Sogenannte "Landstraßenkarte"

 

"Das seyn dy lantstrassen durch das Romisch Reych von einem kunigreych zw dem andern die an Tewtsche land stossen vonmeilen zw meiln mit puncten verzaichnet"

von Erhard Etzlaub [um 1460 - 1531/32] von 1501

 

 

 

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Erhard Etzlaubs Karte "Die Landstraßen durch das Römische Reich"

von Kurt BRUNNER

In: BUZIN, Reiner / WINTGES, Theodor (Hrsg.) [2001]: Kartographie 2001 - multidisziplinär und multimedial. Beiträge zum 50. Deutschen Kartographentag. Wichmann Verlag, Heidelberg, S. 43-54
ISBN: 3-87907-381-3

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1  Einführung

Im Jahre 1501 - also vor genau 500 Jahren - erscheint die Karte „Das seyn dy lantstrassen durch das Romisch reych ...“ (die sog. „Landstraßen-Karte“) von Erhard Etzlaub. Zuvor entstand bereits zum Heiligen Jahr 1500 die Karte „Das ist der Rom-Weg von meylen zu meylen ...“ (die sog. „Romweg-Karte“). Die beiden im Holzschnitt vervielfältigten Karten sind südorientiert, zeigen Mitteleuropa und weisen eine ähnliche Kartengestaltung auf. Außergewöhnlich ist in beiden Karten die Darstellung von Straßen durch punktierte Linien, wobei der Abstand zwischen zwei Punkten jeweils eine Meile beträgt; dabei handelt es sich um die „Gemeine deutsche Meile“ mit ca. 7,4 km = 1/15 Äquatorgrad. Die Karten werden deshalb als erste Straßenkarten bzw. Verkehrskarten bezeichnet.

Neben der 1491 als Kupferstich erschienenen Karte von Nikolaus Cusanus (1401-1464) sind die beiden Etzlaub-Karten die ersten modernen Karten Deutschlands bzw. Mitteleuropas, die offenbar umfangreich im Gebrauch waren und stark nachwirkten.

 

2  Erhard Etzlaub – Leben und Werk

Erhard Etzlaub wurde zwischen 1455 und 1460 in Erfurt geboren; 1468 immatrikulierte er sich dort an der Hohen Schule und ist noch bis 1472 in Erfurt nachgewiesen. 1484 erhielt er das Bürgerrecht in Nürnberg, wo er zunächst als Kompaßmacher tätig war. 1507 wird er als „geschworener Feldmesser“ und 1511 als Hauptmann benannt. Seit 1513 ist er als Arzt ausgewiesen. Etzlaub starb 1532 in Nürnberg (SCHNELBÖGL, 1966 und 1970).

Die Freie Reichsstadt Nürnberg war um 1500 eine der größten Städte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Für die Kartographie wurde Nürnberg damals zu einem wichtigen Zentrum: Der Astronom und Mathematiker Johannes Regiomontanus (1436-1476), ein Schüler von Georg von Peuerbach (1423-1461), ließ sich 1471 - von Wien kommend - in Nürnberg nieder. 1492 schuf Martin Behaim (1459-1507) den ersten erhalten gebliebenen Erdglobus. Hieronymus Münzer (1437-1508), der 1493 eine Deutschlandkarte für die Schedelsche Weltchronik schuf, lebte seit 1478 in Nürnberg; Hartmann Schedel (1440-1514), der Herausgeber der Weltchronik von 1493, hielt sich seit 1484 in Nürnberg auf. Johannes Schöner (1477-1547), Mathematiker, Astronom und Kartograph, wirkte ab 1526 in Nürnberg.

Als Instrumentenbauer stellte Erhard Etzlaub Taschensonnenuhren her, die mit einem Kompaß versehen waren. Von diesen Taschensonnenuhren sind zwei Exemplare aus den Jahren 1511 und 1513 erhalten. Auf der vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg verwahrten Taschensonnenuhr befindet sich auf der Außenseite des Holzdeckels bekanntlich eine Karte mit wachsenden Breiten, welche die Mercatorabbildung vorwegnahm.

1492 fertigte Erhard Etzlaub seine erste Karte. Diese südorientierte Karte im Maßstab von ca. 1:1 Million zeigt die Umgebung Nürnbergs mit exakt 100 Ortschaften in einer Kreisscheibe. 1500 und 1501 folgten die Romweg-Karte und die Landstraßen-Karte. Diese Karten wurden von Georg Glockendon († 1505) in Holz geschnitten und als Einblattdrucke gedruckt.

