Über das Zusammenspiel von Personen und Umwelten

27 Mai 2019

„Mit Superlativen sollte man vorsichtig sein, doch bei der Vorstellung von John Rauthmann ist ihr Gebrauch berechtigt,“, so Prof. Dr. Karl-Heinz Renner, der die methodische und theoretische Brillanz seines Kollegen von der Universität zu Lübeck lobte. Der von der Association of Psychological Science als „Rising Star“ ausgezeichnete Forscher, der eine eigene Taxonomie zur Situationsdiagnostik entwickelt hat, widmete seinen Vortrag „Person-Umwelt Phänomene: Interaktionen, Korrelationen, Transaktionen“ der Untersuchung von Situationen und ihrer Bedeutung in der Persönlichkeitsforschung.

Woraus bestehen Situationen?

Das Verhalten einer Person in einer bestimmten Situation ist laut der Feldtheorie von Kurt Lewin durch den mentalen Zustand dieser Person sowie durch die tatsächliche Umwelt bedingt. Dabei ist jedoch der Unterschied zwischen dem momentanen (person state) und dem regelmäßigen (personality trait) Personenzustand sowie auch zwischen dem momentanen (situation state) und dem regelmäßigen (situation trait) Zustand der Umwelt zu beachten. Alle diese Faktoren beeinflussen den Verlauf und die Konsequenzen einer Person-Umwelt-Transaktion.

Für eine ausführliche Situationsbeschreibung schlägt Prof. Rauthmann das Modell Situational Eight DIAMONDS vor. Dieses schließt acht Kriterien mit ein: Duty (Eine Aufgabe muss erledigt werden), Intellect (Tiefe Informationsverarbeitung ist nötig oder erwünscht), Adversity (Jemand wird bedroht oder kritisiert), Mating (Man kann attraktive PartnerInnen umwerben, anziehen oder halten), pOsitivity (Situation ist angenehm, spaßig, verspielt, lustig), Negativity (Situation könnte negative Gefühle hervorbringen), Deception (Jemand wird hintergangen; es herrscht Misstrauen), Sociality (Man kann bedeutsame soziale Kontakte knüpfen). Sowohl Traits, als auch Unterschiede in mittlerem Situationserleben können States vorhersagen.

Verhaltensstrategien in bestimmten Situationen wurden u.a. in einem Experiment untersucht, in dem über 200 Probanden einen Tag lang Narrative Clips getragen haben, Mini-Kameras, die alle 30 Sekunden eine Momentaufnahme erstellen. Daraus sind Zehntausende Bilder entstanden, die mehr als 5000 Situationen dokumentierten. Bei der Nachbesprechung beurteilten die Probanden ihr Verhalten und machten zusätzliche Aussagen zu Motiven der Veränderung oder Erhaltung der besagten Situationen.

Empfehlungen für künftige Forschung

Zum Abschluss seines Vortrags betonte Prof. Rauthmann eine intensivere Miteinbeziehung der transaktionalen Perspektive und die Situationsdiagnostik als ein Desiderat der Persönlichkeitspsychologie, und fügte hinzu: Bei den künftigen Untersuchungen von Transaktionsmechanismen soll der Einsatz von Foto- und Videotechnik verstärkt werden, da die Bildmedien im Vergleich zu rein verbalen Beschreibungen eine komplettere Situationsdarstellung ermöglichen. Grundlegend sei ebenfalls aktive Kollaboration von Forschern, da sie neben der Effizienz auch wertvollen Austausch und damit eine nicht zu übersehende gegenseitige Bereicherung mit sich bringt.

Bild, v. li. n. re.: Prof. John F. Rauthmann, Prof. Karl-Heinz Renner.