Physische Sicht

Die Konkretisierung der physischen Dimension des Defence Supply Chain Managements wurde im Rahmen des Projektes Supply Chain Safety Management vorgenommen. Dieses hatte zum Ziel, für den Versorgungsweg „Folgeversorgung“, bezogen auf den konkreten ISAF-Einsatz, eine sicherheitsrelevante Supply Chain zu definieren und zu analysieren, relevante Sicherheitsaspekte dieser Supply Chain zu identifizieren und zu klassifizieren, darauf aufbauend eine Referenz-Supply Chain zu konfigurieren, einen Maßnahmenkatalog bzw. Managementansatz zu entwickeln und einen „Umsetzungsfahrplan“ für eine Zertifizierung abzuleiten. Das Projekt wurde von 2009 bis 2011 als Teilprojekt der Projektskizze Logistik der Bundeswehr unter der Leitung des Bundesministeriums der Verteidigung Fü S IV durchgeführt und gliederte sich in sechs Module:

Modul 1

  • Ziel: Erarbeitung der Bedeutung von Sicherheit und Identifizierung sowie Operationalisierung von Sicherheitszielen in Defence Supply Chains
  • Ergebnis: Ausgehend vom Oberziel Herstellung von Einsatzbereitschaft wurden die Defence Supply Chain-Ziele anhand einer Streitkräfte-spezifischen Balanced Scorecard mit den Perspektiven Lern- und Entwicklungsperspektive, Supply Chain-interne Geschäftsprozessperspektive, Perspektive Soldat im Einsatzgebiet und Perspektive Wirtschaftlichkeit und Gesetzmäßigkeit identifiziert und operationalisiert.

Modul 2

  • Ziel: Bestimmung und graphische Aufbereitung der Referenz-Supply Chain sowie Beschreibung dieser anhand eines geeigneten Referenzmodells
  • Ergebnis: Die ausgewählte, sicherheitsrelevante Referenz-Supply Chain basierte auf einem luftfahrtspezifischen Artikel, welcher Bestandteil des RECCE Tornado ist. Die Auswahl der Referenz-Supply Chain unterlag folgenden Kriterien:  Es handelte sich um einen im Einsatzgebiet bzw. von den dort stationierten Soldaten zur Herstellung ihrer Einsatzbereitschaft benötigten Artikel, welcher (materiell wie immateriell) eine Vielzahl und Vielfalt an Akteuren (Knoten) unterschiedlicher sektoraler Zugehörigkeit und somit eine hohe Anzahl an sicherheitskritischen Schnittstellen durchläuft. Die Analyse der Referenz-Supply Chain erfolgte auf Basis des Conceptual Framework von Cooper/Lambert/Pagh (1997) anhand der Elemente Struktur, Geschäftsprozesse und Managementkomponenten.

Modul 3

  • Ziel: Entwicklung eines Fragenkatalogs sowie eines Fragebogens als Grundlage für die Befragung in Modul 4
  • Ergebnis: Es wurde ein Instrumentekatalog angefertigt, dessen zentrales Gerüst die Failure Mode and Effects Analysis (FMEA) bildete. Es wurden 52 Aussagen (d.h. gegenwärtige und potentielle Störfaktoren) in den Bereichen Beschaffung, Nachfrage, Prozesse, Steuerung, Zusammenarbeit und Umwelt formuliert. Die Identifizierung von Störfaktoren erfolgte anhand einer einfachen Nominalskala (Ja/nein/keine Kenntnis); die Analyse von Störfaktoren erfolgte anhand der drei für die Bildung einer Risikoprioritätszahl relevanten Determinanten Auftretens-, Entdeckungswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß, welche jeweils auf einer 5-stufigen Likert-Skala bewertet wurden. Der Instrumentekatalog bildete dann die Grundlage für die Anfertigung eines, im Zuge der Befragung eingesetzten Interviewleitfadens. Die nachfolgende Abbildung zeigt die Konzeptionalisierung des Konstrukts "Versorgungssicherheit":

Modul 4

  • Ziel: Befragung der in der Referenz-Supply Chain partizipierenden Institutionen bzw. Akteure sowie Auswertung der Ergebnisse
  • Ergebnis: Die Durchführung der Befragung erfolgte im Zeitraum April bis September 2010. Es wurden 17 Institutionen bzw. 29 Probanden der Referenz-Supply Chain durch jeweils 1 bis zwei Beteiligte des Forschungsprojektes in einer Gesamtdauer von 66 Stunden 40 Minuten befragt. Der unzureichenden Aussagekraft der quantitative Analyse der Befragungsergebnisse wegen wurde diese um eine qualitative Analyse ergänzt. Die identifizierten, zentralen Störfaktoren in der Referenz-Supply Chain wurden zu Risikokategorien gebildet. Eine wesentliche Erkenntnis war, dass die wesentlichen Störfaktoren Bundeswehr-intern geprägt sind.

Modul 5

  • Ziel: Entwicklung von Gegenmaßnahmen auf Basis der identifizierten Risikosubkategorien
  • Ergebnis: Die Risikokategorien wurden gemäß ihrer Relevanz sowie ihrer Beeinflussbarkeit in der Referenz-Supply Chain in eine Rangfolge gebracht. Anschließend wurden mögliche Gegenmaßnahmen identifiziert und entsprechend systematisiert.

Modul 6

  • Ziel: Identifizierung von geeigneten Kennzahlen zugunsten der Kontrolle der Wirkung der in Modul 5 entwickelten Gegenmaßnahmen
  • Ergebnis: Für jede der Gegenmaßnahmen wurden Kennzahlen definiert, welche der Messung der Veränderung der jeweiligen Risikokategorie dienen.

Der wesentliche Nutzen des Projektes ist darin zu sehen, dass exemplarisch anhand einer äußerst sicherheitskritischen Supply Chain der Bundeswehr ein detailliertes Vorgehen erarbeitet wurde, welches die Identifizierung, Analyse und das Management der darin vorherrschenden Störfaktoren erlaubt. Dieses Vorgehen bildet eine wichtige Basis für die Analyse aller Supply Chains der Bundeswehr. Hierzu wurde das Excel-Tool Supply Chain Safety Management angefertigt, welches die Akteure der Bundeswehr zur selbständigen Identifizierung, Analyse und Bewertung der in ihrer jeweiligen Logistikkette gegenwärtig und/oder potentiell vorherrschenden Störfaktoren befähigt.