Die Urheberschaft dieser Produkte durch Erhard Etzlaub wurde von August Wolkenhauer (1877-1915) erkannt und in WOLKENHAUER (1903 und 1907) beschrieben; dabei konnte er sich auf Arbeiten von BREUSING (1883) stützen. Das kartographische Schaffen Etzlaubs wurde umfassend von Herbert Krüger untersucht (KRÜGER, 1950 und 1951) und insbesondere in KRÜGER (1958) dokumentiert. Eine neuere Analyse stammt von Nine Miedema (MIEDEMA, 1996).

 

3  Die Romweg-Karte von 1500

Für die Pilger, die im Heiligen Jahr 1500 nach Rom wollten, stellte Erhard Etzlaub eine unsignierte und undatierte Karte her, die sog. Romweg-Karte “Das ist der Rom-Weg von meylen zu meylen mit Puncten verzeychnet...”. Die Karte zeigt für Mitteleuropa die wichtigsten Pilgerstraßen nach Rom; sie zählt somit zum Kartentyp der Pilgerkarten (KUPČÍK, 1992). Sie ist in mehreren Exemplaren erhalten und nach Herbert Krüger in drei Auflagen mit geringfügig unterschiedlichen Inhalten gedruckt (KRÜGER, 1958). In CAMPBELL (1987) wird sicherlich zurecht von lediglich zwei Auflagen ausgegangen (MIEDEMA, 1996).

 

4  Die Landstraßen-Karte von 1501

1501 erscheint die Karte “Das seyn dy lantstrassen durch das Romisch reych von einem kunigreych zw dem andern dy an Tewtsche land stossen von meilen zw meiln mit puncten verzaichnet”. Die Karte sollte wohl für eine wachsende Zahl von Reisenden - Kleriker, Pilger, Diplomaten und Gelehrte - Reiseinformationen liefern; sie richtet sich somit an einen größeren Interessentenkreis.

Von der Karte sind zwei Exemplare erhalten: das August Wolkenhauer (1877-1915) bekannte und beschriebene Exemplar (WOLKENHAUER, 1903) der Hauslab-Liechtensteinischen Sammlungen in Wien, später in Vaduz, ist nunmehr in den USA. Ein zweites Exemplar befindet sich in der Stadtbibliothek Löbau, wo sie 1908 von Victor Hantzsch aufgefunden wurde. Dieses Exemplar wird von Wilhelm Wolkenhauer (1845-1922) in WOLKENHAUER (1919) beschrieben; hier findet sich auch ein Faksimiledruck. Ein weiterer Nachdruck liegt BÖNISCH / BRICHZIN / SCHILLINGER / STAMS (1990) bei. Beide Exemplare sind altkolorierte Einblattdrucke mit einem Druckspiegel von 40 x 55 cm (Kartenfeld 38 x 49 cm). Der Karteninhalt ist weitgehend identisch mit jenem der Romweg-Karte, er ist jedoch im Westen bis nach Mittelfrankreich und geringfügig im Süden erweitert.

Abbildung 1 bringt eine Überzeichnung der Landstraßen-Karte in einer Verkleinerung. Die punktierten Landstraßen mußten durch eine Linie ersetzt werden. In die Karte ist ein Verzerrungsnetz eingearbeitet (siehe 10.1).
 

Abb. 1: Überzeichnung der Landstraßen-Karte von 1501 in einer Verkleinerung.
Die punktierten Landstraßen sind durch eine Linie ersetzt.
In die Karte ist ein Verzerrungsnetz eingearbeitet.

 

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5  Karteninhalt

In der Landstraßen-Karte fällt die sehr schematische, graphisch dominierende, braun kolorierte Gebirgsdarstellung für die Alpen, sowie für einige Mittelgebirge auf (Abb. 2). Weitere Mittelgebirge, wie jene um Böhmen sind grün angelegt. Ein Flächenkolorit findet sich auch für einige politische Einheiten, obwohl natürlich Grenzen fehlen. Die Gewässerdarstellung ist wenig genau, lässt aber charakteristische Flußsysteme erkennen.

