Womit beschäftigt sich die Forschung zur interkulturellen Kommunikation?

 

 

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Womit beschäftigt sich die Forschung zur interkulturellen Kommunikation?

Versuch einer Gegenstandsbestimmung

Dominic Busch

  1. Der Begriff interkulturelle Kommunikation bezeichnet die soziale und symbolhafte Interaktion zwischen zwei oder mehreren Individuen oder Gruppen, angesichts derer mindestens ein Beteiligter oder aber ein Beobachter davon ausgehen, dass die Interaktanten unterschiedlichen (primär: ethnischen) Kulturen angehören.
  2. Im Zentrum des Interesses der Forschung zur interkulturellen Kommunikation stehen dabei direkte und unmittelbare Interaktionssituationen sowie die Reflektion der Interaktanten über diese Situationen. Von weiterem Interesse sind jedoch auch mittelbare Kontaktsituationen, die beispielsweise (massen-)medial vermittelt oder aber imaginiert werden.
  3. Die Forschung zur interkulturellen Kommunikation greift die in westlichen Gesellschaften weit verbreitete und vielfach gestützte Annahme auf, dass das Vorhandensein unterschiedlicher kultureller Zugehörigkeiten von Interaktanten die Interaktionssituation modifiziert.
  4. Modifikationen von Interaktionssituationen aufgrund des Vorliegens unterschiedlicher kultureller Zugehörigkeiten werden in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen an vielen verschiedenen Stellen identifiziert, beobachtet, interpretiert und bewertet. Zwei wesentliche und divergierende Verständnisse können in essentialistischen gegenüber konstruktivistischen Kulturverständnissen gesehen werden: Vertreter essentialistischer Verständnisse gehen vom Vorhandensein unterschiedlicher Kulturen aus. Hier wird angenommen, dass sich Kulturen in den unterschiedlichsten Aspekten, insbesondere aber in persönlichen Werthaltungen, Weltdeutungen sowie im Wissen über kommunikative Konventionen voneinander unterscheiden. Treffen vor dem Hintergrund dieser Annahmen Angehörige unterschiedlicher Kulturen aufeinander, so ist damit zu rechnen, dass sie die kulturellen Besonderheiten ihres Gegenübers nicht kennen und erkennen können. In der Folge muss mit einem vermehrten Auftreten von Missverständnissen gerechnet werden, die die Betroffenen mangels kulturellen Wissens ebenfalls nicht erkennen und auch nicht konstruktiv bearbeiten können, so dass es in der Folge zur Eskalation interpersonaler Konflikte kommen kann. Vertreter konstruktivistischer Kulturverständnisse nehmen demgegenüber an, dass kulturelle Zugehörigkeiten primär als soziale und diskursive Konstrukte anzusehen sind, deren wesentliche Funktion darin besteht, Grenzen zwischen unterschiedlichen Gruppen zu ziehen und diese Grenzen aufrecht zu erhalten. Vermeintliche kulturelle Unterschiede erhalten ihre Relevanz erst dadurch, dass Angehörige der unterschiedlichen Gruppen diesen Differenzen eine identitätsstiftende und –konstituierende Funktion zuschreiben. Kulturelle Differenz dient somit der gegenseitigen sozialen Abgrenzung, zu deren Zweck häufig eine Abwertung des Anderen zugunsten einer Aufwertung des Eigenen betrieben wird.
  5. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit interkultureller Kommunikation bezieht ihre gesellschaftliche Legitimation aus der in westlichen Gesellschaften vielfach vorzufindenden Problemwahrnehmung interkultureller Kommunikation: Kulturelle Differenz wird vielfach als soziale Herausforderung oder sogar als eine Bedrohung wahrgenommen, gegenüber der eine gewisse Ohnmacht empfunden wird. Aus gesellschaftlicher Sicht soll eine Erforschung interkultureller Kommunikation häufig Lösungsansätze entwickeln, die dabei helfen sollen, dieses Ohnmachtempfinden zu beheben. Diese Lösungsansätze zielen häufig auf eine Modifizierung individuellen Verhaltens ab, sie werden häufig unter dem Begriff der interkulturellen Kompetenz als einem erwünschten Verhalten subsumiert.
  6. Sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus wissenschaftlicher Sicht kommt es vielfach zu einer normativen Bewertung sozialer Verhaltensweisen im interkulturellen Kontakt. Dabei lässt sich beobachten, dass Gesellschaften in unterschiedlichen sozialen Kontexten sehr verschiedene, teilweise sogar einander gegenläufige Normorientierungen formulieren können, mit denen erwünschte Umgangsformen mit kultureller Differenz beschrieben werden. Die gesellschaftliche Problemorientierung gegenüber interkultureller Kommunikation fällt demnach inhaltlich sehr kontextspezifisch aus.
  7. Die Forschung zur interkulturellen Kommunikation vereint, versammelt und monitoriert diese verschiedenen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurse zur interkulturellen Kommunikation und bringt sie untereinander in einen Austausch.
  8. Angesichts der Kontextspezifik des gesellschaftlichen Problembewusstseins erscheint eine Orientierung an und eine ausführlichere Untersuchung unterschiedlicher gesellschaftlicher Handlungsfelder und der Rolle kultureller Differenz in diesen Handlungsfeldern sinnvoll.
  9. Die Forschung zur interkulturellen Kommunikation unterstützt eine immer wieder erforderliche Klärung, Diskussion und Reflektion von zentralen Begriffen wie denen von Kultur, kultureller Differenz und Interkulturalität.
  10. Die Forschung zur interkulturellen Kommunikation setzt sich ein für eine Vernetzung unterschiedlicher wissenschaftlich-disziplinärer Herangehensweisen zur interdisziplinären Bearbeitung von Aspekten interkultureller Kommunikation.
  11. Die Forschung zur interkulturellen Kommunikation setzt sich ein für einen permanenten Austausch zwischen aktueller wissenschaftlicher Theoriebildung und unterschiedlichen Anwendungs- und Praxisfeldern.
  12. Kulturelle Differenz wird als eine von zahlreichen gesellschaftlich als relevant erachteten Diversitätskategorien verstanden. In diesem Kontext erscheint nicht nur die Untersuchung interkultureller Interaktionen auf einer Mikro-Ebene relevant. Vielmehr können diese Interaktionen nicht angemessen erfasst und verstanden werden ohne eine ebenso ausführliche Auseinandersetzung mit Aspekten kultureller Differenz auf einer gesellschaftlichen Meso- und einer Makro-Ebene.
  13. Die Forschung zur interkulturellen Kommunikation erkennt, dass der deutschsprachige akademische Diskurs partikulare disziplinäre, theoretische und normative Ausprägungen aufweist. Er setzt sich für eine Weiterführung eines entsprechend gewachsenen (europäischen) Paradigmas sowie für dessen Vernetzung mit und dessen Eintreten in einen Diskurs mit alternativen Verständnissen ein.