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Zusammenfassung: Busch, Im Dispositiv interkultureller Kommunikation

Im Dispositiv interkultureller Kommunikation.

Kultur und Interkulturalität als Handlungsorientierung westlicher Gesellschaften am Beispiel des Forschungsfelds „interkulturelle Kommunikation“ in den Sozial- und Sprachwissenschaften.

Zu einer grundlegenden Neuorientierung einer angewandten Wissenschaft.

Dominic Busch

(2013, Bielefeld: Transcript Verlag)

Inhaltsangabe


 

Kapitel 1: Kulturarbeit und Kulturforschung im Kulturdilemma

Interkulturelle Kommunikation wird im ersten Kapitel einer Lagebestimmung unterzogen: Demnach handelt es sich für die Geistes- und Sozialwissenschaften um eine Thematik, deren Theoriebildung spätestens seit den 1990er Jahren abgeschlossen und seither nicht mehr weiterverfolgt worden ist. Die gegenwärtigen Manifestationen der Thematik zeugen von seiner fortgeschrittenen Reife: In den Wissenschaften erscheinen zahlreiche umfangreiche Handbücher, die vorliegendes Wissen zementieren. Auch die Zahl der Lehrbücher für die unterschiedlichsten Zielgruppen wächst stetig. Hinzu gesellt sich ein mittlerweile unüberschaubarer Weiterbildungsmarkt. Aus sozialtheoretischer Sicht dagegen steigt die Skepsis gegenüber einem Gegenstand, der kaum als wissenschaftliche Disziplin, sondern höchstens als ein Thema gelten kann, zu dem einzelne etablierte Disziplinen Stellung bezogen haben.

Kapitel 2: Brüche und Diskontinuitäten in der interkulturellen Forschung

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit interkultureller Kommunikation ist meist eine Forschung, die aus einem konkreten gesellschaftlichen Problemempfinden heraus motiviert und initiiert wird. Entsprechend kann von einer angewandten Forschung gesprochen werden, auch wenn zahlreiche Studien in diesem Bereich sich auf einer beinahe ausschließlich wissenschaftstheoretischen Ebene bewegen. Um die gesellschaftliche Rolle einer Erforschung interkultureller Kommunikation genau einschätzen zu können, werden zunächst die Debatten um die Rolle der Geisteswissenschaften in einer Gesellschaft im Allgemeinen reflektiert. Besonderes Augenmerk erhält dabei die gesellschaftliche Beratungsfunktion der Geistes- und Sozialwissenschaften: Wie konstituiert sich das beratende Selbstverständnis dieser Disziplinen, und an welchen normativen Vorgaben orientiert sich diese Beratungsleistung?

Die Forschung zur interkulturellen Kommunikation kann diesen Beratungsbedarf nicht in hinreichendem Maße erfüllen. Eine zentrale Ursache für dieses Problem besteht darin, dass es der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Thematik bisher nicht gelungen ist, die Handlungsrelevanz von Kultur konkret und möglichst unmittelbar aufzuzeigen. Die Frage: „Wie wirkt sich Kultur auf soziales Handeln in konkreten Einzelsituationen aus?“ lässt sich bislang höchstens auf der Grundlage von bereits vorgegebenen Kulturtheorien beantworten, die eine von vielen Erklärungsvarianten anbieten, deren Adäquatheit und Relevanz für eine gegebene konkrete Situation jedoch meist nicht nachgewiesen werden kann. Bei einer genaueren Auseinandersetzung mit diesem Desideratum drängt sich beinahe der Eindruck auf, dass die Forschung zur interkulturellen Kommunikation diese für sie eigentlich zentrale Frage nach der Handlungsrelevanz von Kultur sogar mehr oder weniger systematisch umschifft. Fragen, Theoretisierungen, Modelle und Antworten in der Forschung zur interkulturellen Kommunikation erwecken häufig den Eindruck von Zirkularität. In Einzelfällen werden tatsächlich Lösungen als innovativ propagiert, die bereits 20 Jahre zuvor formuliert und dann wieder verworfen worden waren.

