenommen (z. B. Nachschlagen von Informationen, Umsetzen von Spielanweisungen oder Fortschreiben von Patientenwerten).
  • Das Spiel wurde qualitativ verbessert, indem Fehler, Zweideutigkeiten und Unklarheiten im Zuge der Digitalisierung beseitigt wurden.
  • Durch die Aufzeichnung aller Spieldaten sind didaktische und wissenschaftliche Auswertungen einfach möglich.
  • Das Erlernen des Spiels wurde deutlich vereinfacht; ein flüssiger Spielablauf ist bereits nach wenigen Runden möglich.
  • Die Kursdauer konnte dadurch von drei auf zwei Tage reduziert werden.

 

Darüber hinaus lassen sich Größe und Ausstattung des simulierten Krankenhauses flexibel anpassen, sodass Krankenhauspersonal unter den Bedingungen der eigenen Einrichtung trainieren kann.

Das Spiel ist für Android, macOS und Windows verfügbar und verfügt über eine zentrale Serverkomponente zur Bereitstellung der Szenarien sowie zur Erfassung und Auswertung der Spieldaten.

Digitale Spielführung, Patientenskript, Patientenkarte, Auswertung unter Beibehaltung des analogen Spielbretts.

  

Digitalisierung Phase 2: Refresher

Kompetenzen im Krisenmanagement müssen regelmäßig aufgefrischt werden, da selten angewendetes Wissen rasch verloren geht. Deshalb wird derzeit ein digitales Refresher-Format entwickelt, das von den Kursteilnehmern selbstständig zu Hause oder am Arbeitsplatz auf der eigenen Hardware absolviert werden kann.

Hierfür wurden auch das Spielfeld und das Krankenhauspersonal digitalisiert und das Spiel didaktisch so weiterentwickelt, dass es ohne die Unterstützung eines Instruktors oder weiterer Mitspieler erfolgreich durchgeführt werden kann.

Digitalisierung des gesamten Spieles (inkl. Spielbrett und Personal) sowie umfangreiche Hilfefunktionen

 

Digitalisierung: Zukunft: Von der Ausbildung zur Entscheidungsunterstützung

Als nächster Entwicklungsschritt ist geplant, das derzeit noch stark am ursprünglichen Brettspiel orientierte und primär der Aus- und Weiterbildung medizinischen Personals dienende System um einen simulationsbasierten Analysemodus zu erweitern. Während das bisherige Serious Game bewusst didaktisch vereinfacht ist (Runden, Phasen, diskrete Zeitschritte und abstrahierte Patientenzustände), soll der Analysemodus diese Einschränkungen überwinden und eine realitätsnähere Modellierung medizinischer Versorgungsprozesse ermöglichen.

Dazu wird die bislang didaktisch vereinfachte Modellierung schrittweise erweitert. An die Stelle diskreter Spielrunden treten kontinuierliche Zeitverläufe sowie detailliertere Modelle für Patienten, Personal, Infrastruktur und Behandlungsprozesse. Gleichzeitig werden zusätzliche Akteure wie Leitstellen, Rettungsmittel und Transportprozesse integriert. Dadurch können komplexe Wechselwirkungen zwischen Patientenaufkommen, Behandlungsabläufen und verfügbaren Ressourcen wesentlich realitätsnäher untersucht werden.

Das System kann damit künftig nicht nur den Ablauf innerhalb eines einzelnen Krankenhauses, sondern komplette Versorgungssysteme mit mehreren Krankenhäusern und Traumanetzwerken abbilden.

Mögliche Anwendungen sind beispielsweise:

  • Analyse von Kapazitätsgrenzen und Engpässen einzelner Krankenhäuser,
  • Bewertung unterschiedlicher Personal- und Ressourcenstrukturen,
  • Untersuchung von Patientenverteilungsstrategien innerhalb eines Traumanetzwerks,
  • quantitative Bewertung medizinischer Versorgungskonzepte bei Großschadenslagen sowie
  • Analyse sanitätsdienstlicher Strukturen im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung.

Die Parametrisierung des Modells kann sowohl auf exemplarischen als auch auf realen Struktur- und Ressourcendaten einzelner Einrichtungen basieren. Dadurch lässt sich das System an unterschiedliche Krankenhäuser und Versorgungssysteme anpassen und für simulationsgestützte Analysen, Planungsaufgaben sowie die Bewertung alternativer Organisations- und Versorgungskonzepte einsetzen.

 

Kontakt: leitnerstephan@gmail.com