Es sind über 820 Ortschaften hauptsächlich durch Kreisringsignaturen, aber auch durch rot gefüllte Aufrißzeichnungen eingetragen; Nürnberg ist als zentraler Ort durch sein Wappen ausgewiesen. Die Ortschaften sind in zumeist deutsch, einige lateinisch beschriftet. Wie schon in der Romweg-Karte ist erstmals Berlin in einer Karte eingetragen (SCHARFE / SCHEERSCHMIDT, 2000).

Die mit punktierten Linien dargestellten Straßen sind gegenüber der Romweg-Karte, in welcher lediglich die Pilgerwege nach Rom eingetragen sind, erheblich erweitert; Nürnberg wird zum Verkehrsknotenpunkt. Insbesondere finden sich jetzt Fernstraßen in Ost-West-Richtung, so die Fernstraße von Danzig bis Barcelona und die „Via regia lusatiae“, die Königsstraße von Paris nach Krakau. Bemerkenswert ist, dass die wichtigsten Alpenübergänge als Nord-Süd-Verbindungen eingetragen sind. Das sind vom Osten her die Radstädter Tauern, der Brenner, der Splügen (alle in Abb. 2) und im Westen der Col du Mont Cenis. Der St. Bernhard ist zwar mit „S. Bernhart perg“ beschriftet, es findet sich aber keine Straßensignatur. Bemerkenswert ist, dass der seit dem 14. Jahrhundert bekannte Gotthardpaß nicht eingetragen ist; dies gilt auch spätere Karten (KUPČÍK, 1992).

In der Romweg-Karte findet sich hingegen eine schematische Gebirgsdarstellung in Maulwurfshügel-Manier. Als Pässe sind lediglich Brenner und Splügen als scheinbar breites „Tal“ eingetragen.
 

Abb. 2: Ausschnitt aus der Landstraßen-Karte von 1501

 

6  Kartenrahmen und Kartenrand

6.1  Allgemeine Angaben

Eine intensive Betrachtung verdienen die Angaben in Kartenrand und -rahmen. Wir beziehen uns dabei auf die Faksimile-Ausgaben des Löbauer Exemplars. Am oberen Kartenrand ist die Himmelsrichtung „Mittag“ und entsprechend unten „Mittnacht“ links „Aufgang“ und schließlich rechts „Niedergang“ angegeben. Im oberen Kartenrahmen findet sich der bereits zitierte Kartentitel „Das seyn dy lantstrassen durch das Romisch reych von einem Kunigreych zw dem andern dy an Tewtsche land stossen von meilen zu meiln mit puncten verzaichnet“ mit Buchdrucklettern im Typendruck in Frakturschrift.

In der unteren Rahmenleiste ist ein Zehnmeilengitter angerissen und von 0 bis 210 Meilen beziffert; in eine Reihe gesetzte Punkte geben darüber - wie bei den Straßen im Karteninhalt - die einzelnen Meilen an. Darunter, im unteren Kartenrahmen, findet sich in der Mitte die Darstellung eines Kompaß. In der Romweg-Karte ist die weitgehend identische Darstellung übrigens mit „Der Compaß“ überschrieben. Links und rechts davon sind je ein Textblock im Typendruck gleichfalls in Frakturschrift angebracht. Die Texte beinhalten eine Gebrauchsanweisung für Karte und Kompaß, sie sind nachfolgend zitiert.

Linker Textblock:
„Diese Carta begreifft bey 820 Stet und helt innnach der breyt 210 meyl, nach der höch 270 myle und lendendaran 9 Königreich. Wer nun wissen wilo, wie weyt von einer stat zur anderen sey, der zele die punct zwischen den selben 2 stetten, so wirt er denn erkennen die meyln, als vil man ir zelt, so aber kein punct zwischen denselben 2 Stetten verzyichnet wer, dannnym ein zirckel und miss mit ab due weyt der Stet, die selbig zirckelweyt setz hin auf diese punct der yeglichen thut eine gemeine Teutsche meyl, der yede helt 10 000 schritt“.

Rechter Textblock:
„Die gelegenhei der Stet eine gegen der anderen, vermerk also. Setz einen Campast auff den gemalten oder an die seyten des Brieffs und ruck den Brieff nis die zünglein der Compast aufeinander sagen, denn so die Carta unverrückt bleybt, so ligt ein yetzliche Stat, wo sie gelegen ist, denn se den Compast auff die puncte zweyer fürgenommener Stet mit den seyten, und merck, wie die zung ste: also steet sie auch, wenn man zwischen in wandert“.

