Film-Vorführung und Diskussion über „Restrepo“

11 Dezember 2018

„Ich habe heute viel Neues von den Soldaten erfahren.“ resümiert Karin Jurschick, Professorin für Dokumentarfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film am Ende des Abends. Prof. Dr. Sonja Kretzschmar hat Jurschick an die UniBW eingeladen, um gemeinsam mit dem Studierenden, Leutnant Stephan Raszkowski, und interessierten Gästen, Studierenden und Mitarbeitern, den Film „Restrepo“ der Reihe „X-media campus Kino“ zu diskutieren.

Andenken an den Soldat Restrepo

Der Film Restrepo, Gewinner des Sundance Film Festivals, ein Festival, das Robert Redford in’s Leben gerufen hat, und nominiert für einen Oscar, begleitet ein Platoon von 15 Soldaten der US- Armee bei ihrem Einsatz im afghanischen Korengal- Tal, einer Hochburg der Taliban. Juan Restrepo ist Sanitäter. Er fällt in den ersten Wochen. Ihm zu Ehren benennt sein Platoon einen hart erkämpften Außenposten nach ihm. Die beiden Filmemacher Sebastian Junger und Tim Hetherington, deren Arbeit mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde, arbeiteten in diesem Projekt erstmalig zusammen. Sie lebten als Embedded Journalists über ein Jahr mit den Soldaten im Außenposten und zeigen deren Alltag, der von heftigen Feuergefechten geprägt ist. Sie wollten die Perspektive der Soldaten in diesem Krieg zeigen und haben dafür ihr Leben riskiert.

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan

Der Film zeigt, wie die Soldaten den Außenposten Restrepo buchstäblich aus dem Boden stampfen. Mühevoll füllen sie einen Sandsack nach dem anderen. Immer wieder werden sie dabei beschossen und feuern zurück. Dann geht das Graben weiter. Der Posten könnte jederzeit attackiert werden. „Der nächste Außenposten ist nur 800 Meter entfernt, “ so sagt einer der Soldaten „doch er könnte genauso gut in einem anderen Land sein“. Jeder Schritt dazwischen ist lebensgefährlich. „Sie erreichen uns nicht. Jedenfalls nicht rechtzeitig.“

Karin Jurschick, die selbst schon in Krisengebieten gedreht hat, war nach der Vorführung auf den Eindruck der anwesenden Soldaten gespannt: Stellen sie sich einen Einsatz so vor, wie haben die Soldaten den Film erlebt, die selbst in Afghanistan waren? Stephan Raszkowski war neben früheren Einsätzen zuletzt 2012 als Führer des Materialpools für Feyzabad und Hazrat-é-Sultan zuständig. Insgesamt hatte er neben der personellen Verantwortung die Verantwortung für 36 Fahrzeuge und 474 Material- Container. „Das Militär in den USA tickt nochmal anders als die Bundeswehr. Und unser Auftrag ist auch anders gewichtet.“ erklärt er. Doch auch er kam hautnah mit dem Krieg in Berührung, als er einen toten verbündeten Soldaten bergen sollte.

Galgenhumor und Abstumpfung

Im Film gibt es sowohl Momente des Wartens als auch der Ausgelassenheit: ein Schütze witzelt am Funkgerät mit seinem Kameraden über die Ranch zuhause, während er sein schweres Maschinengewehr zurechtrückt. Die Soldaten tanzen zu Samantha Fox´s „Touch me“ oder spielen Gitarre. Doch dann später ist –für den Zuschauer befremdlich- die Freude über einen getöteten Angreifer riesengroß: „Den hat´s zerfetzt. Er rannte und dann zerfiel er in seine Einzelteile.“

Der Galgenhumor, die Abstumpfung, erklärt  ein Soldat aus dem Publikum, seien typisch für die Lage im Einsatz. Er war in Kunduz stationiert und erinnert sich an ständigen Lagerbeschuss. Irgendwann sei er gar nicht mehr in die Schutzräume gegangen sondern in seinem Zelt geblieben. Der Groll gegen die Angreifer sei mit jedem Mal gewachsen. „Aber die Abstumpfung wirkt nicht, wenn ein Kamerad verletzt wird oder gar getötet wird. Das trifft einen immer, ganz nah.“ Darin sind sich die Anwesenden einig. Im Film wird ein Unteroffizier bei der Operation „Rock Avalanche“ getötet. Einer der Kameraden bricht in haltloses Schluchzen aus. „Darauf kann man sich nicht vorbereiten.“ sagt Raszkowski.

Was Dokumentarfilm leisten kann

Die Filmemacher Junger und Hetherington weichen dem Platoon während des 15- monatigen Einsatzes fast nie mit der Kamera von der Seite. Sonja Kretzschmar stellt die Frage, wie authentisch ein Dokumentarfilm in einer solchen Situation sein könne. „Man darf nicht vergessen, dass auch dieser Film ´gebaut` wurde.“ sagt Jurschick. Das sei keine Wertung, doch der Zuschauer müsse sich dessen bewusst sein. Interviews der Soldaten, die nach dem Einsatz entstanden sind, bereiten dramatische Situationen vor. Bilder sind so montiert, dass sie Spannung erzeugen. Längere Interviews der Soldaten und der Außenposten als übersichtliche Szenerie haben Junger und Hetherington gezielt ausgewählt, um damit einen Spannungsbogen zu erzeugen. So gibt der Film den Soldaten eine Stimme, die mit dem, was sie im Krieg erlebt haben, oft allein bleiben. Die den zuhause Gebliebenen nicht vermitteln könne, was es heißt, in Afghanistan zu kämpfen, weil sich kaum Worte dafür finden lassen.

Und der Film bringt Menschen ins Gespräch, an der UniBW und darüber hinaus. So auch an diesem Abend die militärischen und zivilen Diskutanten von „Restrepo“.