Carta Marina

 

"CARTA  MARINA  ET  DESCRIPTIO  SEPTEMTRIONALIVM  TERRARVM  AC  MIRABILIVM  RERVM  IN  EIS  CONTENTARVM  DILIGENTISSIME  ELABORATA  ANNO  DNI  1539  VENECIIS"

von Olaus Magnus [14590-1557] von 1539

 

"Carta Marina ..." von Olaus Magnus von 1539 (Nachdruck)

Quelle: BALZAMO, Elena / KAISER, Reinhard [2006]: Olaus Magnus. Die Wunder des Nordens.
Die andere Bibliothek, Band 261. Eichborn, Frankfurt am Main, 383 S.
ISBN  978-3-8218-4571-5

http://www.reinhardkaiser.com/LesesaalNeu/VersammelteWerke/
OlausCartaMarina.html

 

 

Auszug aus:

BRUNNER, Kurt [1989]: Ein Kartenwerk der Nordlande vom Jahre 1539.
In: Deutsches Schiffahrtsarchiv, Band 12. Zeitschrift des Deutschen Schiffahrtsmuseums, Bremerhaven, S. 173-194, Kapitel 8.

 

Die Geometrie der Karte

Neben dem Karteninhalt ist die innere Geometrie einer Karte von Bedeutung, also Art und Genauigkeit ihrer Aufnahme und die Abbildung in die Ebene. Die Geometrie alter Karten wird von der Kartographiehistorie nur selten untersucht, dies ist auch bei der "Carta marina" der Fall. Allerdings beschäftigten sich mit diesem Fragenkomplex für die "Carta marina" bereits mehrere Autoren ([2], [5], [8], [11]).

 

1. Geographische Breiten

Das geographische Netz, also das System von Meridianen und Breitenkreisen, ist in der "Carta marina" des Olaus Magnus nicht direkt eingezeichnet, aber am Kartenrahmen beziffert. Hierzu sagt OLAUS MAGNUS [1490-1557] in seiner deutschen Erläuterung "Ain kurze Avslegvng vnd Verklerung der neuuen Mappen ..." [9] selbst: "Nach dem Klima, den Parallel- und Minusgraden (?) habe ich kurz die grossen Länder angegeben. Ich nehme an, dass jeder vernünftige Mensch begreift, was ich mit Länge und Breite meine und ich hoffe, dass mich keiner tadeln wird, ehe er etwas besseres zuwege gebracht hat. Vermutlich haben viele fromme und gelehrte Männer diese Arbeit ausführen wollen, sie aber aufgrund mangelnder Erfahrung nicht zustande gebracht." (nach GAMBY [4]). Die Kartenrandausstattung mit dem Kartenrahmen ähnelt den Ptolemäus-Ausgaben des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Es ist anzunehmen, dass, wie bei vielen Karten jener Zeit auch, der Kartenrahmen erst nach Fertigstellung der Karte angebracht wurde und nicht der Kartenkonstruktion diente.

Im inneren Kartenrahmen des östlichen und westlichen Kartenrandes sind arabische Ziffern eingetragen. Sie beginnen mit "52" am südwestlichen und mit "55" am südöstlichen und enden am nordwestlichen Kartenrand mit "90". Am östlichen Kartenrand steht die "90" sogar beträchtlich unterhalb der nördlichen Kartenbegrenzungslinie, auf dem der "POLVS ARTICVS" (Nordpol) eingetragen ist. Man könnte meinen, dass es sich um die Angabe der geographischen Breite handelt. Betrachtet man in diesem Zusammenhang das Kartenbild, muss man jedoch davon ausgehen, dass OLAUS MAGNUS den Polarkreis mit "90" beziffert hat, anstatt korrekt mit 66°33'. Die aufgetragenen vermeintlichen Breiten können somit nicht zu einer irgendwie gearteten Konstruktion der Karte gedient haben.

