2008

2008


 

"Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfen­stern hinaufsehen und mich blenden lassen von den unirdischen Farben. Ich brauche ihren Glanz. Ich brauche ihn gegen die schmutzige Einheitsfarbe der Uniformen. Ich will mich einhüllen lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen. Ich brauche es gegen das geistlose Gebrüll des Kasernenhofs und das geistreiche Geschwätz der Mitläufer. Ich will den rauschenden Klang der Orgel hören, diese Über­schwemmung von überirdischen Tönen. Ich brauche ihn gegen die schrille Lächerlichkeit der Marschmusik. Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift des Oberflächlichen und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen. Eine Welt ohne diese Dinge wäre eine Welt, in der ich nicht leben möchte.

Doch es gibt auch eine andere Welt, in der ich nicht leben will: die Welt, in der man den Körper und das selbständige Denken verteufelt und Dinge als Sünde brandmarkt, die zum Besten gehören, was wir erleben können. Die Welt, in der uns Liebe abver­langt wird gegenüber Tyrannen, Menschenschindern und Meuchelmördern, ob ihre brutalen Stiefelschritte mit betäubendem Echo durch die Gassen hallen oder ob sie mit katzenhafter Lautlosigkeit, als feige Schatten, durch die Straßen schleichen und ihren Opfern den blitzenden Stahl von hinten ins Herz bohren. Es gehört zum Absurdesten, was den Menschen von der Kanzel herab zugemutet worden ist, solchen Kreaturen zu verzeihen und sie sogar zu lieben. Selbst wenn jemand es wirklich vermöchte: Es bedeutete eine beispiellose Unwahrhaftigkeit und gnadenlose Selbstverleugnung, die mit vollständiger Verkrüppelung bezahlt würde. Dieses Gebot, dieses wahnwitzige, abartige Gebot der Liebe zu den Feinden, es ist dazu angetan, die Menschen zu brechen, ihnen allen Mut und alles Selbstvertrauen zu rauben und sie geschmeidig zu machen in den Händen der Tyrannen, damit sie nicht die Kraft finden mögen, gegen sie aufzustehen, wenn nötig mit Waffen.

Ich verehre Gottes Wort, denn ich liebe seine poetische Kraft. Ich verabscheue Gottes Wort, denn ich hasse seine Grausamkeit."

...

"Jorge schüttelte den Kopf. Er spreche nicht von einem Bedauern, jetzt noch nicht alle Erfahrungen gemacht zu haben, die zu seinem Leben gehören müßten, damit es ein ganzes wäre. Wenn das Bewußtsein von der jetzigen Unabgeschlossenheit des eige­nen Lebens für sich genommen schon ein Unglück wäre, müßte ein jeder mit Notwendigkeit in seinem Leben stets unglücklich sein. Das Bewußtsein der Offenheit sei umgekehrt eine Bedingung dafür, daß es sich um ein lebendiges und nicht schon totes Leben handle. Es müsse also etwas anderes sein, was das Unglück ausmache: das Wissen, daß es auch in Zukunft nicht mehr möglich sein werde, jene abrundenden, vervollkommnenden Erfahrungen zu machen.

Wenn aber für keinen Augenblick gelte, sagte ich, daß die in ihm bestehende Unabgeschlossenheit ihn zu einem unglücklichen Augenblick machen könne — warum sollte das nicht auch für all diejenigen Augenblicke gelten, die von dem Bewußtsein durchdrungen seien, daß die Ganzheit nicht mehr zu erreichen sei? Es sehe doch ganz danach aus, als sei die gewünschte Ganz­heit nur als zukünftige wünschenswert, als etwas, worauf man sich zubewegt, und nicht etwas, bei dem man ankommt. »Ich will es noch anders ausdrücken«, fügte ich hinzu: »Von welchem Standpunkt aus ist die unerreichbare Ganzheit zu beklagen und ein möglicher Gegenstand der Furcht? Wenn es doch nicht der Standpunkt der fließenden Augenblicke ist, für den die fehlende Ganzheit kein Übel ist, sondern ein Anreiz und Zeichen der Lebendigkeit?«

Einzuräumen sei, sagte Jorge, daß man, um die Art von Furcht empfinden zu können, mit der er aufgewacht sei, einen anderen Standpunkt einnehmen müsse als denjenigen der gewöhnlichen, nach vorne offenen Augenblicke: Man müsse, um seine fehlende Ganzheit als Übel erkennen zu können, das Leben als ganzes in den Blick nehmen, es sozusagen von seinem Ende her betrachten — genau so, wie man es eben tue, wenn man an den Tod denke.

