Ein Expertenvortrag über die Spuren traumatischer Erfahrungen

11 Juni 2019

Prof. Dr. Robert Kumsta ist Inhaber des Lehrstuhls für Genetische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, wo er die biologischen und genetischen Grundlagen von langfristigen Folgen früher Stresserfahrungen untersucht. In seinem Vortrag hat sich Prof. Kumsta mit weitreichenden Folgen von Kindheitstraumata befasst, die sich sowohl in der intellektuellen Entwicklung als auch auf Ebene epigenetischer Mechanismen dokumentieren lassen.

Tiefe Wunden aus der Vergangenheit

Traumatische Erfahrungen im frühen Kindesalter wirken sich auf psychische sowie körperliche Gesundheit im Erwachsenenalter negativ aus. Personen, die in der Kindheit körperlichen oder emotionalen Missbrauch bzw. Entbehrungen ausgesetzt werden, zeigen als Erwachsene verstärkte Neigungen zu Depression, Angststörung sowie zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Prof. Kumsta präsentierte eine tiefgehende Analyse dieser Zusammenhänge, die im Rahmen der English and Romanian Adoptees (ERA) Study durchgeführt wurde. Diese Langzeituntersuchung beschäftigte sich mit der Entwicklung der Kinder aus rumänischen Kinderheimen, die in den 1990er Jahren im Alter von 0 bis 3,5 Jahren von britischen Familien adoptiert wurden. Infolge des 1966 vom Diktator Nicolae Ceausescu initiierten Erlasses, der einen starken Bevölkerungswachstum erzielen sollte, wurden sämtliche Verhütungsmittel sowie Abtreibungen verboten. Dies hatte eine demographische Katastrophe zur Folge: Hunderttausende von Kindern wurden von Armut betroffen, in erster Linie Heimkinder, die verstärkte soziale sowie physische Deprivationen erleben mussten. Der radikale Wechsel der Umweltbedingungen für solche Kinder durch Adoption und Auswanderung nach Großbritannien stellte ein „natürliches Experiment“ dar, auf dessen Basis die ERA-Studie durchgeführt wurde.

Die emotionalen und physischen Deprivationserfahrungen im frühen Kindesalter hatten weitreichende Folgen für die Intellektuelle und emotionale Entwicklung der ERA-Kinder. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ERA-Studie wurden über mehrere Datenerhebungen bis ins Alter von 23 Jahren untersucht. Während in den ersten Erhebungswellen die Defizite der adoptierten Kinder im Vergleich zu Kontrollprobandeinnen und -probanden hervorstachen, deuten spätere Erhebungen auf die positiven Erholungseffekte durch die Adoption hin.Diese waren aber vor allem bei denjenigen Probandinnen und Probanden präsent, die im Alter von unter 6 Monaten adoptiert wurden. Bei den später adoptierten Personen konnten bleibende Tendenzen zu ADHS, Störungen des Sozialverhaltens und Defizite der kognitiven Leistungsfähigkeit beobachtet werden.

Wie weit reichen die Folgen der Entbehrungen?

Die festgestellten negativen Konsequenzen blieben trotz der positiven und unterstützenden Umgebung bis ins junge Erwachsenenalter erhalten. Diese Stabilität lässt sich durch epigenetische Veränderungen erklären, Mechanismen, die die Expression oder Stilllegung von Genen auf zellulärer Ebene langfristig beeinflussen. Diese Mechanismen, wie etwa die DNA-Methylierung, chemische Abänderung der Gensubstanz einer Zelle, können als Reaktionen auf die Umwelt auftreten. Im Laufe der epigenetischen Untersuchungen im Rahmen der ERA-Studie wurden bei spät adoptierten Probandinnen und Probanden Methylierungen festgestellt. Die Daten der früh adoptierten unterschieden sich dagegen kaum von denen der Kontrollgruppe. Zusätzliche Magnetresonanztomographien zeigten bei den spät adoptierten Personen ebenfalls Anzeichen für überdauernde Auswirkungen auf Gehirnstruktur, die möglicherweise durch epigenetische Faktoren bedingt sind. Zusammenfassend betonte Prof. Kumsta: Die Ergebnisse der Studie liefern Hinweise auf epigenetische Spuren psychosozialer Entbehrungen im frühen Alter, die sich auf langfristige Entwicklungsprozesse negativ auswirken.

Bild, v. li. n. re.: Prof. Robert Kumsta, Prof. Markus Werkle-Bergner