Diese Widersprüchlichkeiten und Zirkularitäten sowie das relativ geringe Interesse an konkreten Problemlagen legen ein Verständnis von interkultureller Kommunikation als einem thematischen Diskurs nahe, der in sich geschlossen und realitätsunabhängig geführt und perpetuiert werden kann. Eine solche theoretische Erfassung von interkultureller Kommunikation wird an dieser Stelle anhand diskurstheoretischer Grundlagen vollzogen. Erste diskurstheoretische Sichtweisen auf interkulturelle Kommunikation aus dem Bereich der postkolonialen Theorie werden berücksichtigt, und mit einem Blick auf benachbarte Themenwissenschaften wird erörtert, wie ein Diskursverständnis über eine wissenschaftliche Disziplin systematisch aufgebaut werden kann. Kritisch wird dabei die Frage diskutiert, ob und inwieweit es sinnvoll und möglich ist, Probleme der Zirkularität allein dadurch zu lösen, dass man sich durch die Annahme eines Diskursverständnisses auf eine transzendierende Ebene zu begeben versucht.

Kapitel 3: Dispositive in akademischen und gesellschaftlichen Diskursen

Wenn man verstehen möchte, wie es dazu kommt, dass die Forschung zur interkulturellen Kommunikation augenscheinlich keine Lösung für ihr zentrales Forschungsproblem entwickelt, dann muss man zusätzlich zu dem hier entwickelten Diskursverständnis davon ausgehen, dass unter Umständen gar nicht die Entwicklung von Problemlösungen die eigentliche Aufgabe der Forschungsthematik ist, sondern dass letztere unter Umständen ganz anderen sozialen Zielstellungen dient. Ein solches Verständnis sowie eine entsprechende Operationalisierung ermöglicht die Dispositivtheorie Foucaults.

Um diesen Ansatz für die vorliegende Problematik fruchtbar zu machen, wird zunächst die gesellschaftskritische Motivation unterschiedlicher Formen der Diskursforschung im Allgemeinen reflektiert. Ins Zentrum rücken dabei Modelle zur Sichtbarmachung von sozialen Machtstrukturen, wie sie beispielsweise in den Gender Studies und in der postkolonialen Theorie zur Anwendung gekommen sind. Mit der Dispositivtheorie legt Foucault dabei einen Ansatz vor, der von späteren Autoren ganz gezielt dazu ausgebaut wurde, das Zusammenspiel aus Wissen, Macht, Diskursen und sozialer Praxis in seiner machtstrukturierenden Funktion sichtbar zu machen. Grundsätzlich wird dabei angenommen, dass gesellschaftlich empfundene Notstände die Basis für die Entwicklung von Dispositiven bilden: Mit diskursiven Techniken und Strategien werden Wissensbestände generiert, die auf eine verdeckte Weise den Notstand beheben, ohne dass dessen Behebung explizit thematisiert werden müsste.

Auf der Grundlage bereits vorliegender Studien zu den Dispositiven von sozialer Nachhaltigkeit, von Geschlecht und von Fremdheit werden erste Überlegungen dazu angestellt, wie ein Dispositiv interkultureller Kommunikation beschaffen sein könnte, was es ausmacht und wie es beschrieben werden kann. Wissenschaftliche Diskurse zur interkulturellen Kommunikation werden damit zum empirischen Material für eine Dispositivanalyse, für die es selbst bislang kaum methodisch strenge und validierende Vorgaben gibt.

