Forschungskonzept

Forschungskonzept

1. Inhaltliche Vorüberlegungen

2. Inhaltliche Konkretisierung: Die Forschungsmatrix

3. Methodische Konkretisierung: Die Forschungspyramide 

1. Inhaltliche Vorüberlegungen

Forschung und Lehre bilden an der Professur der Materialwirtschaft & Distribution der Universität der Bundeswehr eine Einheit. Das in der Lehre von der Professur angebotene Fach "Industrielle Produktion und Logistik" orientiert sich in seinem Grundkonzept an der Industriebetriebslehre. Die Industriebetriebslehre ist eine spezielle Betriebswirtschaftslehre, die sich explizit mit dem Wirtschaften in industriellen Betrieben beschäftigt. Der starke strukturelle Wandel, dem Industrieunternehmen derzeit unterliegen, forciert die Wandlung der Managementperspektive vom Industriebetrieb zur Führung komplexer industrieller Netzwerke. Die Ursachen liegen einerseits in der dynamischen Entwicklung neuer Fertigungs- und Informationstechnologien und andererseits in einer tiefgreifenden Veränderung der Bedingungen auf den Beschaffungs- und Absatzmärkten.

In den Forschungsbemühungen des Lehrstuhls spiegeln sich diese Weiterentwicklungen industrieller Wertschöpfungsprozesse wieder. Dabei sind zwei Entwicklungsschwerpunkte zu konstatieren:

1. Zum einen wird der Anteil der unternehmensinternen Leistungserstellung immer geringer. Die angestrebte Konzentration auf Kernkompetenzen, die intensive Nutzung spezifischen Lieferanten-Know-hows und schließlich die Möglichkeiten neuer Informations- und Kommunikationstechnologien wie des Internet führen zu zunehmender Reduzierung der Fertigungstiefe ("Outsourcing"). Damit steigt die Bedeutung von Vorlieferanten; an die Stelle einzelner Industrieunternehmen treten industrielle (Abnehmer-Zulieferer-) Netzwerke. Das lässt sich empirisch durch steigende Fremdbezugsanteile nachweisen. Konsequenterweise orientiert sich unsere Forschung weit weniger an der klassischen Produktionswirtschaft, sondern an der Führung von Wertschöpfungsketten und -netzen. Damit einher geht eine Aufwertung des Beschaffungs- bzw. Versorgungsmanagement zum Management externer Wertschöpfung. Der Anteil (extern beschaffter) industrienaher Dienstleistungen steigt, da der Versorgungsfokus auf Problemlösungen liegt. Nachfolgende Abbildung zeigt den Evolutionspfad von Industriebetrieben beispielhaft auf - von traditionellen Fertigungs- und Versorgungskonzepten hin zum Extremfall des "ent-materialisierten Unternehmens", das keinerlei eigene Fertigungsaktivitäten mehr unterhält, sondern ein leistungsfähiges Zuliefernetzwerk steuert. Beispielhaft dafür sei die Fertigung von Mobiltelefonen genannt, die größtenteils nicht mehr von den Mobiltelefonfirmen selbst, sondern von spezialisierten Fertigungsdienstleistern durchgeführt wird.

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In derartigen Netzwerken spielt die Gestaltung effizienter Material-, Informations- und Finanzmittelflüsse eine entscheidende Rolle. Die unternehmensübergreifende Logistik wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
2. Zum anderen verlagern sich mit dieser Entwicklung Wettbewerbsanstrengungen an die Netzwerkaußengrenze ("networks compete with other networks", Lechner 2001, S. 358 bzw. "supply chains compete, not companies", Christopher/Jüttner 1998, S. 89). Die Steuerungsmechanismen ("Governance Structures") innerhalb industrieller Netzwerke müssen deshalb ebenso von Interesse sein wie die marktorientierte "Außenabgrenzung".


2. Inhaltliche Konkretisierung: Die Forschungsmatrix

Aus den inhaltlichen Vorüberlegungen lässt sich die Forschungsstrategie der Professur mit Hilfe zweier Dimensionen ableiten. Die erste Dimension betrifft - in inhaltlicher Anlehnung an Hammann/Lohrberg (1986) - den Verrichtungsumfang. Dabei wird zwischen der inner- und zwischenbetriebliche Behandlung von Sach- und Dienstleistungen im Rahmen des industriellen Wertschöpfungsprozesses sowie der Erlangung der Verfügungsgewalt unterschieden. Der Schwerpunkt liegt bei der inner- und zwischenbetrieblichen Behandlung auf dem Material- sowie zugehörigen Informationsfluss (bspw. Transport, Lagerhaltung, Fertigungsdurchlauf etc.). Die rechtliche Verfügbarkeit betrifft in erster Linie institutionelle Steuerungsprobleme (Gestaltung adäquater "Governance Structures"). Im Mittelpunkt stehen Aspekte der ökonomisch-rechtlichen Verfügunsgrechte und des Flusses akquisitorischer Informationen.
Die zweite Dimension betrifft die Frage nach dem zentralen Erkenntnisobjekt der Betriebswirtschaftslehre. Klassischerweise steht der Einzelbetrieb im Vordergrund. Es wird unterstellt, dass Unternehmen und die sie umgebenden Märkte klar zu trennen sind. Die oben skizzierte Entwicklung hin zu einer reduzierten Eigenfertigung bei zunehmender Lieferanteneinbindung lässt die Unternehmensgrenzen "verschwimmen", es entstehen hybrid gesteuerte Netzwerke. Dafür stehen Konzepte wie die oben angesprochenen "Factory Within A Factory"-Systeme oder der Ansatz des "grenzenlosen Unternehmens" (vgl. Picot/Reichwald/Wigand 2003). Die institutionelle Trennschärfe ist gering.
Aus den Dimensionen Verrichtungsumfang und institutionelle Trennschärfe ergibt sich unsere Forschungsmatrix mit fünf zentralen inhaltlichen Forschungsfeldern:

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Klassisches Produktionsmanagement konzentriert sich auf betrieblich-physische Wertschöpfungsaktivitäten. Aus den oben skizzierten Gründen vermitteln wir zwar Grundlagen des Produktionsmanagement in unseren Lehrveranstaltungen, legen aber keinen Forschungsschwerpunkt in diesem Gebiet.