In Abb. 1 wurde nun die Festlegung der Breitenkreise derart geändert, dass für den, der bei OLAUS MAGNUS mit "90" beziffert wurde, die geographische Breite von 66°33' zugeordnet wurde, da es sich ohne Zweifel um den nördlichen Polarkreis handelt. Im Süden wurde der offensichtlich richtige Breitenkreis von 55° festgehalten. Die übrigen Breitenkreise sind gleichabständig eingezeichnet. Ähnlich gingen bereits CRONE und GEORGE [2] vor. Ihr Ergebnis kann allerdings nicht befriedigen.
 

Abb. 1: Netzlinien der "Carta marina" mit korrigierten Breiten

 

2. Klimate, Parallelen und Tageslängen

Im äußeren Kartenrahmen des östlichen und westlichen Kartenrandes finden sich weitere Angaben. So sind die antiken Klimate in römischen Ziffern mit vorgesetztem "CLIM" angegeben. Diese aus der Antike stammende Gliederung der Erde war im 16. Jahrhundert sicherlich bereits überholt. Sie findet sich dennoch bei einigen Regionalkarten. Die Parallelen der einzelnen Klimate "P" und die Tageslängen des längsten Tages sind mit vorgesetztem "HORE", also z.B. "CLIM XII", "P XXI" und "HORE XX" eingetragen. Im nordwestlichen Teil finden sich weiterhin mit "MEN" und "MES" Angaben über die Länge der Polartage in Monaten.

Während die Ptolemäus-Karten in der Regel acht Klimate mit 21 Parallelen aufweisen und bis zu 63° nördlicher Breite reichen - also bis zur sagenhaften Insel Thule -, sind in der "Carta marina" 16 Klimate mit 34 Parallelen verzeichnet. Das südlichste Klima ist dabei das neunte, der südlichste Parallel der neunzehnte.

Eine Zusammenstellung der Klimate der "Carta marina" mit den tradierten ptolemäischen ist nicht festzustellen. Es scheint so, dass am südlichen Kartenrand bei 55° nördlicher Breite die angegebene Breite, die Parallelen und Tageslängen übereinstimmen, bei zunehmender geographischer Breite ist das nicht mehr der Fall. Die vermeintlichen Breiten wachsen viel zu schnell und zeigen keine Übereinstimmung mit den Parallelen und Tageslängen. In den Karten von JAKOB ZIEGLER [um 1470-1549] und CLAUDIUS CLAVUS [1388-?], die der "Carta marina" als Grundlage dienten, sind jedoch im Kartenrahmen weitgehend richtige Breiten angegeben.

Richtig eingetragen sind offensichtlich die Stunden des längsten Tages (Tageslängen), wenngleich die nördlichen ab 20 Stunden zum Teil fehlen oder falsch angegeben sind. Die im Gegensatz zu den fehlerhaften Breitenangaben richtige Angabe der Stundenzahl am längsten Tag könnte zu der Überlegung führen, ob zur damaligen Zeit Breitenbestimmungen nicht durch die Ermittlung der Stundenzahl am längsten Tag erfolgte. Der Zusammenhang zwischen der geographischen Breite und der Tageslänge am längsten Tag ist seit der Antike bekannt und wurde im 16. Jahrhundert in Tabellen aufgezeigt.

Die angegebenen Längen der Polartage "MEN" bzw. "MES" in Monaten sind in sich richtig, beginnen aber zu südlich.

 

3. Geographische Längen

Die geographischen Längen ("Gradvs Longitvdinis"), die am nördlichen und südlichen Kartenrand beziffert sind, stimmen für die südlichen Kartenteile eigentümlicherweise weit besser als die Breitenangaben insgesamt. Die Längenangaben beginnen, wie seit der Antike üblich, bei den Kanarischen Inseln und enden am östlichen Kartenrand mit 55° im Norden und mit 60° im Süden.