Kapitel 4: Interkulturelle Kommunikation als Dispositiv: Vorarbeiten

Der Vorschlag, die Auseinandersetzung um interkulturelle Kommunikation als Diskurs zu betrachten, ist selbst nicht neu. Diese Sichtweise wurde bislang jedoch noch nicht konsequent und durchgehend nachgezeichnet. Darüber hinaus wurde vor allem die Handlungsrelevanz dieses Verständnisses nicht durchdacht. Auch eine systematische Erfassung als Dispositiv sowie eine Entwicklung einer darauf aufbauenden angemessenen Forschungsmethodik hat bislang nicht vorgelegen. Vorarbeiten, die jedoch zu diesem Verständnis und diesem Ansatz hinführen, werden in diesem Kapitel referiert und kritisch eingeordnet. Versteht man interkulturelle Kommunikation als Diskursthema, so führt dies zunächst zu neuen und anderen Forschungsfragen als eine direkte Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. So haben bereits zahlreiche Arbeiten versucht, die Genese des Kulturbegriffs an sich als Diskurs zu begreifen und nachzuzeichnen. Dabei wurde auch bereits reflektiert, dass diese Reflektion interkultureller Kommunikation selbst als Bestandteil westlicher Kulturen verstanden werden muss. Von Thomas Höhne liegen aus Publikationen um die Jahrtausendwende Überlegungen zu einem Fremdheitsdispositiv vor, dessen Manifestationen er in Schulbüchern nachgezeichnet hat. Letztlich folgern zahlreiche Autoren aus der Diskursivität des Kulturbegriffs und seiner Differenzorientierung auf eine neue Form von Rassismus unter dem Deckmantel von Kultur als einem neuen und substitutiven Begriff.

In diesem Kapitel wird abschließend eine systematische Einordnung des Diskurses um interkulturelle Kommunikation als Dispositiv vorgenommen. Dabei werden die einzelnen Bestandteile des Dispositivs rekonstruktiv benannt und eingegrenzt. Auch die Rolle einzelner Unterbegriffe, wie beispielsweise dem Schlagwort interkultureller Kompetenz, werden reflektiert und eingeordnet.

Kapitel 5: Das Dispositiv interkultureller Kommunikation in den Wissenschaften

Bisherige Dispositivanalysen haben häufig einige methodische Schwächen. Das jeweilige empirische Material wird meist nicht systematisch gesichtet und ausgewertet. Stattdessen werden meist in historiographischer Manier exemplarische oder besonders aussagekräftige Phänomene berichtet. Dies wäre auch für den Gegenstand interkultureller Kommunikation möglich, die bis dahin aufgestellte Behauptung eines flächendeckend arbeitenden Dispositivs ließe sich damit jedoch kaum belegen. Stattdessen wird hier eine möglichst weitreichende Analyse der Forschungsarbeiten zur interkulturellen Kommunikation aus dem exemplarischen Bereich der Sprach- und Kommunikationswissenschaften unternommen. Hierzu wird ein Kategoriensystem entwickelt, das vorliegende Forschungsarbeiten aus dem genannten Bereich im Hinblick auf die von ihnen spezifizierte Handlungsrelevanz des jeweiligen Kulturverständnisses einordnet und zueinander in Beziehung setzt. Herausgearbeitet wird, auf welche Weise sich Kultur gemäß der referierten Konzepte im sozialen Handeln manifestieren soll, woran man sie erkennen können soll und wie sie sich auf Handlungsentscheidungen auswirken soll. Entsprechend lässt sich zeigen, dass die vorliegenden Studien zwar unterschiedliche Kulturkonzepte vorlegen, die untereinander auch in einen Diskussions- und Kontrastierungszusammenhang gestellt werden können. Gerade aber dieses Diskussionsnetz bestätigt und bestärkt jedoch letztlich die Hermetik des Dispositivs interkultureller Kommunikation.

Kapitel 6: Das Dispositiv interkultureller Kommunikation in Gesellschaftsdiskursen

