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2007

"KROGSTAD Verzeihung, Frau Helmer -

NORA (mit einem gedämpften Schrei, dreht sich um und springt halb auf) Ah! Was wollen Sie?

KROGSTAD Entschuldigen Sie. Die Wohnungstür war angelehnt, jemand hat wohl vergessen, sie zuzuziehen -

NORA (steht auf) Mein Mann ist nicht da, Herr Krogstad.

KROGSTAD Ich weiß.

NORA Ja - was wollen Sie dann hier?

KROGSTAD Kurz mit Ihnen reden.

NORA Mit mir? (Zu den Kindern, leise) Geht zu Anne-Marie rein. Wie? Nein, der fremde Mann will Mama nichts tun. Wenn er weg ist, spielen wir weiter.
     (Führt die Kinder in das Zimmer links und schließt die Tür hinter ihnen. Unruhig, gespannt)  Sie wollen mit mir reden?

KROGSTAD Ja.

NORA Heute -? Es ist doch noch gar nicht der Erste.

KROGSTAD Nein, heute ist Heiligabend. Und ob es ein frohes Fest wird, das hängt von Ihnen ab.

NORA Was wollen Sie? Ich kann heute wirklich nicht -

KROGSTAD Darum geht es vorläufig nicht, sondern um etwas anderes. Sie haben doch sicher kurz Zeit?

NORA Ja, natürlich, schon, obwohl -

KROGSTADGut. Ich habe eben drüben in Olsens Restaurant gesessen, und da kam Ihr Mann vorbei -

NORA Ja, und?

KROGSTAD Mit einer Frau.

NORA Und weiter?

KROGSTAD Darf ich fragen: War das nicht eine gewisse Frau Linde?

NORA Doch.

KROGSTAD Gerade angekommen?

NORA Ja, heute.

KROGSTAD Eine gute Freundin von Ihnen?

NORA Ja. Aber ich sehe nicht, was das -

KROGSTAD Ich habe sie auch einmal gekannt.

NORA Ich weiß.

KROGSTAD So, Sie wissen von der Sache? Das habe ich mir gedacht. Dann frage ich Sie: Wird Frau Linde eine Stelle in der Aktienbank bekommen?

NORA Was erlauben Sie sich, mich auszufragen, Herr Krogstad, Sie, als Untergebener meines Mannes! Aber bitte, da Sie fragen: Ja, Frau Linde wird in der Aktienbank angestellt.
     Und ich habe dafür gesorgt, Herr Krogstad. Jetzt wissen Sie es.

KROGSTAD Also habe ich richtig vermutet.

NORA (geht im Zimmer auf und ab) Ein Minimum an Einfluss hat man dann doch, denke ich. Eine Frau zu sein bedeutet noch lange nicht,  dass -. Wenn man sich in einer
     untergeordneten Position befindet, Herr Krogstad, dann sollte man sich davor hüten, jemandem zu nahe zu treten, der - hm- 

KROGSTAD -der über Einfluss verfügt?

NORA Genau.

KROGSTAD (mit verändertem Tonfall) Frau Helmer, wären Sie so gut, Ihren Einfluss zu meinen Gunsten geltend zu machen?

NORA Wie bitte? Was meinen Sie?

KROGSTAD Würden Sie dafür sorgen, dass ich meine untergeordnete Stelle bei der Bank behalte?

NORA Was soll das heißen? Wer will Ihnen Ihre Stelle nehmen?

KROGSTAD Tun Sie nicht so ahnungslos. Ich begreife, dass es Ihrer Freundin unangenehm ist, mir zu begegnen; und jetzt begreife ich auch, wem ich es verdanke, dass man mich wegjagen will.

NORA Aber ich versichere Ihnen

KROGSTAD Ja, ja, kurz und gut: Noch ist Zeit, und ich rate Ihnen, machen Sie Ihren Einfluss geltend, um es zu verhindern.

NORA Aber, Herr Krogstad, ich habe gar keinen Einfluss.

KROGSTAD Ach nein? Eben sagten Sie noch

NORA So war das natürlich nicht gemeint. Ich? Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich solch einen Einfluss auf meinen Mann haben könnte?

KROGSTAD Nun, ich kenne Ihren Mann vom Studium. Der Herr Bankdirektor ist sicher genauso nachgiebig wie andere Ehemänner.

NORA Wenn Sie meinen Mann schlecht machen wollen, müssen Sie gehen!

KROGSTAD Sie sind mutig.

NORA Ich habe nicht mehr lange Angst vor Ihnen. Nach Neujahr habe ich das Ganze bald hinter mir.

KROGSTAD (beherrschter) Bitte hören Sie zu. Wenn es sein muss, werde ich um meinen kleinen Posten bei der Bank kämpfen wie um mein Leben.

NORA Ja, scheint so.