Bei der Beschaffung handelt es sich zwar im Kern auch um eine betriebliche Funktion, allerdings mit naturgemäß (unternehmens-) grenzüberschreitendem Charakter. Die Beschaffung gehört zu den vernachlässigten Funktionsbereichen der Betriebswirtschaftslehre. Sie umfasst alle unternehmens- und/oder marktbezogenen Tätigkeiten, die darauf gerichtet sind, einem Unternehmen die benötigten, aber nicht selbst hergestellten Objekte verfügbar zu machen. Das Forschungsfeld Beschaffungsmanagement befasst sich mit strategischen Fragen des Einkaufs, bspw. mit der Gestaltung von Lieferantenbeziehungen (Supplier Relationship Management), oder der Optimierung von Sourcing-Konzepten (Modular Sourcing etc.). Einen weiteren Schwerpunkt setzen wir im Bereich des Public Procurement, d.h. den Beschaffungsaktivitäten der öffentlichen Hand.

Die Logistik hat sich bereits in einem frühen fachwissenschaftlichen Entwicklungsstadium mit dem Management überbetrieblicher Material- und Informationsflüsse auseinandergesetzt. Wir konzentrieren uns in diesem Forschungsfeld auf Aspekte der flussorientierten Führung von Versorgungsnetzen, insbesondere der Optimierung von Leistungsflüssen.

Sowohl die zunehmende Außen- bzw. Lieferantenorientierung der Beschaffung als auch die Adressierung unternehmensübergreifender Güterflussprobleme durch die Logistik machen eine Re-Orientierung der betriebswirtschaftlichen Forschung zum Erkenntnisobjekt Netzwerk erforderlich. In diesem Feld untersuchen wir die Steuerungsmechanismen hybrider Institutionen zur industriellen Wertschöpfung. Im Rahmen der marktorientierten Steuerung industrieller Netzwerke werden auch Bezugspunkte zur strategischen Produkt-/Markt-Orientierung von Versorgungsnetzwerken hergestellt, bspw. durch den Einsatz von Controllinginstrumenten wie Target Pricing.

Die integrierte, netzwerkorientierte Optimierung von Logistik-, Beschaffungs- und Fertigungsaktivitäten werden neuerdings unter dem Oberbegriff Supply Chain Management diskutiert. Wir sehen in diesem Forschungsfeld weit mehr als "nur" eine weiterentwickelte Logistik. Supply Chain Management umfasst die Gestaltung industrieller Wertschöpfungsaktivitäten von der Rohstoffgewinnung bis zur Auslieferung an den Endkonsumenten. Dieses Forschungsgebiet steht erst am Anfang seiner Entwicklung. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass durch die Beleuchtung unternehmensübergreifender Fragestellungen ganz neue Probleme ökonomisch analysiert werden können.


3. Methodische Konkretisierung: Die Forschungspyramide 

Versteht man Betriebswirtschaftslehre als angewandte Wissenschaft, so verfolgt die Forschung neben der Erklärungsaufgabe (kognitives Wissenschaftsziel) auch die Aufgabe, Gestaltungsentscheidungen zu unterstützen (pragmatisches Wissenschaftsziel). Theoriegestütztes Arbeiten und empirische Orientierung sollten dabei nicht gegeneinander ausgespielt werden, im Gegenteil: Theoretische Durchdringung ist in der Regel Voraussetzung für erfolgreiche praktische Gestaltung.

Um entsprechend der skizzierten methodologischen Zielsetzung forschen zu können, muss die Forschungsmethodik neben die inhaltliche Bestimmung der Forschungsgebiete treten. Sie beschreibt den Grad der Umsetzungs- und Outputorientierung der Forschungsvorhaben und die eingesetzten Instrumente der Erkenntnisgewinnung. Je nach Ausprägung werden Grundlagen-, Strategie- und angewandte Forschung unterschieden. Daraus ergibt sich folgende Forschungspyramide: 

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Grundlagenforschung ("Blue Sky Research") hat einen stark explorativen Charakter. Sie ist nicht per se mit einem definierten Output (definiertes Umsetzungsziel) verbunden. Methodisch zeichnet sie sich durch eine primär theoretisch-deduktive Vorgehensweise aus. Zum Einsatz kommen vorwiegend ökonomische Theorien der neuen Mikroökonomik wie Netzwerktheorie, Informationsökonomik und Spieltheorie.

Angewandte Forschung ist weitaus umsetzungsorientierter. Im Mittelpunkt steht i.d.R. eine konkrete Fragestellung aus der betrieblichen Praxis. Die Vorgehensweise ist überwiegend empirisch-induktiv, bspw. Fallstudienforschung, multivariate Datenanalyse für Großzahlempirie und Aktionsforschung. Die Projekte sind mit einem konkreten Ziel verbunden, die Outputleistung ist zeitlich konkret geplant.

Strategische Forschung ist eine Mischform aus Anwendungs- und Grundlagenorientierung. Dementsprechend kommen hybride Methoden zum Einsatz. Aus Vereinfachungsgründen wird häufig eine Zweiteilung in Anwendungs- und Grundlagenforschung vorgenommen; faktisch ist diese Trennlinie bei angewandten Wissenschaften nur sehr schwer zu ziehen.

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