09:40 - 10:05 | Vortrag | Axel Treßel | Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich
Titel: "Informationsüberlegenheit unter Verschluss - Kryptographie, KI und der verlorene Zugriff"
Die fortschreitende Verbreitung starker Kryptographie hat in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich zur Sicherung digitaler Kommunikation beigetragen. Gleichzeitig führt insbesondere die flächendeckende Nutzung von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu einem strukturellen Spannungsfeld: Systeme, die Kommunikation effektiv vor unbefugtem Zugriff schützen, entziehen sich zunehmend auch legitimen, rechtsstaatlich kontrollierten Zugriffsmöglichkeiten. Dieses Phänomen wird im sicherheitspolitischen Diskurs häufig unter dem Begriff „Going Dark" verhandelt.
Der Beitrag argumentiert, dass Kryptographie nicht ausschließlich als Schutztechnologie verstanden werden kann. Sie bestimmt, wer auf Information zugreifen kann – und wer nicht. Damit schafft sie Asymmetrie im Informationszugang und berührt unmittelbar die operative Handlungsfähigkeit von Polizeien, Nachrichtendiensten und Streitkräften, deren Wirksamkeit wesentlich von Informationszugang und Lagebild abhängt. Es geht dabei nicht um Sicherheit gegen Freiheit – sondern um Sicherheit gegen Sicherheit: den Schutz der Kommunikation auf der einen Seite und die staatliche Aufklärungsfähigkeit auf der anderen.
Mit dem zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert sich diese Dynamik grundlegend. KI-basierte Verfahren beschleunigen sowohl die Identifikation als auch die Behebung von Schwachstellen – und erzeugen damit ein Paradoxon: Dieselbe Technologie, die Angriffe beschleunigt, macht den klassischen Angriffspfad auf kryptographische Verfahren zunehmend obsolet. Systeme werden schneller gehärtet, Schwachstellen rascher geschlossen, Post-Quantum-Verfahren unter formaler Verifikation eingeführt.¹ ² Stattdessen verlagern sich Angriffe systematisch auf angrenzende Ebenen: Endgeräte, Implementierungen, Metadaten sowie physikalische Effekte und Seitenkanäle. Vor diesem Hintergrund plädiert der Beitrag für eine strategische Neubewertung technologischer Souveränität. Offensive Analysefähigkeiten – Kryptoanalyse, Schwachstellenforschung, Reverse Engineering – sind nicht allein für den gezielten, rechtsstaatlich kontrollierten Zugriff auf Kommunikation relevant. Sie sind zugleich die einzige belastbare Grundlage, um zugekaufte Technologie unabhängig auf Schwachstellen, Hintertüren und bewusst platzierte Manipulationen zu prüfen. Zertifizierungen und politisches Vertrauen ersetzen diese Kompetenz nicht. Der Beitrag argumentiert aus der Praxis der ZITiS-Kryptoanalyse – technologische Souveränität nicht als abstraktes Ziel, sondern als operative Realität. Ohne entsprechende offensive und analytische Fähigkeiten droht langfristig ein Verlust an Aufklärungsfähigkeit und damit an sicherheitspolitischer Handlungssouveränität.
Der Vortrag zeigt, dass die zentrale Herausforderung nicht allein in der Entwicklung sicherer Systeme liegt, sondern in der Balance zwischen Schutz und Zugriff – einer Balance, die unter den Bedingungen moderner Kryptographie und KI neu austariert werden muss.
zur Person:
Axel Treßel ist Diplom‑Ingenieur der Nachrichtentechnik und Master of Computer Science. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der IT‑ und Informationssicherheit, mit einem durchgängigen Schwerpunkt auf Kryptographie und der Analyse sicherheitskritischer Systeme. Nach leitenden Funktionen in der Industrie und im öffentlichen Dienst leitet er seit 2018 bei der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITiS) das Geschäftsfeld Kryptoanalyse – und entwickelt dort die Fähigkeit, verschlüsselte Kommunikation operativ zu durchdringen. Als Praktiker, der täglich an der Grenze zwischen mathematischer Sicherheit und operativem Zugriff arbeitet, sieht er diesen Konflikt nicht als theoretische Debatte – sondern als tägliche Realität.