Wissenschaftsdiskurse sind mit anderen gesellschaftlichen Diskursbereichen nahtlos verwoben und sie zeigen gegenüber diesen keine strukturellen Unterschiede. Spricht man von einem Dispositiv interkultureller Kommunikation, so ist demnach davon auszugehen, dass dieses Dispositiv auch andere gesellschaftliche Bereiche erfasst und instrumentalisiert, bzw. dass es sich grundsätzlich um ein gesamtgesellschaftlich zu betrachtendes Phänomen ist, für das der Wissenschaftsdiskurs keineswegs den Nukleus darstellt. Für eine Beschreibung gesamtgesellschaftlicher Diskurse kann keine so detaillierte Systematisierung versucht werden wie für den eingrenzbaren wissenschaftlichen Bereich. Interessant für die Beschreibung der Wirkweise des Dispositivs ist darüber hinaus jedoch die Frage danach, wie sich das Dispositiv in allen gesellschaftlichen Bereichen verankert und auch permanent in der Lage ist, neue Diskursfelder zu erreichen und zu erfassen, um sich auf diese Weise selbst zu erhalten. Für eine Beschreibung dieser Prozesse des Überschreitens von Schwellen zwischen Diskursfeldern wird ein Modell aus den British Cultural Studies herangezogen, das den Wissensaustausch zwischen medienvermittelter und interpersonaler Produktion und Rezeption von Kommunikation thematisiert und als einen permanenten Kreislauf verbildlicht. Schaut man nun auf die einzelnen Übergangsbereiche zwischen Medienkommunikation und interpersonaler Kommunikation, so finden sich in den Sprach- und Kommunikationswissenschaften jeweils bereits hinreichende Studien, die diese diskursiven Transferprozesse thematisieren. Auf dieser Grundlage lässt sich zeigen, dass Kultur als Begründungsmotiv für die Erklärung sozialer Prozesse und einzelner sozialer Handlungsentscheidungen jeweils in seiner Beschaffenheit zwischen den einzelnen Diskursbereichen transferiert wird. Auf diese Weise reproduziert sich das Dispositiv interkultureller Kommunikation auf gesellschaftlicher Ebene permanent selbst.

Kapitel 7: Wie kann man trotzdem noch forschen? Überlegungen zu einer Neuorientierung

An dieser Stelle darf die diskursive Thematisierung von interkultureller Kommunikation in Wissenschaft und Gesellschaft als Dispositiv entlarvt und als dekonstruiert gelten: Interkulturelle Kommunikation ist damit als ein Diskurs aufgebaut, der gezielt so strukturiert ist, dass er sich permanent selbst aufrechterhält und immer weiter stärkt, und der zugleich einer unthematisierten Stabilisierung sozialer Machtungleichgewichte dient, deren explizite Thematisierung von den betroffenen Gesellschaften nicht mehr normativ gebilligt werden würde.

Zugleich liegt mit der Beschreibung interkultureller Kommunikation als einem Dispositiv jedoch auch erstmals wieder ein stabiler und verlässlicher theoretischer Rahmen vor, innerhalb dessen interkulturelle Kommunikation erforscht werden könnte. Ein Hindernis demgegenüber stellt jedoch weiterhin die geringe Zugänglichkeit konkreter, vom Dispositiv beeinflusster Prozesse dar. Nimmt man an, dass auch jedes theoretische Modell und jede forscherische Tätigkeit vom Dispositiv umschlossen und beeinflusst wird, dann rückt ein direkter Zugriff auf die dispositive Wirkung auf der eigentlichen Handlungsebene in weite Ferne. Dennoch wird in der vorliegenden Studie ein Modell entwickelt, mit dessen Hilfe die genannten Schwierigkeiten weitestgehend umgangen werden können. Dazu sind mehrere Schritte erforderlich, die in den Kapiteln sieben bis neun nacheinander vollzogen werden.

Zunächst gilt es, den Zusammenhang zwischen diskursiver Teilhabe und der damit einher gehenden Vereinnahmung durch das Dispositiv einerseits sowie individuellen Handlungsentscheidungen in konkreten Situationen zu operationalisieren und beschreibbar zu machen. Hierzu wird zunächst ein praxeologisches Handlungskonzept entwickelt. Praxisorientierte Handlungskonzepte definieren sich in der bisherigen Literatur meist insbesondere durch eine Abgrenzung gegenüber textorientierten und semiotischen Modellen. Diese Debatten werden an dieser Stelle aufgegriffen und nachgezeichnet: Für das hier gestellte Ziel ist eine Verknüpfung von Praxeologie und Diskursteilhabe sinnvoll, konzeptuell ist sie auch durchaus möglich. Ein entsprechendes integratives Modell wird hier vorgestellt. 

