Hans-Georg Scherer

Prof. Dr. phil. habil. Hans-Georg Scherer

Biografie


Studium und wissenschaftliche Qualifikation  

Studium: Sport (Diplom), Geschichte, Soziologie (Universität Saarbrücken) und Sonderpädagogik (Universität Marburg)

1989 Promotion ("summa cum laude"; Thema der Dissertation: "Schilauf mit blinden Schülern - Konstruktion und Evaluation eines Lernangebots")

1994 Habilitation (Habilitationsschrift: "Analysen und Perspektiven des Theorie-Praxis- Problems in der Sportpädagogik am Beispiel des Anwendungsbezugs bewegungswissenschaftlicher Forschung") und Venia legendi für Sportwissenschaft.

Beruflicher Werdegang

Lehrer an einer Berufsschule (1974/75) und nebenberuflich an der Blinden- u. Sehbehindertenschule in Marburg (1979 - 1984)

Trainer- und Ausbildertätigkeiten als A-Trainer und Stützpunkttrainer Leichtathletik und DSV-Bundes- und Landesausbilder Ski alpin

Lehrkraft für Theorie u. Praxis der Sportarten in Turnen, Leichtathletik, Skilauf, Rollen u. Gleiten, Radsport (1975 - 1991, Universität Marburg)

Privatdozent für Sportpädagogik und Bewegungslehre (1996-1999, Universität Marburg)

Leitung des Forschungs- u. Studienschwerpunkts "Sport mit blinden und sehbehinderten Menschen" an der Universität Marburg (1984 - 1991)

Professuren

Vertretung von Professuren für Sportpädagogik an den Universitäten Heidelberg, Frankfurt und Marburg.

1999 - 2004 Professur für "Sport und Bewegung" an der Universität Osnabrück.

2004 - 2013 Beurlaubung an der Universität Osnabrück und Vertretung zunächst der Professur für Sportpsychologie und Sportpädagogik, nachfolgend für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Universität der Bundeswehr München.

Ab 01.04.2013 Professur für Sportpädagogik an der UniBw

Aktuelle Forschungsschwerpunkte und -projekte


Wahrnehmung, Bewegung und Kognition

Zahlreiche Phänomene im Sport legen die Vermutung nahe, dass Wahrnehmung und Bewegung auf Basis gemeinsamer kognitiver Repräsentationen verzahnt sind, welche die Wahrnehmung bewegungsbezogener Kontexte beim aktiven Handeln sowie bei der Beobachtung von Fremdbewegungen strukturieren. Neuere theoretische Ansätze gründen auf funktionalen, handlungseffektbezogenen Strukturen als semantischen Kernen gemeinsamer Repräsentationen. Auf dieser Grundlage stellt sich die Frage, ob sich dieses "common coding" (Prinz, 1997) in Zusammenhängen zwischen perzeptiven Leistungen bei der Beobachtung von Frembewegungen und motorischer Kompetenz des Beobachters niederschlägt. Auf perzeptiver Seite setzt dies voraus, dass funktionale Strukturen des Handelns anhand topologischer Merkmale von Bewegungsverläufen erkannt werden können, wofür eine Reihe von Befunden aus Studien mit sog. Point-Light Displays spricht.

In einer experimentellen Versuchsreihe wurde der Zusammenhang von perzeptiven (Erkennens-)Leistungen und motorischer Kompetenz bzgl. der gleichen Bewegung untersucht. Es bestätigt sich zum Ersten auch in dieser Studie, dass in Point-Light-Technik dargestellte Bewegungsabläufe allein auf Basis animierter topologischer Merkmale erkannt und in hohem Grade differenziert werden. Zum Zweiten können signifikante Zusammenhänge zwischen motorischer und perzeptiver Expertise sowie sprachlicher Differenzierung festgestellt werden, die mit dem Grad einschlägiger Bewegungserfahrung kovariieren. Letzteres ist im Rahmen von „Embodied cognition“- Konzepten plausibel interpretierbar (Scherer, 2011).
Weitere Studien zur Strukturierung des Blickverhaltens (erfasst über Eye tracking) und der Wahrnehmung beim Bewegen selbst sind in Vorbereitung.    

