Anatomie der kollektiven Weisheit

17 Dezember 2019

In seinem Gastvortrag am Institut für Psychologie der Universität der Bundeswehr München behandelte Dr. Bahador Bahrami das Phänomen der kollektiven Weisheit, das u.a. von Francis Galton im Jahre 1906 untersucht wurde. Laut dem Postulat der Weisheit der Vielen fallen Gruppenentscheidungen mit höherer Wahrscheinlichkeit richtig aus, als Entscheidungen von einzelnen Mitgliedern einer Gruppe. In seiner Forschung kommt Dr. Bahrami zum Ergebnis, dass Entscheidungsfindung in kleinen Gruppen sich als die beste Organisationsstrategie erweist.

Mit Dr. Bahrami begrüßte das Institut für Psychologie an der Universität der Bundeswehr München einen exzellenten Spezialisten auf dem Gebiet der Kognitiven Neurowissenschaft mit dem Thema der kollektiven Intelligenz als Schwerpunkt. „Von der Royal Holloway University of London bis zur Ludwig-Maximilians-Universität München – überall ist er als ein wahrhaftig begehrter Forscher bekannt“, stellte seinen Kollegen Prof. Merle Fairhurst, Inhaberin des Lehrstuhls für Biologische Psychologie, vor. In seinem Vortrag „How can we organize people to predict the future better?“ setzte sich Dr. Bahrami mit dem Phänomen der Weisheit der Vielen und mit seinen Anwendungsmöglichkeiten in der Prognostizierung von möglichen Zukunftsereignissen auseinander.

Was macht die Weisheit der Vielen aus?

Zum Einstieg in das Thema geleitete Bahador Bahrami die Zuhörenden durch eine kurze Geschichte der Forschungen zur Gruppenintelligenz. Deren Grundstein hat im Aufklärungszeitalter der Philosoph, Mathematiker und Politiker Marquis de Condorcet gelegt. In seiner Jury-Theorem behandelte er die Frage von Umständen, unter welchen eine Gruppenentscheidung mit höherer Wahrscheinlichkeit richtig ausfällt, als die Entscheidung eines einzelnen Mitglieds; heutzutage ist das Theorem als einer der Argumente für das demokratische System bekannt. Eine Entdeckung, die die Auseinandersetzung mit der kollektiven Weisheit entscheidend geprägt hat, machte 1906 der Geograph, Biologe und Psychologe Francis Galton. Auf einer Nutztiermesse beobachtete er ein Schätz-Gewinnspiel, in welchem ca. 800 Teilnehmende versuchten, das Gewicht eines Ochsen einzuschätzen. Nach dem Spiel rechnete er den Mittelwert aller Antworten zusammen; dieser lag äußerst nah an dem tatsächlichen Gewicht des Tieres und übertraf damit die Antwort des Gewinners des Spiels sowie der teilnehmenden Metzger.

Jedoch weicht die alltägliche zwischenmenschliche Kommunikation von der Theorie und den Experimenten erheblich ab. So ist etwa der Faktor des Einflusses der Überzeugungen der Gruppe auf die Meinungsäußerung einer einzelnen Person zu berücksichtigen. Daher, so Bahrami, sei es besonders wichtig, Organisationsstrategien für das Treffen von Gruppenentscheidungen auszuarbeiten.

Die große Kraft von kleinen Gruppen

Dr. Bahrami berichtete von einem Experiment, das er zusammen mit seinen Kollegen Joaquin Navajas und Mariano Sigman in einem Stadion in Buenos Aires durchgeführt hat. In diesem mussten insgesamt 5180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Fragen aus dem Bereich Allgemeinwissen beantworten, erst einzeln, dann in kleinen Gruppen von fünf Personen nach einer kurzen Besprechung. Bei der Genauigkeit der Antworten haben kleine Gruppen deutlich besser abgeschnitten als Einzelpersonen. Das Ergebnis des Experiments lässt darauf schließen, dass die Entscheidungsfindung in kleinen Gruppen auch aus den Nachteilen der Gruppenintelligenz, der Polarisierung und dem Herdenverhalten, Nutzen ziehen lässt. So bilden sich kleine Gruppen, die erfolgreich kommunizieren und genaue Entscheidungen treffen, nicht nach Zufallsprinzip, sondern aufgrund von gemeinsamen Überzeugungen und Eigenschaften. Bei der Forschung von Gruppenintelligenz sei zu beachten, dass soziale Interaktion nicht auf der Ebene der gesamten Masse stattfindet, sondern innerhalb von kleinen Gruppen. Dies sei insbesondere relevant für politische Prozesse und für die Zukunftsprognostizierung, betonte Bahrami zum Schluss.

 

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