Unter dem rechten Textblock ist in größerer Schrift der Vermerk „Gedruckt von Georg glogkedon zw Nurnbergk 1501“ angeordnet.

Im westlichen (rechten) und östlichen (linken) Kartenrahmen sind die Vorgaben der - allerdings nordorientierten - Ptolemäus-Ausgaben des 15. Jahrhunderts zu finden. Hier ist anzumerken, dass Ptolemäus-Ausgaben das geographische Wissen des Claudius Ptolemäus (etwa 125-151 n. Chr.) beinhalten. Die „Geographia“ des Ptolemäus kam über Kleinasien am Anfang des 15. Jahrhunderts nach Italien, wo viele Abschriften entstanden. Am Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Ptolemäus-Ausgaben gedruckt und wirkten weit in die beginnende Neuzeit.

In der Landstraßen-Karte ist in der linken - hier östlichen - Rahmenleiste die geographische Breite von 40° bis 58° im 1°-Abstand angerissen und beschriftet; unten werden diese Angaben mit „Latitudo Regionis“ erklärt. Diese angerissenen geographischen Breiten finden sich an gleicher Stelle in den Ausgaben der Romweg-Karte allerdings mit anders angeordneter Bezifferung. Gleichfalls ist hier am unteren Kartenrand eine Meilenleiste angebracht, die aber nur bis 200 Meilen reicht.

 
6.2  Klimazonen und Tageslängen

Im rechten - westlichen - Kartenrahmen sind die Tageslängen zur Sommersonnwende angegeben; die angerissenen und bezifferten Tageslängen sind in 15-Minuten-Intervallen von 15 h (im Süden) bis 17¾ h (im Norden) angegeben. Weiterhin finden sich die Klimazonen („Klimata“), eine Breitengliederung der Antike, in ihren lateinischen Bezeichnungen: „Decimmum“, „Nonum“, „Octanum“, „Septtimum“, „Sextum“ und schließlich „Quintum“; dies ist unten mit „Climata cum horis longitudes dej“ erläutert. Die Klimazonen umfassen eine halbe Stunde der Tageslänge am längsten Tag, beginnen mit der viertelten Stunde und enden mit der dreiviertelten Stunde.

Die Tageslängen sind die Längen des längsten Tages. Der Zusammenhang zwischen der geographischen Breite und den Tageslängen des längsten Tages war in der Antike bekannt. In den Ptolemäus-Ausgaben sind sie in der Regel im rechten Kartenrahmen angegeben; aber auch in „modernen“ Karten nach 1500 sind sie zu finden, entweder im Kartenrahmen oder insbesondere in barocken Karten in Textkartuschen. Die Abhängigkeit zwischen der geographischen Breite φ und der Tageslänge des längsten Tages Th lässt sich folgendermaßen darstellen:

tan φ = - cos  τ / tan ε ;    wobei  τ = 180° / 24h · Th

ε ist die Schiefe der Ekliptik.

Ein direkter Vergleich zwischen den angegebenen geographischen Breiten und den Längen des längsten Tages in den Etzlaub-Karten ist nicht möglich, weil die Angaben sich in gegenüberliegenden linken und rechten Kartenrahmen finden.

Unter Klimata (Klimazonen) verstand man in der Antike „Landstriche“, die Sonnenstrahlen unter dem gleichen Neigungswinkel gegen den Horizont erhielten, also Gebiete mit gleicher geographischer Breite bzw. Tageslängen. Nach ursprünglich drei Klimazonen für die „bewohnte Welt“ wurde eine Siebenteilung eingeführt; sie reichte vom „Zimtland“ (Äthiopien) bis zur Insel „Thule“ als Nordgrenze der siebten Klimazone (HONIGMANN, 1929). Später kommt eine achte Klimazone für die Nordgebirge der bewohnten Welt hinzu. In den Ptolemäus-Ausgaben sind sieben Klimazonen am rechte Kartenrahmen angeben; so findet sich auch in der Deutschland-Karte von Nikolaus Cusanus von 1491 die Angabe „Septimum Clima“ im rechten Kartenrahmen.

In „modernen“ Karten nach 1500 findet sich wiederholt die Angabe derartiger Klimazonen, allerdings aber zumeist acht und mehr; sie umfassen dann in der Regel eine halbe Stunde der Tageslängen am längsten Tag. Etzlaubs Landstraßen-Karte, und auch die Romweg-Karte reichen von einer fünften bis zu einer zehnten Klimazone.

