Notfallpsychologie und Psychologische Krisenintervention an der UniBw M

Notfallpsychologie und Psychologische Krisenintervention

 

Zwei Bilder zeigen eine Übersicht über Inhalte und Möglichkeiten der Notfallpsychologie – die Inhalte finden Sie im unten stehenden Text

Was ist Notfallpsychologie?

Notfallpsychologie umfasst alle psychologischen Maßnahmen, die präventiv zu einer Stabilisierung von Betroffenen in individuellen Krisensituationen beitragen können. Notfälle – ein Unglück, Unfall, Überfall, eine Verletzung, ein Verlust, eine Diagnose – durchbrechen auf extreme Weise den gewohnten Ablauf der Ereignisse und führen zu einem psychischen Ausnahmezustand, der das gesamte Erleben und Verhalten betrifft. Dabei kann die Dimension des Notfalls höchst unterschiedlich sein: Sie reicht von Ereignissen mit einzelnen Betroffenen (ein Autounfall, ein medizinischer Notfall, ein plötzlicher Todesfall) bis zu Notfällen mit mehreren Beteiligten (ein Brand oder ein Überfall) bis hin zu Großschadensereignissen und Katastrophen (Terroranschläge oder Naturkatastrophen).

Notfälle sind potenziell traumatisierend, aber Achtung: nicht jeder Notfall muss zwangsläufig eine psychische Störung auslösen. In der Psychologie sprechen wir von einem Trauma, wenn das Erleben einer bedrohlichen Situation mit ausgeprägten Gefühlen von Angst und Hilflosigkeit einhergeht, wobei der Betroffene subjektiv keine Bewältigungsmöglichkeit wahrnimmt: er fühlt sich ausgeliefert. Als Folge der Diskrepanz aus Bedrohung und dem Gefühl, diese nicht bewältigen zu können, kann eine dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses eintreten. Über die Hälfte der Menschen werden im Laufe ihres Lebens mindestens einmal mit einem potenziell traumatisierenden Ereignis konfrontiert. Die Wahrscheinlichkeit, ob man nach einem Trauma an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erkrankt, ist unter anderem abhängig von der Art des Traumas. Das Risiko, bei durch Menschen verursachte Traumata (Vergewaltigungen, Gewaltverbrechen, Kriegstraumata, etc.) an einer PTBS zu erkranken, liegt bei ca. 30%. Bei Naturkatastrophen, Bränden oder Verkehrsunfällen liegt das Risiko deutlich geringer. Über alle Trauma-Arten (menschengemacht oder nicht-menschengemacht) gemittelt erkranken etwa 10% aller von einem Trauma Betroffenen an PTBS. Die Posttraumatische Belastungsstörung ist nur eine von vielen psychischen Traumafolgeerkrankungen. Hier sind vor allem Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen zu nennen.

Damit es nach einem potenziell traumatisierenden Ereignis nicht zu einer krankheitswertigen Störung kommt, bieten wir wissenschaftlich bewährte, präventiv wirkende Maßnahmen der psychologischen Krisenintervention an.

Welche Maßnahmen der psychologischen Krisenintervention gibt es?

Nach einem potenziell traumatisierenden Ereignis werden in Abhängigkeit von der Zeitspanne verschiedene, fest definierte Interventionsmaßnahmen durchgeführt. Wir unterscheiden Frühinterventionen, die in einem Zeitraum von 1 Tag bis 4 Wochen nach dem Ereignis stattfinden und Folgeinterventionen, die innerhalb von 4 Wochen bis 36 Monaten nach dem Ereignis durchgeführt werden.

Frühinterventionen

Alle Maßnahmen der Frühintervention folgen dem Vierer-Schritt Kontaktieren – Stabilisieren – Normalisieren – Perspektive geben.

Beim Kontaktieren geht es darum, das durchführende psychologische Fachpersonal mit den Betroffenen bekannt zu machen. Unter der Stabilisierung versteht man die Darstellung der Faktenlage und des Ereignisses mit seinem außergewöhnlichen Charakter. Das Normalisieren beschreibt den Stress als Reaktion auf einen Ausnahmezustand und ordnet ihn als normale Reaktion auf ein nicht-normales Ereignis ein. Unter Perspektive geben laufen Hinweise auf weitere Maßnahmen und Hilfsangebote sowie die Vermittlung der Erreichbarkeit des psychologischen Personals.

In chronologischer Reihenfolge werden Großgruppen-Informationsveranstaltungen, psychologische Informationsveranstaltungen sowie Interventionen in Form von Einzel- und Gruppeninterventionen für die Betroffenen angeboten.

Folgeinterventionen

Folgeinterventionen finden zu drei, ggfs. vier festen Zeitpunkten statt, nämlich nach 4 Wochen, 6 Monaten, 12 Monaten und ggfs. 36 Monaten. Ziel dieser Phase ist es, Betroffene zu identifizieren, bei denen sich Stresssymptome auch über 4 Wochen nach dem Ereignis manifestiert haben und so einen Hinweis geben können, dass sich eine psychische Störung manifestiert hat. Dazu werden den Betroffenen Screenings zur Erfassung psychischer Belastungssymptome angeboten, damit schnellstmöglich weitere fachliche Hilfe eingeleitet werden kann.


Der gesamte Prozess der Krisenintervention wird durch enge Führungsberatung begleitet. Den militärischen oder zivilen Vorgesetzten kommt nach potenziell traumatisierenden Ereignissen eine besondere Rolle zu – sie sollten Sicherheit vermitteln, Unsicherheiten und Gerüchte eindämmen sowie Verständnis und Unterstützung zeigen.