Assistenzsysteme zur Querführung verfolgen verschiedene Ziele:
sie sollen die Fahrer entlasten (Spurhalteassistenten)
die Sicherheit bei Spurwechsel und Überholmanövern erhöhen (Spurwechselassistenten)
die Fahrer beim Ausweichen vor Hindernissen unterstützen (Ausweichunterstützung oder automatisches Ausweichen).

Mit zunehmendem Automatisierungsgrad SAE J3016 steigt auch der Umfang und die Dauer der Unterstützung. Gleichzeitig nimmt das Situationsbewusstsein der Fahrerinnen und Fahrer ab, d.h. bei einem Systemausfall oder bei Erreichen von Systemgrenzen sind sie nur ungenügend auf die Übernahme der Querführung mittels Lenkrad vorbereitet. 

Beim plötzlichen Auftreten einer Gefahr stellt Bremsen zwar häufig die beste Aktion dar, jedoch kann in Situationen, in denen Bremsen nicht ausreicht, ein Ausweichmanöver zur Vermeidung eines Unfalls angebracht sein. Bremsmanöver greifen in die Längsführung des Fahrzeugs ein, Ausweichmanöver in die Querführung. Die Fragen, die mit einem automatischen Eingriff in die Querführung zu lösen sind, sind noch deutlich komplizierter.

  • Soll der Fahrer den Eingriff am Lenkrad spüren oder sollen Lenkrad und Lenkeinschlag der Räder während des Eingriffs entkoppelt sein?
  • Wenn Lenkrad und Lenkeinschlag entkoppelt sind, wie kann dann die Übernahme durch den Fahrer nach Ende des Eingriffs erfolgen? Denn, die Stellung der Räder und des Lenkrads stimmen nicht mehr überein, speziell wenn der Fahrer während des Eingriffs am Lenkrad gedreht hat.
  • Wenn das Lenkrad nicht entkoppelt ist, wie stark darf das Lenkmoment des automatischen Eingriffs sein, um den Fahrer nicht zu gefährden und ihm die Möglichkeit zum Übersteuern bei einer Fehlauslösung zu geben?
  • Soll der Fahrer das System jederzeit übersteuern können, oder gibt es eine „Schreckphase“, in der er nur unkontrolliert reagieren würde.

Die Projekte „Aktiv-IQF (Adaptive und kooperative Technologien für den intelligenten Verkehr – Integrierte Querführung) und   „UR:BAN“ (Urbaner Raum: Benutzergerechte Assistenzsysteme und Netzmanagement, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) haben sich in mehreren Teilprojekten mit diesen Fragen beschäftigt (urban-online.org).

Im Rahmen dieser Projekte fanden mehrere Versuche zur Auslegung von Ausweichassistenten statt, die den verschiedenen Fragestellungen gewidmet waren.

Ausweich_1.jpg

Literatur:
Rüger, Fabian: Kontrollierbarkeit von Notfall-Fahrerassistenzsystemen in frühen Entwicklungsphasen mit der „VIL-Methode“

Rüger, Fabian; Nitsch, Verena; Färber, Berthold: Automatic evasion seen from the opposing traffic - An investigation with the Vehicle in the Loop

Rüger, Fabian; Sieber, Markus; Färber, Berthold; Siegel, Andreas; Siedersberger, Karl-Heinz: Fahrerreaktionen auf Eingriffe von Ausweichassistenz-Systemen bei belegtem Gegenfahrstreifen

Sieber, Markus; Färber, Berthold: Driver Perception and Reaction in Collision Avoidance; Implications for ADAS Development and Testing

Sieber, Markus; Siedersberger, Karl-Heinz; Siegel, Andreas; Färber, Berthold: Automatic Emergency Steering with Distracted Drivers: Effects of Intervention Design