KROGSTAD Es geht mir nicht nur um das Geld, darum am wenigsten. Da ist noch etwas anderes -. Also, raus damit! Sie wissen bestimmt genauso wie alle anderen, dass ich vor Jahren mal 
     eine Dummheit begangen habe.

NORA Ich habe so etwas gehört.

KROGSTAD Es gab damals keinen Prozess; aber mir sind seitdem sozusagen alle Türen verschlossen. So kam ich auch zu den Geschäften, von denen Sie wissen. Irgendwas musste ich ja tun,
     und ich darf wohl behaupten, dass ich keiner von den Schlimmsten war. Aber jetzt muss damit Schluss sein. Meine Söhne werden größer, um ihretwillen muss- ich mir so viel
     gesellschaftliches Ansehen verschaffen; wie es geht. Die Stelle bei der Bank ist für mich sozusagen die erste Stufe auf der Leiter. Und jetzt will Ihr Mann mich herunterstoßen, mit einem
     Fußtritt, zurück in den Dreck.

NORA Um Gottes willen, Herr Krogstad, es steht absolut nicht in meiner Macht, Ihnen zu helfen.

KROGSTAD Weil Sie nicht wollen; aber ich habe Mittel, Sie dazu zu zwingen.

NORA Sie wollen meinem Mann doch nicht erzählen, dass ich Ihnen Geld schulde?

KROGSTAD Hm - und wenn?

NORA Das- wäre widerlich von Ihnen! (Den Tränen nahe) Dies Geheimnis, mein Stolz und meine Freude, soll er auf so plumpe und hässliche Art erfahren - ausgerechnet von Ihnen?
     Das würde mich in furchtbare Schwierigkeiten bringen

KROGSTAD Nur in Schwierigkeiten?

NORA (heftig) Bitte, nur zu, das macht es für Sie nur schlimmer; wenn mein Mann sieht, was für ein Mensch Sie sind, sind Sie den Posten erst recht los.

KROGSTAD Ich habe gefragt, befürchten Sie nur häusliche Schwierigkeiten?

NORA Wenn mein Mann davon erfährt, wird er natürlich sofort den Rest bezahlen, und dann haben wir nichts mehr mit Ihnen zu schaffen.

KROGSTAD (tritt einen Schritt näher) Hören Sie, Frau Helmer - entweder Ihr Gedächtnis ist nicht besonders gut, oder Sie verstehen wirklich nichts von Geschäften. Ich glaube, ich muss ein
     bisschen nachhelfen.

NORA Wieso?

KROGSTAD Als Ihr Mann krank war, kamen Sie zu mir, um zwölfhundert Taler zu leihen.

NORA Ich wusste sonst niemanden.

KROGSTAD Ich versprach Ihnen, den Betrag zu beschaffen

NORA Was Sie auch taten.

KROGSTAD Unter gewissen Bedingungen. Offenbar waren Sie damals durch die Krankheit Ihres Mannes so beansprucht, dass Sie sich an gewisse Begleitumstände nicht erinnern. Nun, da
     kann ich weiterhelfen. Ich versprach Ihnen das Geld gegen einen Schuldschein, den ich aufsetzte.

NORA Ja, und ich habe ihn unterschrieben.

KROGSTAD Gut. Aber darunter fügte ich einige Zeilen hinzu, mit denen Ihr Vater bürgen sollte. Mit seiner Unterschrift

NORA Und er hat unterschrieben.

KROGSTAD Das Datum hatte ich offen gelassen, Ihr Vater sollte selber angeben, wann er das Papier unterschrieb. Erinnern Sie sich daran?

NORA Ich glaube schon -

KROGSTAD Ich händigte Ihnen den Schuldschein aus, damit Sie ihn Ihrem Vater schicken konnten. War das so?

NORA Ja.

KROGSTAD Was Sie auch gleich taten, denn schon nach fünf oder sechs Tagen brachten Sie mir das Papier, von Ihrem Vater unterschrieben, und ich zahlte Ihnen das Geld aus.

NORA Ja, ja, und habe ich nicht immer pünktlich abgezahlt?

KROGSTAD Meistens, ja. Aber - um darauf zurückzukommen - das war damals sicher eine schwere Zeit für Sie?

NORA Ja, das war es.

KROGSTAD Ihr Vater war schwer krank, oder?

NORA Todkrank.

KROGSTAD Und er starb bald darauf?

NORA Ja.

KROGSTAD Sagen Sie, Frau Helmer, erinnern Sie sich an den Todestag Ihres Vaters? An das Datum?

NORA Vater starb am 29. September."

 

Ibsen, Henrik:  Nora oder Ein Puppenhaus. Hedda Gabler. Baumeister Solness. John Gabriel Borkman
Rowohlt Verlag, 2006
ISBN 978-3-499-24234-2

 

erkannt von: Prof. Dr. Heinz Schelle