2024

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Mein lieber Marcus,

wenn Sie diese Zeilen lesen, sind Sie nach New Hampshire gekommen, um sich nach Ihrem alten Freund zu erkundigen.

Sie sind ein mutiger Mensch, daran habe ich nie gezweifelt.Ich schwöre Ihnen, dass ich unschuldig bin und die Verbrechen, die man mir zur Last legt, nicht begangen habe.

Dennoch werde ich wohl einige Zeit im Gefängnis zubringen müssen, und Sie haben Besseres zu tun, als sich um mich zu kümmern. Kümmern Sie sich lieber um Ihren Roman, den Sie Ende des Monats Ihrem Verleger abliefern müssen. Das ist für mich das Wichtigste. Verschwenden Sie Ihre Zeit nicht mit mir.

Alles Gute, Harry

PS: Sollten Sie trotzdem eine Weile in New Hampshire bleiben oder ab und zu herkommen wollen, wissen Sie ja, dass Sie in Goose Cove zu Hause sind. Sie können dort so lange wohnen, wie Sie möchten. Ich bitte Sie nur um einen Gefallen: Füttern Sie die Möwen. Streuen Sie Brot auf der Terrasse aus. Füttern Sie die Möwen, das ist wichtig.

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»Versprochen. Was hat die Hausdurchsuchung eigentlich ergeben, Benjamin?«

»Nichts. Die Polizei hat nichts gefunden. Deshalb darf man auch ins Haus.«

Roth fuhr davon, und ich betrat das riesige, verlassene Haus. Ich verriegelte die Tür hinter mir und ging geradewegs ins Arbeitszimmer, um nach der berühmten Schachtel zu suchen. Aber sie war nicht mehr da. Was hatte Harry damit gemacht? Ich wollte sie unbedingt haben und fing an, die Bücherregale im Arbeits- und Wohnzimmer zu durchsuchen - vergeblich. Also beschloss ich, mir sämtliche Zimmer im Haus vorzunehmen und nach der kleinsten Kleinigkeit Ausschau zu halten, die mir Aufschluss darüber geben könnte, was sich hier im Jahr 1975 abgespielt hatte. War Nola Kellergan in einem dieser Zimmer ermordet worden?

Bei meiner Suche stieß ich auf ein paar Fotoalben, die ich noch nie gesehen oder bislang nicht bemerkt hatte. Ich schlug eines aufs Geratewohl auf und erblickte darin alte Aufnahmen von Harry und mir auf dem College: in den Vorlesungssälen, im Boxraum, auf dem Campus, in jenem Diner, in dem wir uns oft getroffen hatten. Sogar Fotos von meiner Diplomübergabe gab es. Das nächste Album war voller Zeitungsausschnitte über mich und mein Buch. Manche Textpassagen waren rot umkringelt oder unterstrichen. In diesem Moment begriff ich, dass Harry meinen Werdegang mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und fast andächtig alles aufgehoben hatte, was damit in Zusammenhang stand. Sogar einen anderthalb Jahre alten Auszug aus einer Tageszeitung von Montclair, der über die zu meinen Ehren organisierte Feier an der Felton Highschool berichtete, entdeckte ich. Wo hatte er diesen Artikel nur her? Ich erinnerte mich noch gut an jenen Tag. Es war kurz vor Weihnachten 2006 gewesen:

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Er liebte Jenny. Schon seit der Highschool. Sie war die wunderbarste Frau, die er je gesehen hatte. Ihretwegen war er in Aurora geblieben.

Auf der Polizeiakademie war man wegen seiner besonderen Eignung auf ihn aufmerksam geworden und hatte ihm geraten, nach Höherem als der Ortspolizei zu streben. Von der State Police, ja sogar von der Federal Police war die Rede gewesen! Ein Typ aus Washington hatte zu ihm gesagt: »Mein Junge, vergeude deine Zeit nicht in diesem gottverlassenen Kaff. Das FBI sucht Leute. Und das FBI, das ist doch was, oder?« Das FBI! Man hatte ihm zum FBI geraten! Vielleicht hätte er sogar um Aufnahme beim hoch angesehenen Secret Service ersuchen können, der mit dem Schutz des Präsidenten und anderer hochrangiger Persönlichkeiten des Landes beauftragt war. Aber da war diese junge Frau, die in Aurora im Clark's bediente, dieses Mädchen, in das er schon immer verliebt gewesen war, sodass er stets gehofft hatte, dass es eines Tages den Blick auf ihn richten würde: Jenny Quinn. Also hatte er darum gebeten, bei der Polizei in Aurora eingesetzt zu werden. Ohne Jenny hatte sein Leben keinen Sinn. Vor der Tür des Restaurants holte er tief Luft und trat ein.

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Buchcover "Der Gesang der Flusskrebse"

 

aus

Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Piper, 2013

 

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