 

7  Register

Schon zur Romweg-Karte entstand ein „Register“ als deutschsprachiger Einblattdruck, das den Inhalt der Karte erläutert und in ihren Gebrauch einführt.

Auch für die Landstraßen-Karte erschien, wahrscheinlich 1504, ein „Registrum“, welches diesmal in lateinischer Sprache formuliert ist und gleichfalls als Erläuterung des Karteninhalts und als Gebrauchsanweisung der Karte anzusehen ist. In MIEDEMA (1996) ist der Text des „Registers“ zur Landstraßen-Karte abgedruckt und zusätzlich ins Deutsche übersetzt.

 

8  Grundlagen der Karte

Wie bei praktisch allen Karten jener Zeit wissen wir sehr wenig über die Grundlagen und die Bearbeitung der Karte. Grundlage der Kartenkonstruktion waren aber sicherlich Itinerarien, die zu jener Zeit umfangreich verbreitet und insbesondere in Nürnberg vorhanden waren, mußte doch jeder Reisende über Weglängen Bescheid wissen. Diese Itinerarien gaben die Entfernung zwischen einzelnen Orten auf Meilen oder sogar ½ Meile genau an (FINSTERWALDER, 1997), also eine Genauigkeit deutlich unter zehn Kilometer. Daneben waren wahrscheinlich von einigen Ortschaften die geographische Breite bekannt.

Der rechteckige Kartenrahmen lässt eine rechtwinkelige Plattkarte erwarten; davon gehen auch die meisten Autoren aus. In ENGLISCH (1996) wird dagegen festgestellt, dass es sich um eine Stereographische Abbildung (konforme Azimutalabbildung) mit Nürnberg als Hauptpunkt handelt. Wie eine schiefachsige konforme Azimutalabildung vor 500 Jahren praktisch realisiert werden konnte, sei dahingestellt.

 

9  Nachwirkungen

Etzlaubs Straßenkarten wirkten in vielen Karten nach, so zunächst in der „Carta Itineraria Europae“ (1511) und in der „Tabula moderna germania“ (1513) von Martin Waldseemüller (1470-1521) und in den Deutschlandkarten von Sebastian Münster (1489-1552).

Eine bemerkenswerte Nachwirkung anderer Art zeigt Rüdiger Finsterwalder auf: die 1515 in Nürnberg erschienene „Luculentissima quaedam terrae totius descriptio“ von Johannes Schöner (1477-1547) enthält ein Koordinatenverzeichnis, deren Koordinaten den beiden Etzlaub-Karten und ihren Abkömmlingen entnommen sind. Die Koordinatenliste Schöners wirkt dann in späteren Koordinatenverzeichnissen nach (FINSTERWALDER, 1997).

 

10  Genauigkeitsanalyse

Genauigkeitsuntersuchungen von Altkarten wurden bisher hauptsächlich durch die Darstellung eines Verzerrungsnetzes dokumentiert, welches die Deformation von Breitenkreisen und Meridianen infolge geometrischer Fehler der Karte ausweist. Anschaulich kann auch die Darstellung von Fehler-Vektoren sein.

Daneben sind numerische Werte, wie etwa die Genauigkeit der Maßstabsbestimmung oder die Genauigkeit der Ortspositionen sinnvoll (BEINEKE, 2001).

 

10.1  Verzerrungsnetz
 
Ein erstes Verzerrungsnetz der Landstraßen-Karte findet sich in BÖNISCH / BRICHZIN / SCHILLINGER / STAMS (1990). In Abbildung 1 ist eine am Lehrstuhl für Kartographie und Topographie der Universität der Bundeswehr München vorgenommene Konstruktion des Verzerrungsnetzes eingearbeitet. In der Mitte der Karte sind annähernd rechtwinkelige Netzmaschen zu erkennen, was eine rechteckige Plattkarte erwarten lässt. Eine Betrachtung der Meridiane lässt aber auch auf eine Konvergenz in Richtung Norden schließen.

Im Norden (unten) sind starke Verformungen der Netzlinien deutlich zu erkennen. Diese Verformungen zeigen, dass - wie in den Ptolemäus-Ausgaben - Jütland, die Ostseeinseln und Südschweden sowie im Westen die britische Insel „verdreht“ sind. Im Süden (oben) ist eine entsprechende Verdrehung Italiens und der Dalmatinischen Küste festzustellen.

