Overtourism – auch in deutschen Städten unvermeidbar?

3 Februar 2021

Wie wirkt sich der Städtetourismus auf die Umwelt aus und was kann die Stadtplanung diesbezüglich leisten? Diesen Fragen widmet sich die Professur für Raumplanung und Mobilität an der UniBw M, um Städte bei einer umweltfreundlichen Entwicklung des Tourismus zu unterstützen.

Ein Beitrag von Prof. Dr.-Ing. Christian Jacoby, Professor für Raumplanung und Mobilität (an der Fakultät für Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften) und Vivien Ann Kunze, M.Sc.

Das Tiefdruckgebiet Ahmed ist Anfang des Jahres über Deutschland hinweggezogen und hat jede Menge Schnee mitgebracht. Normalerweise wären jetzt die touristischen Destinationen in den Wintersportgebieten überfüllt, doch in diesem Winter ist alles ganz anders. Und auch im letzten Sommer mussten viele Menschen aufgrund der Pandemie auf ihre herkömmlichen Urlaubsreisen verzichten. Große Ansammlungen von Menschen sind seit einem Jahr zu vermeiden. Das schlägt sich auch in den Tourismuszahlen der Städte nieder, was einerseits zu großen finanziellen Sorgen der Tourismusbranche geführt, aber andererseits auch eine deutliche Entlastung für Bevölkerung und Umwelt in den Touristenstädten bedeutet hat. Der Mensch und Umwelt zunehmend belastende „Overtourism“ macht gerade in weiten Teilen der Welt eine Pause.

Letzteres ist für unser Projekt interessant, denn wir untersuchen aktuell im Auftrag des Umweltbundesamtes die Auswirkungen des Städtetourismus auf die Umwelt und forschen nach, wie die Stadtplanung auf diese eingeht. Als Ergebnis erarbeitet unser Projektteam einen Handlungsleitfaden, um die Städte bei einer umweltfreundlichen Entwicklung des Tourismus zu unterstützen. 

Ein allseits viel diskutiertes Umweltproblem: der touristische Verkehr

Bisher stellte sich bei unseren Untersuchungen – insbesondere bei den Fallstudien in sechs ausgewählten Tourismusstädten in Deutschland – heraus, dass touristische Belange in der Stadtplanung zwar vereinzelt Berücksichtigung finden, aber nur in den seltensten Fällen zusammen mit Umweltbelangen betrachtet werden. Dabei ist ein allseits viel diskutiertes Umweltproblem der touristische Verkehr, also die An- und Abreise der Touristinnen und Touristen sowie ihre Mobilität vor Ort. In einigen Städten stößt das System schon mit dem alltäglichen Verkehr an seine Grenzen. Der touristische PKW-Verkehr ist dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bzw. in diesem Fall eher die Straßen zum Verstopfen bringt. Um Einwohnerinnen und Einwohner sowie die Umwelt zu entlasten, werden in den Städten Mobilitätskonzepte entwickelt: In Baden-Baden zum Beispiel werden schon bei der Anfahrt der Gäste die vorhandenen Stellplätze in den Parkhäusern auf digitalen Hinweisschildern angezeigt, um den Parksuchverkehr in der Innenstadt zu reduzieren.  
Aber nicht nur die Autos der Touristinnen und Touristen sind problematisch, sondern auch die großen Reisebusse: Alle steuern dieselben Sehenswürdigkeiten der Städte an und führen dort nicht selten zu einem Park- und Verkehrschaos. Die Verantwortlichen der Stadt Regensburg haben beispielsweise dieses Problem behoben, indem sie ein attraktiv gestaltetes Busparkterminal am Rande der Innenstadt neu eingerichtet haben. Dort können die Touristinnen und Touristen aus den Reisebussen aus- und einsteigen und über die bekannte „Steinerne Brücke“ in das Zentrum der Altstadt gelangen. Die Busse dagegen parken dann auf einem großen Parkplatz weiter außerhalb.

Integration einer Seilbahn in das öffentliche Nahverkehrsnetz

Allerdings bringt der Tourismus nicht nur Probleme mit sich, sondern kann auch Treiber einer umweltfreundlichen, nachhaltigen Entwicklung sein: So wurde in Koblenz, einer weiteren Fallstudienstadt, für die Besuchenden der Bundesgartenschau 2011 eine Seilbahn errichtet (siehe Titelbild). Mit ihr gelangen Gäste der Stadt vom Rheinufer nahe des Deutschen Ecks direkt zu der hoch gelegenen Festung Ehrenbreitstein auf der anderen Rheinseite. Ohne den Tourismus hätte sich der Bau wirtschaftlich nicht rentiert, aber nun profitieren die Bewohnerinnen und Bewohner ebenso von dieser schnellen Anbindung. Zurzeit wird sogar darüber diskutiert, die ursprünglich für eine temporäre Nutzung errichtete Seilbahn auf Dauer in das öffentliche Nahverkehrsnetz zu integrieren, sodass sie kostengünstiger genutzt werden kann.

Dass eine Entlastung von Straßen und Plätzen mit positiven Auswirkungen auf Menschen und Umwelt verbunden ist, konnte im letzten Jahr – unter anderem wegen der ausbleibenden Tourismusströme – auch in München gut beobachtet werden. Die Straßen waren aufgrund der Pandemie deutlich leerer, die Luft in den Städten entsprechend besser und der Verkehrslärm geringer. Das wurde – trotz aller Einschränkungen und wirtschaftlichen Probleme durch die Pandemie – von allen Seiten sehr positiv wahrgenommen. Unser Ziel ist es Handlungsempfehlungen zu entwickeln, um die Städte bei einer umweltfreundlichen Entwicklung des Tourismus zu unterstützen. Denn auch in Zukunft sollen die Städte attraktive Reiseziele für Besuchende und zudem lebenswert für die Bevölkerung bleiben.


Weitere Informationen zum Institut finden Sie hier:  https://www.unibw.de/ivr/raumplanung


Titelbild: Seilbahn Koblenz (© Vivien Ann Kunze / UniBw M)