Transfer beim Bewegungslernen

Bei der didaktischen Organisation von Lernprozessen geht man explizit oder implizit von der Erwartung aus, dass Lerneffekte aus vorausgehenden Lehr-Lernprozessen nachfolgende Lernprozesse im Sinne positiven Transfers beeinflussen. Die Lernforschung beschäftigt sich u.a. mit den Fragen, wie transferrelevante Einheiten beschaffen sind, wie sie übertragen werden und wie sich bei Transfer Teil- bzw. Gesamtstrukturen verändern. Der vorliegende Forschungsansatz verfolgt die Transferfrage auf Basis aktueller Ansätze zur effektorientierten Verhaltenssteuerung und Handlungskontrolle. Als transferrelevante Einheiten werden situationsbezogene Aktions-Effekt-Relationen (SAE) bzw. SRE (stimulus-response-effect)-Triplets unter Führung antizipierter Effekte angenommen. Antizipierte Effekte dürften demnach für den Transfer solcher Relationen in neue (Lern-) Kontexte verantwortlich sein. In (feld-) experimentellen Studien konnten signifikante Intertask- und Intratask-Effekte nachgewiesen werden, die sich auf dieser Modellbasis interpretieren lassen (Scherer, 2005; Scherer, Kuhn & Reszel, 2010). Derzeit werden experimentelle Bedingungsanalysen durchgeführt.    

Psycho-physische Anforderungen und motorische Fitness

Mitarbeiter Kornelius Kraus

Verbundforschungsprojekt in Kooperation mit Prof. Dr. Hackfort (UniBw München) und Prof. Dr. Dr. Leyk (DSHS Köln) 

Entwicklung eines Screening-Verfahrens zur Diagnose und Intervention im Bereich motorischer Fitness im Rahmen eines komplexen Tools zur physischen, mentalen und motorischen Fitness von Soldaten.
Wissenschaftstransfer Der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in sportpädagogische Anwendungszusammenhänge ist ein zentraler Arbeitsschwerpunkt, der fast alle Forschungsarbeiten durchzieht und auch Gegenstand wissenschaftstheoretischer Analysen ist (z.B. Scherer, 1991; 1993; 2005; 2012; 2013; 2014). Wesentliche Ergebnisse des Wissenschaftstransfers aus den Bewegungswissenschaften in die Sportdidaktik sind in einer aktuellen Monografie zusammengefasst (Scherer & Bietz, 2013).        

Frühere Forschungsschwerpunkte


Curriculumentwicklung im Blinden - und Sehbehindertensport

In einem Kooperationsprojekt des sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Marburg und der Deutschen Blindenstudienanstalt wurden ab 1979 Sportangebote für blinde und sehbehinderte Schüler entwickelt, evaluiert und im Rahmen eines Gesamtcurriculums implementiert (z.B. Leichtathletik, Skilauf, Windsurfen, Kajak, Klettern, Rollen und Gleiten, Schwimmen u.a.). Wesentliche pädagogische Orientierung in diesem Curriculum, das seit einigen Jahren sukzessive und mit Erfolg in die schulische Regie überführt wurde, war und ist, neben der Entwicklungsförderung, die Vorbereitung auf den außerschulischen integrativen Freizeitsport. Parallel und in enger Verzahnung mit dem schulischen Projekt wurde deshalb in einem zweiten Projektteil eine Infrastruktur von Sportangeboten in Regelsportvereinen für blinde und sehbehinderte Sportinteressenten entwickelt. Diese Sportangebote erfreuen sich regen Zuspruchs blinder wie sehender Freizeitsportler. Auf der Didacta 2009 erreichte das Projekt den 2. Platz im "Deutschen Innovationspreis für nachhaltige Bildung".  

Spezielle Probleme im Sport mit blinden Menschen

Im Rahmen der Entwicklung von Sportangeboten für blinde Menschen ergaben sich insbesondere zwei spezifische Probleme beim sportlichen Handeln und Lernen: Zum einen das Problem der Raumwahrnehmung und räumlichen Orientierung bei alltagsfernen, schnellen, raumgreifenden und in ungewohnten Raumlagen und Bewegungsmedien (Schnee, Wasser, Luft, Lokomotionsinstrumente wie Skates, Ski, Surfboard etc.) zu vollziehenden Bewegungen, bei denen zudem die gewohnten Orientierungshilfen (z.B. Blindenstock) nicht nutzbar sind. Hier stellte sich für Praxis und Forschung die Frage, wie sich blinde Menschen auf Basis der in den je spezifischen dynamischen Wahrnehmungsfeldern emergenten Informationen weitestmöglich eigenständig orientieren können. Ein zweites Problem ist in der Bildung von handlungsleitenden Bewegungsvorstellungen für die i.d.R. alltagsfernen sportlichen Handlungen zu sehen. Beide Fragenkomplexe wurden in eigenen, eher grundlagenorientiert und experimentell angelegten Projekten bearbeitet und es konnten eine Reihe praxisrelevanter Lösungen gefunden werden.