 

10.2  Numerische Untersuchungen
 
Eine Maßstabsbestimmung mit Hilfe der Angaben im rechten Kartenrahmen ergibt sich zu 1 : 4,1 Millionen; dieser Wert findet sich häufig auch in der Literatur. Eine Affintransformation mit den durch eine Digitalisierung gewonnenen rechtwinkeligen Koordinaten der Ortspositionen in homologe Referenzpunkte lässt zunächst eine rechteckige Plattkarte mit einem längentreuen Parallelkreis von φ0= 46° erwarten. Eine Helmert-Transformation ergibt dann einen Maßstab der Karte von 1 : 3,72 Millionen (± 14 070); der mittlere Punktfehler der Ortspositionen beträgt etwa ± 23 mm, das sind 8,5 km, also etwas mehr als eine Meile.

In Abbildung 3 sind die Restklaffungen als Fehlervektoren bei Annahme einer rechteckigen Plattkarte dargestellt. Die Fehlervektoren zeigen insbesondere die oben angesprochenen Verdrehungen im Norden und Süden der Karte besonders deutlich auf.

Weitere Untersuchungen vermittels Distanzmessungen zwischen homologen Ortspositionen in Ost-West-Richtung ergaben, dass die Meridiane nach Norden konvergieren; dies lässt sich, wie erwähnt, auch im Verzerrungsnetz erkennen. Das erlaubt den Schluss, dass die Straßenkarten von Etzlaub möglicherweise doch auf der Grundlage von Azimutalabbildungen konstruiert sein könnten.

Eine mittabstandstreue Azimutalabbildung - die ja einfach zu konstruieren wäre - ergäbe mit dem Hauptpunkt Nürnberg (λΖ Η 11°, φZ Η 49°) einen Maßstab der Karte von 1 : 3,62 Millionen (± 14 123) und einen mittleren Punktfehler der Ortspositionen von ± 22 mm; also geringfügig bessere Werte als bei der rechteckigen Plattkarte. Die Berechung mit einer konformen Azimutalabbildung (Stereographische Projektion), wie in ENGLISCH (1996) angegeben, brachte praktisch identische Werte.
 

Abb. 3: Fehlervektoren in der Landstraßen-Karte von 1501
(Vektormaßstab 1:1)

 

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11  Schluss

Mit der Landstraßen-Karte von Erhard Etzlaub und zuvor schon mit der Romweg-Karte entstand vor 500 Jahren schlagartig ein moderner Kartentyp mit einem großen Genauigkeitsanstieg gegenüber älteren Karten. Die Karten sind vorwiegend in deutscher Sprache beschriftet. Wir stehen am Beginn einer „modernen“ Kartographie für Länder- und Regionalkarten mit deutscher Kartenbeschriftung.

An dieser Stelle sei noch meinen Mitarbeitern gedankt: von Dipl.-Ing. Uwe Kleim stammen die Konstruktion des Verzerrungsnetzes und Abbildungen dieses Aufsatzes. Dr.-Ing. Dieter Beineke führte die numerischen Untersuchungen aus.

 

12  Literatur

BEINEKE, Dieter (2001): Verfahren zur Genauigkeitsanlayse für Altkarten. Schriftenreihe des Studiengangs Geodäsie und Geoinformation der Universität der Bundeswehr München, Heft 71, Neubiberg, 155 S. (ISSN: 0173-1009)

BÖNISCH, Fritz / BRICHZIN, Hans / SCHILLINGER, Klaus / STAMS, Werner: (1990): Die Anfänge des Kartenwesens. Kursächsische Kartographie bis zum Dreißigjährigen Krieg, Band 1. Veröffentlichungen des Mathematisch-Physikalischen Salons, Forschungsstelle, Band 8. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 359 S. (ISBN: 3-326-00274-2)

BREUSING, Arthur (1883): Leitfaden durch das Wiegenalter der Kartographie bis zum Jahre 1600 mit besonderer Berücksichtigung Deutschlands. Beilage zum Katalog der Ausstellung des Dritten Deutschen Geographentages zu Frankfurt a. M. 29.-31. März 1883. Mahlau & Waldschmidt, Frankfurt am Main, 33 S.