»Doch warum sollte dieser Blick Anlaß zu Panik sein?« fragte ich. »Als erlebte ist die jetzige Unvollständigkeit deines Lebens kein Übel, darin waren wir ja übereingekommen. Fast scheint es, als sei sie ein Übel nur als eine Unvollständigkeit, die du nicht mehr erleben wirst, als eine, die man erst von jenseits des Grabes aus konstatieren kann. Denn als Erlebender kannst du schließlich nicht in die Zukunft vorauseilen, um von einem noch gar nicht eingetretenen Ende her verzweifelt zu sein über eine Mangelhaftigkeit deines Lebens, die an jenen vorweggenommenen Endpunkt erst noch herankriechen muß. Und so scheint deine Todesangst denn einen absonderlichen Gegenstand zu haben: eine Unvollständigkeit deines Lebens, die du nie wirst erleben können.«

»Ich wäre gern noch einer geworden, der den Flügel zum Klingen bringen kann«, sagte Jorge. »Einer, der — sagen wir — die Goldberg-Variationen von Bach darauf spielen kann. Estefania — sie kann es, sie hat sie ganz allein für mich gespielt, und seitdem trage ich den Wunsch in mir, es auch zu können. Bis vor einer Stunde habe ich, so scheint es, mit dem bestimmten, nie ausgeleuchteten Gefühl gelebt, daß ich noch die Zeit haben werde, es zu lernen. Erst der Bühnentraum ließ mich mit der Gewißheit aufwachen: Mein Leben wird ohne die gespielten Variationen zu Ende gehen.«

Gut, sagte ich, aber warum Angst? Warum nicht einfach Schmerz, Enttäuschung, Trauer? Oder auch Wut? »Angst hat man vor etwas, das erst noch kommt, das einem noch bevorsteht; doch dein Wissen um den für immer stummen Flügel ist ja nun schon da, wir sprechen darüber als ein gegenwärtiges. Dieses Übel kann andauern, aber es kann nicht größer werden, so daß es eine logische Angst vor seinem Anwachsen geben könnte. Daher mag deine neue Gewißheit dich niederdrücken und würgen, aber sie ist kein Grund für Panik.«

Das sei ein Mißverständnis, hielt mir Jorge entgegen: Die Angst gelte nicht der neuen Gewißheit, sondern dem, wovon sie Gewißheit sei: der zwar erst zukünftigen, jedoch jetzt schon feststehenden Unvollständigkeit seines Lebens, die schon jetzt als Mangel spürbar sei, der seiner Größe wegen die Gewißheit von innen her in Angst verwandle.

Die Ganzheit des Lebens, deren vorweggenommenes Fehlen einem den Schweiß auf die Stirn treibt — was kann sie sein? Worin kann sie bestehen, wenn man bedenkt, wie rhapsodisch, wechselhaft und wetterwendisch unser Leben ist, das äußere wie das innere? Wir sind ja nicht aus einem Guß, ganz und gar nicht. Reden wir einfach vom Bedürfnis nach Sättigung des Erlebens? War das, was Jorge quälte, das unerreichbar gewordene Gefühl, vor einem glänzenden Steinway zu sitzen und sich Bachs Musik so zu eigen zu machen, wie es nur möglich ist, wenn sie den eigenen Händen entspringt? Oder geht es uns um das Bedürfnis, genügend Dinge erlebt zu haben, um ein Leben als ganzes erzählen zu können?

Ist es am Ende eine Frage des Selbstbilds, der bestimmenden Vorstellung, die man sich vor langer Zeit davon gemacht hat, was man geleistet und erlebt haben müßte, damit es das Leben würde, dem man zustimmen könnte? Die Angst vor dem Tod als die Angst vor dem Unerfüllten läge dann — so scheint es —ganz in meiner Hand, denn ich bin es ja, der das Bild vom eigenen Le­ben, wie es sich erfüllen sollte, entwirft. Was läge näher als der Gedanke: Dann ändere ich das Bild, so daß mein Leben ihm schon jetzt gemäß ist — und sofort müßte die Angst vor dem Tod verschwinden. Wenn sie trotzdem an mir haften bleibt, dann deshalb: Das Bild, obgleich von mir gemacht und von niemand anderem, entspringt nicht launenhafter Willkür und ist nicht verfügbar für beliebige Abänderung, sondern ist verankert in mir und wächst heraus aus dem Kräftespiel meines Fühlens und Denkens, das ich bin. Und so könnte man die Angst vor dem Tod beschreiben als die Angst, nicht der werden zu können, auf den hin man sich angelegt hat.

