Benutzerspezifische Werkzeuge
Admin-Login

2013

Samil ist zurück und hat ein Buch mitgebracht. Er setzt sich zu uns, wirft einen Blick in seine Notizen und blättert behutsam in dem Buch, arabische Worte murmelnd.
   »Ich habe mit drei Gelehrten gesprochen«, sagt er schließlich. »Zwei von ihnen erklärten, dass die Gerechten nach dem Tode ins Paradies kommen. Der dritte empfahl mir jedoch, einige Suren des Korans nachzulesen.«
   Samil wirkt ganz aufgeregt.
   »Hier ist die erste: 2:28 >Allah wird dich sterben lassen und dann wieder zum Leben erwecken, und du wirst wieder zu ihm zurückkehren.< Meine Übersetzung ist nicht die beste, aber das heißt es sinngemäß.«
   Hektisch blättert er weiter und übersetzt die zweite Sure, 2:154: »Und sag nicht über jene, die im Namen Allahs ihr Leben verloren: >Sie sind tot.< Denn sie leben, auch wenn du sie nicht sehen kannst.«
   »Genau! «
   »Es gibt noch weitere Suren. Aber mir ist, ehrlich gesagt, nicht ganz wohl dabei, jetzt darüber zu reden. Ich möchte lieber über Tunis sprechen.«
   »Du hast mir gesagt, was ich wissen wollte. Die Menschen verlassen uns nie ganz, und wenn wir hier sind, sind wir immer auch in unseren vergangenen und zukünftigen Leben. Dieses Thema taucht auch in der Bibel auf. Ich erinnere mich an eine Stelle, an der Jesus von Johannes dem Täufer als von der Präfiguration des Propheten Elias spricht: >Und wenn ihr es annehmen wollt, ist Johannes der Elias, der kommen wird.< Ich erinnere mich an einige solcher Stellen.«
   Samil beginnt, einige Legenden über die Entstehung der Stadt zu erzählen. Und ich verstehe, dass es Zeit ist, unseren Stadtrundgang fortzusetzen.

 

***

Über einem der Tore in der alten Stadtmauer hängt eine Laterne, und Samil erklärt uns, was es damit auf sich hat:
   »Auf diese Laterne geht eines der berühmtesten arabischen Sprichworte zurück: >Das Licht fällt nur auf der Fremden.«<
   Samil fühlt sich durch das Sprichwort angesprochen, denn er kämpft darum, als Schriftsteller in seinem eigenen Land anerkannt zu werden, während mich, einen Fremden aus Brasilien, hier schon alle kennen.
   Ich sage, dass wir ein ähnliches Sprichwort haben: >Ein Prophet gilt nichts in seinem eigenen Land.< Wir neigen dazu, nur das wertzuschätzen, was aus der Ferne kommt, ohne einen Blick zu haben für die Schönheit, die uns umgibt. »Aber«, fahre ich fort, »hin und wieder müssen wir uns betrachten, als wären wir Fremde, dann wird das in unserer Seele verborgene Licht erhellen, was wir sonst nicht sehen.«
   Ich hatte den Eindruck, dass meine Frau das Gespräch nicht verfolgt. Doch dann wendet sie sich plötzlich an mich:
   »Diese Laterne hat mich auf etwas gebracht, ich kann es noch nicht genau erklären, aber es hat etwas mit deiner jetzigen Situation zu tun. Ich sage es dir, wenn ich es weiß.«
   Wir schlafen ein wenig, essen mit Freunden zu Abend und bummeln dann wieder durch die Stadt. Erst da gelingt es meiner Frau, ihr Gefühl vom Nachmittag in Worte zu fassen.       
   »Du bist auf Reisen, aber eigentlich hast du dein Haus nicht verlassen. Und solange wir zusammen sind, wird das auch so bleiben, denn du hast jemanden an deiner Seite, der dich kennt, und dies gibt dir das trügerische Gefühl von Vertrautheit. Es ist Zeit, dass du allein weiterreist. Möglicherweise wirst du anfangs einsam sein, aber das wird sich ändern, je mehr du Kontakt mit anderen Menschen hast.«
   Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu:
   »Ich habe irgendwo einmal gelesen, dass es in einem Wald von hunderttausend Bäumen kein Blatt gibt, das dem anderen gleicht. So werden sich auch keine zwei Reisen gleichen, selbst wenn sie denselben Weg entlangführen. Wenn wir zusammenbleiben und versuchen, die Dinge aus unserer gemeinsamen Perspektive zu betrachten, wird keiner von uns beiden davon profitieren. Du hast für diese Reise meinen Segen: Wir sehen uns beim ersten Spiel der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland.«