CAMPBELL, Tony (1987): The earliest printed maps 1472-1500. University of California Press, Berkeley u. a., 244 S. (ISBN: 0-520-06270-1)

ENGLISCH, Brigitte (1996): Erhard Ertzlaub´s Projection and Methods of Mapping. In: Imago Mundi, Band 48, S. 103-123 (ISSN: 0308-5694)

FINSTERWALDER, Rüdiger (1997): Genauigkeit und Herkunft der Ortspositionen im mitteleuropäischen Raum zu Beginn des 16. Jahrhunderts. In: Kartographische Nachrichten, 47. Jhrg., Heft 3, S. 96-97 (ISSN: 0022-9164)

HÖHN, Alfred (1986): Franken im Bild alter Karten. Kartographische Zeugnisse aus 7 Jahrhunderten. Echter, Würzburg, 119 S. (ISBN: 3-429-01021-7)

HONIGMANN, Ernst (1929): Die sieben Klimata und die Poleis Episemoi. Eine Untersuchung zur Geschichte der Geographie und Astrologie im Altertum und Mittelalter. Carl Winter Verlag, Heidelberg, 247 S.

KRETSCHMER, Ingrid ( 2000): Georg von Peuerbach - Gedenktafel und Ausstellung ehren Wiener Gelehrten. In: Kartographische Nachrichten, 50. Jhrg., Heft 5, S. 230-232 (ISSN: 0022-9164)

KRÜGER, Herbert (1950): Das heilige Jahr 1500 und Erhard Etzlaubs Romweg-Karte. In: Erdkunde, Band 4, Heft 3/4, S. 137-141 (ISSN: 0014-0015)

KRÜGER, Herbert (1951): Erhard Etzlaub´s Romweg Map and Its Dating in the Holy Year of 1500. In: Imago Mundi, Band 3, S. 17-26 (ISSN: 0308-5694)

KRÜGER, Herbert (1958): Des Nürnberger Meisters Erhard Etzlaub älteste Straßenkarten von Deutschland. In: Jahrbuch für Fränkische Landesforschung, Band 18, S. 1-286, 379-407 (ISSN: 0446-3943)

KUPČÍK, Ivan (1992): Karten der Pilgerstrassen im Bereich der heutigen Schweiz und des angrenzenden Auslandes vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. In: Cartographica Helvetica, Heft 6, S. 17-28 (ISSN: 1015-8480)

MIEDEMA, Nine (1996): Erhard Etzlaubs Karten. Ein Beitrag zur Geschichte der mittelalterlichen Kartographie und des Einblattdruckes. In: Gutenberg-Jahrbuch, Band 71, S. 99-125 (ISSN: 0072-9094)

SCHARFE, Wolfgang / SCHEERSCHMIDT, Holger (2000): Berlin-Brandenburg im Kartenbild. Wie haben uns die anderen gesehen? Wie haben wir uns selbst gesehen? Ausstellung vom 10. Oktober bis 18. November 2000 von der Staatsbibliothek zu Berlin, Kartenabteilung, und der Freien Universität Berlin, Fachrichtung Kartographie. Staatsbibliothek zu Berlin, Austellungskataloge, Neue Folge 42. Reichert, Wiesbaden, 248 S. (ISBN: 3-89500-200-3)

SCHNELBÖGL, Fritz (1966): Life and Work of the Nuremberg Cartographer Erhard Etzlaub († 1532). In: Imago Mundi, Band 20, S. 11-26 (ISSN: 0308-5694)

SCHNELBÖGL, Fritz (1970): Leben und Werk des Nürnberger Kartographen Erhard Etzlaub (gest. 1532). In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 57, S. 216-231 (ISSN: 0083-5579)

WOLKENHAUER, August (1903): Über die ältesten Reisekarten von Deutschland aus dem Ende des 15. und dem Anfang des 16. Jahrhunderts. In: Deutsche Geographische Blätter XXVI, S. 120-380 (ISSN: 0070-4024), Reprint in: Acta Cartographica, Band 20, S. 480-498 (ISSN: 0567-7343)

WOLKENHAUER, August (1907): Der Nürnberger Kartograph Erhard Etzlaub. In: Verhandlungen des Deutschen Geographentages, Nr. 16, S. 124-146.

WOLKENHAUER, Wilhelm (1919): Erhard Etzlaubs Reisekarte durch Deutschland 1501. Harrwitz, Nikolassee bei Berlin, 13 S.

 

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Publikation Brunner: Erhard Etzlaubs Karte "Die Landstraßen durch das Römische Reich"

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Etzlaub-Karte von 1501

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Verzerrungsnetz zur Etzlaub-Karte

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Fehlervektoren zur Etzlaub-Karte

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