Das taghelle Bewußtsein der Endlichkeit, wie es Jorge mitten in der Nacht überfiel und wie ich es in manchen meiner Patien­ten durch die Worte entzünden muß, mit denen ich ihnen die tödliche Diagnose verkünde, verstört uns wie nichts anderes, weil wir, oft ohne es zu wissen, auf eine solche Ganzheit hin leben und weil jeder Augenblick, der uns als lebendiger gelingt, seine Lebendigkeit daraus bezieht, daß er ein Stück im Puzzle jener unerkannten Ganzheit darstellt. Wenn die Gewißheit über uns hereinbricht, daß sie nie mehr zu erreichen sein wird, diese Ganzheit, so wissen wir plötzlich nicht mehr, wie wir die Zeit, die nun nicht mehr daraufhin durchlebt werden kann, leben sollen. Das ist der Grund für eine sonderbare, erschütternde Erfahrung, die einige meiner todgeweihten Patienten machen: daß sie mit ihrer Zeit, wiewohl sie so knapp geworden ist, nichts mehr anzufangen wissen.

Als ich nach dem Gespräch mit Jorge auf die Gasse trat, ging gerade die Sonne auf und die wenigen Menschen, die mir ent­gegenkamen, sahen im Gegenlicht wie Schattenrisse aus, Sterb­liche ohne Gesicht. Ich setzte mich auf den Sims eines Fensters zu ebener Erde und wartete darauf daß sich mir ihre Gesichter beim Näherkommen offenbaren würden. Die erste, die näher kam, war eine Frau mit wiegendem Gang. Ihr Gesicht, jetzt sah ich es, war noch schlafverschleiert, aber es war leicht sich vor­zustellen, wie es sich im Sonnenlicht öffnen und voller Hoff­nung und Erwartung den Ereignissen des Tages entgegenblicken würde, die Augen voll von Zukunft. Ein alter Mann mit Hund war der zweite, der an mir vorbeiging. Jetzt blieb er stehen, zündete eine Zigarette an und ließ den Hund von der Leine, damit er hinüber in den Park laufen konnte. Er liebte den Hund und sein Leben mit dem Hund, daran ließen seine Züge keinen Zweifel. Auch die alte Frau mit dem gehäkelten Kopftuch, die nach einer Weile kam, hing an ihrem Leben, obgleich ihr das Gehen mit den geschwollenen Beinen beschwerlich war. Fest hielt sie den Jungen mit dem Schultornister an der Hand, einen Enkel vielleicht, den sie — es war der erste Schultag — vor der Zeit zur Schule brachte, damit er diesen wichtigen Beginn seiner neuen Zukunft ja nicht verpaßte.

Alle würden sie sterben, und alle hatten sie Angst davor, wenn sie daran dachten. Irgendwann sterben — nur nicht jetzt. Ich ver­suchte mich an das Labyrinth von Fragen und Argumenten zu er­innern, durch das ich mit Jorge die halbe Nacht lang geirrt war, und an die Klarheit, die zum Greifen nahe gewesen war, um sich im letzten Augenblick zu entziehen. Ich sah der jungen Frau nach, die sich gerade streckte, dem alten Mann, der übermütig mit der Hundeleine spielte, und der humpelnden Großmutter, die dem Kind übers Haar fuhr. War es nicht offensichtlich, einfach und klar, worin ihr Entsetzen bestünde, wenn sie in diesem Augenblick Kunde von ihrem nahen Tode erhielten? Ich hielt das übernächtigte Gesicht in die Morgensonne und dachte: Sie wollen einfach noch mehr vom Stoff ihres Lebens, wie leicht oder beschwerlich, wie karg oder üppig dieses Leben auch sein mag. Sie wollen nicht, daß es zu Ende sei, auch wenn sie das fehlende Leben nach dem Ende nicht mehr vermissen können — und das wissen.

Ich ging nach Hause. Wie hängt kompliziertes, analytisches Nachdenken mit anschaulicher Gewißheit zusammen? Welchem von beiden sollen wir mehr trauen? "

 

aus
Mercier, Pascal: Nachtzug nach Lissabon
btb Verlag, 2006
-ISBN-10: 3-442-73436-3
-ISBN-13: 978-3-442-73436-8

 

 

 

erkannt von:  Dr. Marko Hofmann