 

***


Ich nehme ihre Hand, und wir gehen gemeinsam hinein. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ein orthodoxes Gotteshaus betrete. Ich weiß nie recht, wie ich mich dort verhalten soll, also zünde ich meistens eine der schlanken Wachskerzen an und bete zu den Engeln und den Heiligen, damit sie mich beschützen. Doch ich bin jedes Mal aufs Neue hingerissen von der Schönheit dieser Kirchen: Decken, die wie der Himmel gewölbt sind, das Hauptschiff ohne Bänke, Ikonen auf Goldgrund, die von Künstlern unter Beten und Fasten gemalt wurden. Einige der Frauen, die gerade hereingekommen sind, verneigen sich vor ihnen und küssen dann das schützende Glas.
   Wie immer, wenn wir ganz auf das konzentriert sind, was wir wirklich wollen, beginnen die Dinge perfekt ineinanderzugreifen. Trotz allem, was ich in der Nacht zuvor erlebt habe, und obwohl ich immer noch nicht weiter als bis zu dem Brief des Superiors gekommen bin, ist mein Herz ruhig, denn ich weiß, dass mir bis Wladiwostok noch genügend Zeit bleibt.
   Hilal scheint von der Schönheit des Ortes ebenfalls bezaubert zu sein und vergessen zu haben, dass wir uns in einer Kirche befinden. Ich gehe zu einer Frau, die in einer Ecke hockt und Kerzen verkauft. Ich nehme vier, zünde drei davon vor dem Bildnis an, das den heiligen Georg darzustellen scheint, und spreche eine Fürbitte für mich, meine Familie, meine Leser und meine Arbeit.
   Danach zünde ich die vierte Kerze an und bringe sie Hilal.
   »Tue genau das, worum ich dich jetzt bitte. Halte diese Kerze. «
Unwillkürlich sieht sie sich um, ob uns jemand beobachtet. Glaubt sie etwa, ich könnte etwas dem Ort Unangemessenes von ihr verlangen? Im nächsten Moment ist sie schon wieder ganz sie selbst, schließlich mag sie keine Kirchen, was kümmert sie da die Meinung anderer?
   Die Flamme der Kerze spiegelt sich in ihren Augen. Ich senke den Kopf. Ich spüre nicht das geringste Schuldgefühl, nur Geborgenheit und einen fernen Schmerz, dessen Ursprung sich in einer anderen Dimension befindet und den ich willkommen heißen muss.
   »Ich habe dich verraten. Und ich bitte dich, mir zu vergeben.«
   »Tatiana!«
   Ich lege ihr meine Hand auf den Mund. So stark und mutig und begabt sie auch sein mag: sie ist erst einundzwanzig. Ich hätte den Satz anders formulieren sollen.
   »Nein. Es geht nicht um Tatiana. Aber bitte vergib mir.«
   »Ich kann dir doch nicht vergeben, wenn ich gar nicht weiß, was du getan hast.«