Situative Kontexte als Lernfaktoren

Ausgehend einer handlungstheoretisch oientierten Grundstruktur sportlicher Aufgaben wurde der Einfluss von Situationskomponenten auf das Bewegungslernen untersucht und didaktisch-methodisch strukturiert. Durch gezielte Veränderung situativer Settings werden dabei Möglichkeiten und Rahmenbedingungen für die Entwicklung von Bewegungsmustern gegeben. Die Varianz von Handlungssituationen wird als konstruktive Komponente des Lernens gesehen. Nach Evaluationsarbeiten im Bereich der situationsbezogenen Sportart Skilauf (Scherer, 1998) wurde das Konzept auch auf eher geschlossene Sportarten (Turnen, Leichtathletik; Scherer, 2004) und andere Bewegungsfelder (Rollen und Gleiten;  Scherer, 2009) übertragen . Relevanz erhielt das Vorhaben u.a. durch die Einführung von themenorientierten Bewegungs- und Erfahrungsfeldern in schulischen Lehrplänen sowie universitären Studienordnungen. Ergebnisse dieser didaktischen Wekrstattarbeit flossen in eine komplexe didaktische Struktur zum Lernen und Lehren sportlicher Bewegungen ein (Scherer & Bietz, 2013).

Publikationen

Publikationen.pdf

 

Jüngere Publikationen (Auswahl)

  • Scherer, H.-G & Bietz, J.. (2013). Lehren und Lernen von Bewegung. Bd. 4 Basiswissen Didaktik des Bewegungs- und Sportunterrichts. Baltmannsweiler: Schneider.
  • Scherer, H.-G. (2015). Sportdidaktik trifft Sportmotorik. Das Modell der effektkontrollierten Motorik und das Lehren und Lernen sportlicher Bewegungen. Sportunterricht 64, 1, 1-8
  • Scherer, H.-G. (2015). Sportliches Bewegen als Krise des Handelns und Chance ästhetischer Erfahrung. In M. Pietraß (Hrsg.), Krise und Chance: Humanwissenschaftliche Perspektiven (S. 66-71). Kolloquienreihe Innovation und Nachhaltigkeit. Schriftenreihe der Universität der Bundeswehr München Bd. 09.
  • Scherer, H.-G. (2015). Vermitteln von Bewegungen – Strukturelle Bedingungen menschlichen Bewegungslernens im Rahmen eines bewegungspädagogischen Vermittlungsbegriffs. In J. Bietz, R. Laging & M. Pott-Klindworth (Hrsg.), Didaktische Grundlagen des Lehrens und Lernens von Bewegungen - bewegungswissenschaftliche und sportpädagogische Bezüge (S. 107-125). Baltmannsweiler: Schneider.
  • Scherer, H.-G. (2015). Bewegungslernen – bewegungspädagogische Ansätze auf dem (bewegungs-)wissenschaftlichen Prüfstand. In N. Gissel & A. Klinge (Hrsg.), Sportpädagogische Praxis – Ansatzpunkt und Prüfstein von Theorie (S. 43-44). Ruhr-Universität Bochum.
  • Scherer, H.-G. (2015). Sinnesbehinderungen. In M. Wegner, V. Scheid & M. Knoll (Hrsg.),  Handbuch „Sport für Menschen mit Behinderungen“ (S. 181-192). Schorndorf: Hofmann.
  • Scherer, H.-G. (2015). Wintersport. In M. Wegner, V. Scheid & M. Knoll (Hrsg.),  Handbuch „Sport für Menschen mit Behinderungen“ (S. 415-423). Schorndorf: Hofmann.
  • Scherer, H.-G. (2015). Inklusion im Schneesport – ein Erfahrungsbericht. In I. Bach (Red.), Skilauf und Snowboard in Lehre und Forschung. Schriftenreihe der ASH, Bd. 23 (S. 136-145). Hamburg: Feldhaus.
  • Scherer, H.-G. (2016). Die Lernaufgabe als Aufgabenformat kompetenzorientierter Aufgabenkultur aus interdisziplinärer Perspektive. In D.Wiesche, M. Fahlenbock & N. Gissel (Hrsg.), Sportpädagogische Praxis - Ansatzpunkte und Prüfstein von Theorie. Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft Band 255 (S. 229-239). Hamburg: Czwalina.
  • Scherer, H.-G. & Böger, C. (2016).Bewegungswissenschaft. In C. Kröger & W.-D. Miethling (Hrsg.), Sporttheorie für die gymnasiale Oberstufe. 2. überarbeitete Aufl.  (S. 69-90). Schorndorf: Hofmann.

  • Scherer, H.-G. (2016). Inklusion im Wintersport. Ein Kooperationsprojekt dreier Partner. Sportpraxis, 57 (Sonderheft), 21-25

  • Scherer, H.-G. (2017). Interdisziplinäre Perspektiven der Sportdidaktik. Zeitschrift für sportpädagogische Forschung, 5, 5-26

Publikationen in Vorbereitung

  • Scherer, H.-G. & Bietz, J. (2017). Sportliches Bewegen zwischen Krisen des Handelns und ästhetischer Erfahrung. Zeitschrift für sportpädagogische Forschung (i.V.).   

  • Scherer, H.-G. (2017). Transfer beim Bewegungslernen. Forschungsbericht (i.V.).  


                                                                                           

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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