 

4. Der Kartennetzentwurf

Die Übertragung der dreidimensionalen Erdoberfläche in die Kartenebene verlangt eine Abbildung, die gemeinhin mathematisch erfassbar sein soll. Man spricht vom Kartennetzentwurf.

Die gleichabständigen Angaben der geographischen Länge am nördlichen und südlichen Kartenrahmen lassen gemeinsam mit den vermeintlichen und auch den korrigierten Breiten eine Plattkarte erwarten, ein Kartennetzentwurf, der bereits in der Antike bekannt - er soll auf MARINOS VON TYROS [1./2. Jh.] zurückgehen - und im 16. Jahrhundert durch aus üblich war. Für Gebiete in höheren Breiten ist dieser Entwurf allerdings wenig geeignet. Eine der Vorlagen der "Carta marina", die "Schondia"-Karte von JAKOB ZIEGLER, ist eine Plattkarte.

 

5. Die Drehung des Systems der Netzlinien

Wenn man das Bild der Netzlinien betrachtet (Abb. 1), fällt auf, dass die Netzlinien zum Kartenrahmen um ca. 14° nach Osten gedreht sind.

LYNAM [8] ging davon aus, dass die Netzlinien nach magnetisch Nord orientiert sind und die östliche und die westliche Kartenbegrenzungslinie nach astronomisch (geographisch) Nord weisen. Er begründete dies damit, dass damals in Uppsala die Deklination 12° in östlicher Richtung betrug. Betrag und Richtung des Wertes dürften richtig sein.

Die Netzlinien der "Carta marina" der Nordlande des OLAUS MAGNUS sind aber zweifellos Meridiane und Breitenkreise, also nach geographisch (astronomisch) Nord ausgerichtet. Darauf weisen auch CRONE und GEORGE [2] hin. Sollten die Kartenbegrenzungslinien dann aber nach magnetisch Nord zeigen, wäre die Deklination in der falschen Richtung angetragen. Natürlich ist es auch möglich, dass die schiefe Lage mit der Deklination nichts zu tun hat.

Der an der nördlichen Kartenbegrenzungslinie bei einer Länge von 49° östlich der Kanarischen Inseln - also knapp 30° östlich von Greenwich - eingetragene "POLVS ARTICVS" hat offensichtlich keine geometrische Bedeutung, wirkte jedoch in späteren Karten nach.

 

6. Das Verzerrungsnetz

Eine Aussage über die innere Geometrie einer Altkarte lässt sich über ein Verzerrungsnetz ermitteln. Derartige Verzerrungsnetze zur Genauigkeitsuntersuchung alter Karten führte IMHOF [6] ein. Das Verzerrungsnetz konstruiert man mit Hilfe moderner Vergleichskarten. Das verzerrte tatsächlich Netz der Meridiane und Breitenkreise ergibt für die "Carta marina" Bemerkenswertes.

Dieses Verzerrungsnetz wurde auf der Grundlage von ca. 470 Vergleichspunkten (Siedlungen, Flussmündungen, u.ä.) bestimmt. Problematisch waren dabei die nordöstlichen Kartenteile mit den hier auftretenden großen geometrischen Fehlern und der geringen Zahl indentischer Punkte.

Das so entstandene Verzerrungsnetz (Abb. 2) zeigt im südöstlichen Teil eine gute Übereinstimmung mit der im Abschnitt 4 festgestellten und in Abb. 1 wiedergegebenen Plattkarte. OLAUS MAGNUS konnte offensichtlich in diesem Bereich auf gute Breiten- und Längenbestimmungen zurückgreifen. Die übrigen Kartenteile sind stark verzerrt und zeigen insbesondere bei den geographischen Längen starke Abweichungen vom Bild einer Plattkarte. Interessant ist, dass sich die Bilderm der Meridiane und Breitenkreise meist rechtwinklig schneiden.
 