   »Erinnere dich an das Aleph. Erinnere dich an das, was du in jenem Augenblick gefühlt hast. Versuche an diesen heiligen Ort etwas dir Unbekanntes zu bringen, was aber in deinem Herzen ist. Erinnere dich notfalls an ein Geigenkonzert, das du gern spielst, und lasse dich von diesem Gefühl leiten. Nur das ist jetzt wichtig. Worte, Erklärungen, Fragen werden nicht helfen und machen alles nur noch kompli-
zierter. Es ist so schon komplex genug. Vergib mir, aber vergib mir aus tiefster Seele; aus der Seele, die von einem Körper in den anderen übergeht und auf ihrer Reise durch den unendlichen Raum und in der unvergänglichen Zeit immer
weiter dazulernt.«
   Die Seele ist unverletzlich, so wie Gott unverletzlich ist. Selbst wenn wir alles haben, um glücklich zu sein, bleiben wir immer an die Vergangenheit gefesselt, und das macht unser Leben bedauernswert. Wir sollten den gegenwärtigen Augenblick auskosten, ihn genießen, als wären wir eben erst auf dem Planeten Erde aufgewacht und würden uns in einem goldenen Tempel wiederfinden. Aber das fällt uns schwer.
   »Ich wüsste nicht, weswegen ich dem Mann, den ich liebe, vergeben sollte. Höchstens, weil er mir nie gesagt hat, dass er mich liebt.«
   Weihrauchduft beginnt sich auszubreiten. Die Priester kommen zum Morgengebet herein.
   »Vergiss, wer du in diesem Augenblick bist, und begib dich dahin, wo jene wartet, die du immer warst. Dort wirst du die richtigen Worte finden und mir mit diesen Worten vergeben.«
   Hilal sucht nach einer Eingebung an den vergoldeten Wänden, den Säulen, in den Gesichtern der Menschen, die zur Frühmesse hereinkommen, in den Flammen der brennenden Kerzen. Sie schließt die Augen. Vielleicht hört sie im Geiste tatsächlich ein Musikstück.
   »Du wirst es nicht glauben. Mir ist so, als würde ich ein Mädchen sehen ... ein Mädchen, das nicht mehr hier ist, aber gern zurückkehren würde ...«

 