Kapitel 8: Zu einer Theorie performativen Handelns im Dispositiv interkultureller Kommunikation

Nachdem ein Modell zur Nachzeichnung individuellen Handelns im Kontext einer Diskursteilhabe entwickelt worden ist, wird in einem nächsten Schritt ein Kulturbegriff herausgearbeitet, der es ermöglicht, gezielt die Handlungsrelevanz von Kultur in konkreten Kontexten zu überprüfen. Gemeint ist dabei ein radikal subjektorientierter Kulturbegriff, der keine theoretischen Rahmen vorgibt, sondern der akzeptiert, dass Kultur und ihre Relevanz für eine gegebene Situation immer genau das sind, was die beteiligten Individuen darunter verstehen. Dieses Kulturverständnis wird aus dem Modell der Diskursteilhabe abgeleitet: Qua Diskursteilhabe rezipieren Individuen Kulturverständnisse und werten sie für sich aus. Konzepte zur Performativität sozialen Handelns zeigen dabei die Schranken individuellen Gestaltens und sozialen Wandels auf: Sozial verstehbar und akzeptabel erscheinen demnach primär nur Zitationen und Iterationen bereits dagewesener Kulturverständnisse. Ein radikales Abweichen einzelner Individuen von diesen Verständnissen hat praktisch keinen sozialen Effekt außer einer eventuellen Exklusion des betroffenen Akteurs. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass Individuen grundsätzlich partikulare, d.h. zumindest in geringem Maße individualisierte Kulturverständnisse haben und dass sie auf dieser Grundlage eigene Handlungsoptionen entwickeln. Sie schreiben diesem Kulturverständnis entsprechend eine Handlungsrelevanz zu. Abgesehen von der besonderen Adäquatheit dieses Kulturverständnisses hat die Annahme subjektiver Kulturverständnisse auch einen positiven Nebeneffekt für eine spätere empirische Analyse: Geht man nämlich von der Existenz dieser Kulturverständnisse bei jedem Individuum aus, so ließe sich dessen Beschaffenheit zumindest theoretisch immer auch schlicht erfragen. Demgegenüber werden aus Sicht der empirischen Sozialforschung noch einige Hindernisse offenkundig, die im folgenden Kapitel bearbeitet werden.