Abb. 2: Verzerrungsnetz der "Carta marina"

 

7. Literatur

[1] BRENNER, Oskar [1886]: Die ächte Karte des Olaus Magnus vom Jahre 1539 nach dem Exemplar der Münchener Staatsbibliothek. Brögger, Christiana, 24 S.
[2] CRONE, Gerard Roe / GEORGE, F. [1949]: Olaus Magnus and his Carta Marina: A problem in sixteenth-century cartography. In: The Geographical Journal, Band CXIV, Nr. 6, S. 197-200.
ISSN  0016-7398
[3] ERKES, Heinrich [1929]: Island im Lebenswerk des Olausm Magnus. In: Mitteilungen der Vereinigung der Islandfreunde, Band 18, S. 74-87.
[4] GAMBY, Erik (Hrsg.) [1964]: Carta marina. karta och beskrivning över de nordiska ländema samt de underbara ting som där finnas / Olaus Magnus. Nachdruck der Ausgabe Venedig 1539 (Begleittext mit Übersetzung der "Auslegung" schwedisch und deutsch). Bokgillet, Uppsala, 41 S.
[5] GRANLUND, John [1951]: The Carta Marina of Olaus Magnus. In: Imago Mundi, Band VIII, Heft 1, S. 35-43.
ISSN  0308-5694
[6] IMHOF, Eduard [1964]: Beiträge zur Geschichte der topographischen Kartographie. In: IMHOF, Eduard (Hrsg.): Internationales Jahrbuch für Kartographie, Band 4. Bertelsmann, Gütersloh, S. 129-152.
ISSN  0074-9842
[7] KNAUER, Elfriede Regina [1981]: Die Carta Marina des Olaus Magnus von 1539. Ein kartographisches Meisterwerk und seine Wirkung. Bamberger Schriften zur Renaissanceforschung, Heft 10. Gratia-Verlag, Göttingen, 151 S.
ISBN  3-921834-10-4
[8] LYNAM, Edward [1949]: The Carta Marina of Olaus Magnus, Venice 1539 and Rome 1572. Tall Tree Library, Jenkintown, 40 S.
[9] MAGNUS, Olaus [1539]: Ain kvrze Avslegvng und Verklerung der neuuen Mappen von den alten Gœttenreich vnd andern Nordlenden sampt mit den uunderlichen dingen in land und uasser darinnen begriffen biß her also klerlich nieintuuelt geschriben. Vnd zu lob und eer der Künigkliche stat Danzig in Prayssen und gemainer nutz durch Olaú Magnú Gotthú Lincopén. außgangé in Venedig nach Christi geburt 1539.
urn:nbn:de:bvb:12-bsb00021693-9
[10] NISSEN, Kristian [1956]: Jakob Ziegler's Palestine Schondia. Manuscript University Library, Oslo, MS. 917-4°. In: Imago Mundi, Band XIII, Stockholm, S. 45-52.
ISSN  0308-5694
[11] RICHTER, Hermann [1968]: Olaus Magnus Carta Marina 1539. Lychnos-Bibliothek, Band 11/2. Almqvist & Wiksell, Lund/Stockholm, 194 S.
[12] SCHUMACHER, Hermann Albert [1893]: Olaus Magnus und die ältesten Karten der Nordländer. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, Band 28, S. 167-200.
ISSN  1614-2055
[13] SEIFERT, Traudl [1980]: Die "Carta Marina" des Olaus Magnus. Ihre Entstehung und Bedeutung. In: Aus dem Antiquariat, Zeitschrift für Antiquare und Büchersammler, Nr. 72, Heft 8, S. A333-A359.
ISSN  0343-186X
[14] VENZKE, Jörg-Friedhelm [1987]: Geographische Anmerkungen zur Island-Darstellung in der "Carta Marina" des Olaus Magnus von 1539. In: Island-Berichte der Gesellschaft der Freunde Islands, 28. Jhrg., Heft 2, S. 80-86.
ISSN  1431-2530

 

 

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