***


   Heute dreht sich das Gespräch um die Schamanen vom Baikalsee, unserem nächsten Halt. Yao erklärt, er würde sehr gern einen von ihnen kennenlernen.
   »Wir werden sehen«, brumme ich.
   Im Klartext: >Kein Interesse.<
   So wie ich ihn kenne, wird er sich jedoch nicht so leicht davon abbringen lassen. Im Kampfsport ist eines der bekanntesten Prinzipien, keinen Widerstand zu leisten. Gute Kämpfer verwenden die Kraft ihres Gegners gegen ihn. Je mehr Worte ich mache, desto weniger bin ich von dem überzeugt, was ich sage, und desto einfacher bin ich zu bezwingen.
   »Ich muss gerade an unser Gespräch kurz vor der Ankunft in Nowosibirsk denken«, sagt meine Lektorin. »Sie erklärten, dass das Aleph ein Punkt außerhalb eines Menschen sei, dass aber Menschen, die sich wirklich lieben, diesen Punkt überall finden können. Die Schamanen glauben dass sie mit besonderen Kräften ausgestattet und deshalb nur sie in der Lage sind, an diesen Ort zu gelangen.«
   »Vom Standpunkt der Magie aus lautet die Antwort ja dieser Punkt liegt außerhalb des Menschen. Gemeinhin sehen wir uns als voneinander verschiedene Wesen, das Universum jedoch ist ein und dieselbe Seele. Liebende können in ganz besonderen Augenblicken dieses Einssein empfinden. Sicher ist aber, dass es eines sehr intensiven Erlebnisses bedarf, um das Aleph hervorzurufen: eines intensiver Orgasmus, eines großen Verlustes, eines Konflikts auf dem Höhepunkt, Begeisterung angesichts außergewöhnliche' Schönheit.«
   »An Konflikten herrscht kein Mangel«, sagt Hilal. »Auch hier in diesem Waggon nicht.«
   Der Frieden war also wieder einmal trügerisch. Hilal brachte mit ihren Bemerkungen Unruhe in eine Situation. die sich gerade begonnen hatte zu entspannen. Sie hat Terrain erobert, indem sie nun das Abteil direkt neben meinem belegt, und will ihre neue Position auch zeigen. Meine Lektorin weiß, dass die Worte ihr gegolten haben.
   »Konflikte sind etwas für Unbelehrbare«, sagt sie ganz beiläufig, aber ihre Äußerung verfehlt ihr Ziel nicht. »Die Welt ist aufgeteilt in diejenigen, die mich verstehen, und diejenigen, die mich nicht verstehen. Letztere müssen sich gewaltig anstrengen, um meine Sympathie zu erlangen.«
   »Merkwürdig. Das geht mir ganz ähnlich«, schießt Hilal zurück. »Ich weiß immer ganz genau, was ich will, und bisher habe ich es auch jedes Mal erreicht. Zum Beispiel, dass ich jetzt in diesem Waggon schlafe.«
   Yao erhebt sich, er ist offensichtlich nicht in der Stimmung für diese Art von Unterhaltung.
   Mein Verleger schaut mich an. Was erwartet er von mir? Dass ich Partei ergreife?
   »Darum geht es doch nicht«, wendet sich meine Lektorin nun direkt an Hilal. »Bis zur Geburt meines Sohnes meinte ich immer, ich könne mit jeder Situation umgehen. Danach schien die Welt über mir zusammenzubrechen, ich fühlte mich schwach, unbedeutend, unfähig, ihn zu beschützen. Nur Kinder denken, dass sie alles erreichen können. Weil sie keine Angst, sondern Vertrauen haben, Zuversicht in ihre eigenen Kräfte, und so genau das bekommen, was sie wollen. Erst wenn sie älter werden und ihre kindliche Naivität verlieren, begreifen sie, dass ihrer Macht Grenzen gesetzt sind und dass sie auf andere Menschen angewiesen sind, um zu überleben. Dann beginnt das Kind zu lieben und zu hoffen, dass seine Liebe erwidert wird, und mit zunehmendem Alter ist es dafür zu immer mehr Konzessio-
nen bereit. Am Ende geht es uns allen gleich: Wir sind erwachsene Menschen, die alles dafür tun, angenommen und gemocht zu werden.«
   Yao betritt das Abteil und balanciert auf einem Tablett eine Teekanne und sechs Becher.
   »Deshalb habe ich nach dem Aleph und der Liebe gefragt«, fährt die Lektorin fort. »Ich meinte damit keinen Mann. Es gab Augenblicke, in denen ich meinen schlafenden Sohn betrachtete und sich mir die ganze Welt eröffnete: Ich konnte den Ort sehen, von dem er gekommen war, die Orte, an die er gehen würde, die Prüfungen, die er bestehen musste, bevor er erreichen würde, was ich mir für ihn erträumte. Er wuchs heran, meine Liebe zu ihm blieb unverändert, aber das Aleph verschwand.«
   Ja, sie hat das Aleph verstanden. Auf ihre Worte folgt respektvolles Schweigen. Hilal ist vollkommen entwaffnet.
   »Ich bin verloren«, gesteht Hilal. »All die Gründe, die mich ursprünglich hierhergeführt haben, scheinen nicht mehr vorhanden. Ich kann am nächsten Bahnhof aussteigen, nach Jekaterinburg zurückkehren, mich für den Rest meines Lebens meiner Geige widmen und weiterhin nichts verstehen. Und mich am Tag meines Todes fragen: Was habe ich hier eigentlich gemacht?«

 

Paulo Coelho: Aleph
Diogenes, 2012

-ISBN 978 3 257 06810 8

erkannt von: Birgit Kock