Brunner-Luedecke Kapitel 3

Schriftenreihe


des Instituts für Geodäsie

 

Heft 88/2012
 


 
Übung für die Antarktis  -

Wilhelm Filchners Vorexpedition nach Spitzbergen im Jahr 1910

Ein Beitrag zur Expeditionskartographie

Kurt BRUNNER / Cornelia LÜDECKE

In: LÜDECKE, Cornelia / BRUNNER, Kurt (Hrsg.) [2012]:
Von A(ltenburg) bis Z(eppelin).
Deutsche Forschung auf Spitzbergen bis 1914.
100 Jahre Expedition des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Altenburg.

Tagungsband der Tagung 2011 des Fachausschusses Geschichte der Meteorologie der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft und des Arbeitskreises Geschichte der Polarforschung der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung, Naturkundliches Museum Mauritianum, Altenburg, 24.-25. September 2011.
Redaktion: Cornelia LÜDECKE, Uwe G. F. KLEIM.
Schriftenreihe des Instituts für Geodäsie der Universität der Bundeswehr München, Heft 88, Neubiberg, S. 69-76.

 


 

3.  Routenaufnahme

Die Expedition begann im Westen an der Advent Bay am Eisfjord und verlief ca. 50 km zur Mohn Bay am Hayesgletscher im Osten. Unterwegs wurde die Routenaufnahme den Umständen entsprechend so detailliert wie möglich durchgeführt. Auswertung und Ergebnisse finden ihren Niederschlag durch mehrere Autoren in Philipp [1914] (Abb. 3).

 

3.1  Geodätische Grundlagen

In Zwischenlagern führte PRZYBYLLOK an drei Punkten eine astronomische Breitenbestimmung durch [Wand, 1914]. Daneben wurden bereits photogrammetrische Aufnahmen zur topographischen Aufnahme erstellt.

Notwendige Basismessungen für die Triangulationen geschahen durch die Bestimmung dreier Basislinien mit Längen von 80 m, 600 m und 800 m mittels Distanzlatte und Winkelmessungen mit einem Universaltheodoliten von MAX HILDEBRAND (1839-1910). Für die Haupt- und Kleintriangulationen wurden auf neun trigonometrischen Hauptpunkten Richtungen zu 240 Festpunkten bestimmt. Außerdem wurde vom 11.-15. August 1910 am Zentrallager (Lager 6) eine Ortsbestimmung durchgeführt, die 78°26,5’N und 18°3,0’O ergab [Przybyllok, 1914, S. 48]. Diese Koordinaten wurden dem Entwurf der Karte von Zentralspitzbergen zugrunde gelegt.

 

Abb. 3:  Titelseite der Ergebnisse der FILCHNERschen Vorexpedition nach Spitzbergen [Philipp, 1914].

 
3.2  Topographische Aufnahme

Die eigentliche topographische Aufnahme (Routenaufnahme) bestand aus:

  • Richtungsmessungen mittels Theodolit und Bussole für Vorwärtseinschnitte zur Kartenkonstruktion,
  • Photogrammetrische Aufnahmen von ingesamt 91 Messbildern,
  • Höhenmessungen durch Siedethermometer und photogrammetrische Bestimmung.

Die photogrammetrischen Aufnahmen wurden mittels dreier Messkameras im Bildformat von jeweils 9 x 12 cm ausgeführt:

  • einer Kamera von CARL PAUL GOERZ (1854-1923) mit einer Brennweite von 150 mm,
  • einer Klappkamera von Dr. RUDOLF KRÜGENER (1847-1913) mit einer Brennweite von 150 mm und
  • einer ICA-Kamera „Minimal“ mit einer Brennweite von 135 mm.

Im Routenbuch hatte FILCHNER auf 114 Seiten Krokis (Geländeskizzen) und Profilpanoramenskizzen gezeichnet, die einen wichtigen Bestandteil beim Kartenentwurf bildeten.

 

3.3  Kartenkonstuktion und -bearbeitung

Das Ergebnis der Routenaufnahme war eine vierfarbige Karte im Maßstab 1:50.000, die im Stile der damals sehr modernen schweizerischen Landeskarte, der sogenannten Siegfriedkarte, als Tafel XV in Petermanns Geographischen Mitteilungen, Ergänzungsheft Nr. 179, im Jahre 1914 veröffentlicht wurde (Abb. 4) [Philipp, 1914].


Abb. 4:  Titel der Karte von Zentralspitzbergen (Quelle: Philipp [1914, Tafel XV]).