Kapitel 9: Zu einer Empirie der Performativität in interkulturellen Kontexten

Abschließend wird eine empirische Methode entwickelt, die die vorgenannten Bedingungen berücksichtigt und auf dieser Grundlage eine sinnvolle Kulturforschung wieder möglich machen soll. Erforscht werden soll demnach der Einfluss von Kultur auf individuelles Handeln unter Berücksichtigung des Einflusses eines Dispositivs interkultureller Kommunikation. Dabei sollen Interferenzen, die sich aus der Inklusion des Forschers selbst in das Dispositiv ergeben, möglichst umgangen oder zumindest minimiert werden. Entsprechend wird eine empirische und qualitativ arbeitende Methode gesucht, die wenig interpretatives Potential erfordert und die eine gezielte Kulturforschung ermöglicht, ohne zuvor bereits ein Kulturverständnis vorzugeben. Die Suche nach einer solchen Methode kann nur und muss an dieser Stelle heuristisch offen erfolgen. Entsprechend werden einige Ansätze aus der qualitativen Sozialforschung untersucht, die wesentlich bereits auch zu früheren Kulturstudien verwendet worden waren. Diese Ansätze werden systematisiert und auf ihren Ertrag im Hinblick auf die genannten Anforderungen an die Methode untersucht. Entsprechend kann auf diese Weise immer nur ein näherungsweises und optimierendes Ergebnis erzielt werden und es ist grundsätzlich zu erwarten, dass immer auch weitere Methoden gefunden oder entwickelt werden können, die diese Zielstellungen noch besser erfüllen. Durch dieses Näherungsverfahren lenkt sich der Blick auf die ethnomethodologische Konversationsanalyse, einem Ansatz aus der Gesprächsforschung, der insbesondere in der angelsächsischen Forschung Beachtung erfahren hat und der sich als diametrales Gegenprojekt zu Diskursanalysen versteht. Die Ethnomethodologie basiert dabei auf der Forderung, dass nur das in einer Analyse berücksichtigt werden könne, was direkt und explizit in dem zu untersuchenden (Gesprächs-)Material enthalten sei. Interpretationen über den Kontext dieser Daten werden demgegenüber als reine Spekulation verworfen. Diese Grundsätze sind für das an dieser Stelle verfolgte Projekt von zentralem Nutzen, weil sie sich zum Ziel setzen, den interpretativen Einfluss des Forschers bei gleichzeitiger qualitativer Analyse zu verringern. Dieses Anliegen erscheint bei einer Kulturforschung angesichts des angenommenen Dispositivs, das auch den Forscher vereinnahmt, zentral. Bereits in den 1970er Jahren wurde in diesem Kontext von Harvey Sacks die so genannte Membership Categorization Analysis (MCA) entworfen, die davon ausgeht, dass Sprecher einer Konversation Sinn verleihen, indem sie einzelne erwähnte Objekte, Gegenstände und Personen abstrakten Kategorien zuordnen, die wiederum untereinander in einem Sinnzusammenhang zueinander stehen. Kategorien eines solchen Systems enthalten gleichzeitig bereits Eigenschaften und typische Aktivitäten, die die Akteure mit diesen Kategorien unhinterfragt verbinden und die nicht mehr ausgehandelt werden brauchen. Dieser Ansatz lässt sich im Besonderen für eine Erforschung individueller Kulturverständnisse fruchtbar machen und operationalisieren. Nachgezeichnet werden können explizite Artikulationen von Kulturverständnissen, wobei auch deren Handlungsrelevanz rekonstruiert werden kann. Berücksichtigt man den Einfluss des Dispositivs interkultureller Kommunikation auf diese Handlungsentscheidungen, dann lässt sich darüber hinaus eine Fragestellung beantworten, für die die Konversationsanalyse bislang keinen Angriffspunkt finden konnte. So blieb bislang unklar, warum, wann und unter welchen Bedingungen Akteure eine bestimmte Kategorie aktivieren und wann nicht. Geht man davon aus, dass das Dispositiv grundsätzlich die Funktion erfüllt, einen darunter liegenden, verdeckten Notstand zu beheben, dann kann angenommen werden, dass umgekehrt ein drohendes Zutagetreten des Notstands die Akteure zur Verwendung dispositiver Strategien motiviert. Mit anderen Worten: Kulturalisierungen werden in Gesprächen meist dann vollzogen, wenn mindestens einer der beteiligen Akteure seine Machtposition in Gefahr sieht, für deren Behebung sich das Dispositiv interkultureller Kommunikation einsetzen lässt.

 

 

Kapitel 10: Fazit: Dispositive und handlungsrelevante Aktivierungen von Interkulturalität

Die vorliegende Studie nimmt zunächst eine Problemanalyse über den Zustand des Wissenschaftsthemas interkultureller Kommunikation vor. Der Forschungsgegenstand wurde von der geistes- und sozialwissenschaftlichen Theoriebildung in den vergangenen zwei Jahrzehnten zunehmend abgeschnitten, wenngleich er von der Gesellschaft auch weiterhin als hoch relevant eingeschätzt wird. Aus dieser Situation erwächst eine Verantwortung an die Wissenschaften, soziale Prozesse mit angemessener Reflektion zu begleiten. In der vorliegenden Studie wird ein Diskursverständnis der Auseinandersetzung mit interkultureller Kommunikation entwickelt, das sich bei genauerer Analyse auch als ein Dispositiv interkultureller Kommunikation verstehen lässt. Dieses Dispositiv reproduziert sich permanent selbst und dient primär der Behebung anderweitig gelagerter gesellschaftlicher Problemstellungen. Die vorliegende Studie leistet eine systematische Sichtung und Beschreibung dieses Dispositivs in Wissenschaft und Gesellschaft. Auf dieser Grundlage werden eine Theorie und eine darauf aufbauende empirische Methode entwickelt, mit deren Hilfe der Einfluss von Kultur auf soziales Handeln unter dem Einfluss des Dispositivs angemessen beschrieben werden kann. Das abschließende Kapitel liefert Überlegungen dazu, welchen Formen empirischen Materials eine erneute Aufarbeitung besonders dringlich erfordern. Schließlich wird der Grundstock für eine an Handlungsrelevanz orientierte und dispositivtheoretisch informierte Erforschung interkultureller Kommunikation gelegt.

 

 

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