 
Bearbeiter der „Karte der Wilhelm Filchnerschen Vorexpedition nach Zentral-Spitzbergen im August 1910“ war OTTO WAND (1869-1949), Kartograph bei der Königlichen (preußischen) Landesaufnahme und des Preußischen Großen Generalstabes in Berlin [Wand, 1914]. WAND blieb FILCHNER noch lange verbunden und bearbeitete fast sämtliche Routenaufnahmen FILCHNERs zu Karten [Bosse, 1966]. Neben dieser Hauptkarte erschien im gleichen Heft als Tafel XIV eine „Übersichtskarte von Spitzbergen – Übersicht über die bisherigen Spitzbergendurchquerungen“ im Maßstab 1:1 Mio. (Abb. 5), die auch FILCHNERs Reiseroute enthält [Philipp, 1914].

 

Abb. 5:  FILCHNERs Route in Zentralspitzbergen 1910
(Quelle: Philipp [1914, Tafel XIV]).

 
Als Kartenprojektion wählte WAND wegen der hohen geographischen Breite (φ ~ 78°30`N) die flächentreue Kegelabbildung nach JOHANN HEINRICH LAMBERT (1728-1777). Das Kartenformat für das rechteckige Kartenblatt beträgt B = 97 cm und H = 75 cm.

Die Bestimmung der Triangulationspunkte erfolgte rechnerisch. Die Konstruktion weiterer Festpunkte und der Geländepunkte geschah durch graphisches Vorwärts-einschneiden und photogrammetrische Richtungsbe-stimmungen.

 

3.4  Farben und Zuordnung

Wie in der zeitgenössischen schweizerischen Landeskarte sind Braun bzw. Blau die Strichfarben für Höhen- oder Formlinien auf eisfreiem Gebiet bzw. Gletscher. Die blau konturierten Gewässer führen noch ein Türkisblau für die Gewässerflächen. Routenverlauf, Festpunkte, Lagerplätze, Höhenpunkte sowie Geröll und Fels sind in schwarzer Farbe gedruckt. Die Äquidistanz der Höhenlinien beträgt 25 m; in schlecht eingesehenen Kartenbereichen konnten lediglich Formlinien eingezeichnet werden. Abb. 6 zeigt einen Ausschnitt aus FILCHNERs Karte von Zentralspitzbergen.

 

Abb. 6:  Tempelbucht und Von-Post-Gletscher in Zentralspitzbergen
(Quelle: Philipp [1914, Tafel XV]).

 
FILCHNERs Karte stellt ein großartiges Ergebnis seiner Vorexpedition dar. Die von der Routenaufnahme nicht erfassten Gebiete der Darstellung wurden vorhergehenden Kartierungen der schwedischen Forscher DE GEER und ALFRED NATHORST (1850-1921) entnommen, die ab 1882 unter Zuhilfenahme früherer photogrammetrischer Verfahren entstanden waren [Brunner, 1994]. Daneben wurden auch Resultate weiterer Forschungsreisen wie jene von MARTIN CONWAY (1856–1937) im Jahr 1896 und der russisch-schwedischen Gradmessung mit JOHAN OSKAR BACKLUND (1846-1916), DE GEER und anderen Wissenschaftlern in den Jahren 1898 bis 1902 genutzt.

 

3.5  Namengebung

Die Namengebung in der Karte von Zentralspitzbergen erfolgte nach Angaben früherer Forschungsreisen sowie DE GEERs Angaben und Kartierungen. FILCHNER selbst vergab 27 neue geographischen Namen, unter anderem nach dem bayerischen Prinzregenten LUITPOLD (1821-1912), einem der Geldgeber für die Zweite Deutsche Antarktis-Expedition.

Von FILCHNERs Namengebung wurden 18 Namen in die offizielle Namensliste von Svalbard übernommen [Norwegian Polar Institute, 2003]:

  • Barkowberge, heute: Barkowfjellet,
  • De-Geer-Berge, heute: Gerardfjella,
  • Hahnberge, heute: Hahnfjella,
  • Heuglin-Gletscher, heute: Heuglinbreen,
  • Högbohmberg, heute: Högbohmfjellet,
  • Jebensberge, heute: Jebensfjellet,
  • Königsberg-Gletscher, heute: Königsbergbreen,
  • Langhans-Gletscher, heute: Langhansbreen,
  • Marien-Gletscher, heute: Maritbreen,
  • Panofskyberge, heute: Panofskyfjellet,
  • Perthesberg, heute: Perthesfjella,
  • Philipp-Gletscher, heute: Philippbreen,
  • Potpeschnigg-Gletscher, heute: Potpeschniggbreen,
  • Przybyllok-Berge, heute: Przybyllokfjellet,
  • Seelheimberg, heute: Seelheimfjellet,
  • Von-Bertrab-Kette, heute: Bertrabfjellet,
  • Wand-Gletscher, heute: Wandbreen,
  • Wichmannberg, heute: Wichmannfjellet.

 


 

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