Zur Toponomastik in der Brentagruppe

Schriftenreihe
des Instituts für Geodäsie

Heft 24/1987


 
Zur Toponomastik in der Brentagruppe

Wolftraud DE CONCINI, Trient
 

In: NEUGEBAUER, Gustav (Hrsg.) [1987]:
BRENTA-MONOGRAPHIE.
Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Hochgebirgskartographie

mit Beiträgen von D. Beineke, H. C. Berann, W. de Concini, G. Hell, D. Herm, H. Immel, U. Kleim, G. Neugebauer, K. Ringle.
Schriftenreihe Studiengang Vermessungswesen, Universität der Bundeswehr München, Heft 24, Neubiberg, S. 167-172.
 



Mit der Namenarbeit an einer neuen ode neu zu überarbeitenden Karte war im vorigen Jahrhundert eine große Verantwortung verbunden. Und heute?

Vor hundert, hundertfünfzig Jahren waren die wichtigsten Quellen bei der Namenssammlung die Einheimischen, meist ortskundige Jäger und Bergführer. Doch oft reichten die Sprachkenntnisse der (ausländischen) Erheber nicht aus, um von diesen Personen zuverlässige Angaben zu erhalten. Es kam daher manchmal zu Mißverständnissen und Fehlinterpretationen, die dann auch jahrzehntelang in Umlauf blieben. Verständlich daher, daß Leo Aegerter /1/, der topographische Bearbeiter der Alpenvereinskarte der Brentagruppe 1:25.000 von 1908 in einem Brief an den Deutschen und Österreichischen Alpenverein in München äußert: "Die Nomenclatur der Brentagruppe bereitet mir ziemliche Schwierigkeiten".

Karl Finsterwalder /3/ schrieb der Untersuchung im Felde, das heißt der Ausfragung von Gewährsmännern am Ort, noch große Bedeutung zu. Auch er wies darauf hin, "... daß man zur Sammlung dieser Namen immer noch auf die mehr zufälligen Funde der aufnehmenden Kartographen und auf die ... Beiträge von kartenkundigen Kennern des Gebietes aus Touristenkreisen, von Fachleuten und dergleichen angewiesen sei. Dabei war es immer noch möglich, daß beim Abhören und Aufzeichnen der von der Schriftsprache of stark abweichenden Namen auch verhältnismäßig guten Kennern des Volkes Fehler unterliefen ...".

An gutem Quellenmaterial besteht heute kein Mangel mehr, vor allem nicht in der Brentagruppe, die inzwischen in Dutzenden von Büchern, Führern und Karten beschrieben und dargestellt worden ist. Die kartographischen Erhebnungsmethoden jaben sich verfeinert und vervollkommnet. Doch bei einem sorgfältigen Vergleich des vorhandenen Materials bemerkt man, daß es auch für die Brenta bisher noch keine einheitliche Toponomastik gibt.

Gewiß die Toponyme, wie sie in der Alpenvereinskarte von 1908 enthalten sind, "... sind im Grunde bis heute gültig und bedürfen zumindest keiner besonderen Überprüfung"; so Alessandro Cucagna, Professor für Geographie an der Universität Triest, in einem Brief an Dr. Gino Tomasi, den Direktor des "Museo Tridentino di Scienze Naturali" in Trient. Aber: gibt es den "Monte Turrion nasso" oder den "Monte Turion basso", den "Dente die Sella" oder die "Cima Sella", den Pizzo di Molveno" oder die "Cima Molveno", das "Val Persa" oder das "Val Perse", das "Brentéi" oder das "Brenèi"?

Zweideutigkeiten und Unklarheiten bestehen auch heutzutage noch, wenn man die Alpenvereinskarte 1:25.000 von 1908 (mit Ergänzungen bis 1938), die amtliche italienische Karte 1:25.000 von 1972 und Karl Schulz /4/ "Die Erschließung der Ostalpen - Die Brenta Gruppe", miteinander vergleicht.

Allergrößtes Verdienst daher heute der Trentiner S.A.T. (Società degli Alpinisti Tridentini) zu, die sich um eine immer klarere Namensgebung im Gebiet der Trentiner Alpen bemüht. Zur vergleichenden Überprüfung und, wo nötig, Berichtigung der Toponyme für eine Kartenprobe der neuen Brentakarte, ist im Dezember 1985 die S.A.T.-Wege-Kommission zusammengetreten, und zwar unter Vorsitz von Adolfo Valcanover, der in rühmlicher Kleinarbeit zusammen mit Tarcisio Deflorian eine "Guida dei sentieri e rifugi, Trentino orientale" /5/ bearbeitet hat und derzeit auch den "Wege- und Hüttenführer" für das westliche, die Brenta umfassende Trentino, zusammenstellt. Eine Abstimmung der Wegebezeichnungen und Wegenumerierungen in letzterem und in der in Arbeit befindlichen "Karte der Brentagruppe" 1:25.000 wird angestrebt. *)

Auf die Angaben dieser "Commissione Sentieri" der S.A.T. gehen die in der Kartenprobe zur Brentakarte (siehe III/5 "... kartographische Bearbeitung", Karte 3 - Kartenprobe) verwendeten Toponyme zurück. Ihr sei damit auch an dieser Stelle für die prompte Bereitschaft zur Zusammenarbeit und für ihre sorgfältige, präzise Tätigkeit gedankt.

...

*)  Der Vorsitzende der "Commissione Sentieri" der S.A.T., A. Valcanover, hat dies in einem Schreiben bekräftigt, das er am 03.03.1986 an den verantwortlichen Leiter für die Neubearbeitung der "Karte der Brentagruppe" 1:25.000, Professor G. Neugebauer, München, richtete. Es heißt darin unter anderem (Übersetzung aus dem Italienischen):

Sehr geehrter Herr Professor Neugebauer,
ich danke Ihnen für Ihr Schreiben und das mir zugesandte Material, das auch für die S.A.T. von beträchtlichem Interesse ist. Aus diesem Grund - und auch auf Ihren Wunsch hin - habe ich die Angelegenheit vor die Wegekommission der S.A.T. gebracht, die sich zugunsten dieser interessanten Zusammenarbeit ausgesprochen hat. Auf diese Weise können die Veröffentlichungen, die unsererseits in den offiziellen Wegekatastern aufgenommen werden, aufeinander abgestimmt werden.

 



Quellen:

/1/  AEGERTER, Leo [1908]: Begleitworte zur Karte der Brentagruppe. In: Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Band XXXIX, München, S. 80-91.

/3/  FINSTERWALDER, Karl [1935]: Die Namenarbeit an den Alpenvereinskarten. In: FINSTERWALDER, Richard (Hrsg.): Alpenvereinskartographie und die ihr dienenden Methoden. Sammlung Wichmann, Band 3. Verlag Herbert Wichmann, Bad Liebenwerda/Berlin.

/4/  SCHULZ, Karl [1894]: Die Brenta-Gruppe. In: RICHTER, Eduard: Die Centralalpen östlich vom Brenner und die südlichen Kalkalpen. Die Erschließung der Ostalpen, Band 3. Herausgegeben vom Deutschen und Österreichischen Alpenverein, Berlin, S. 297-349.

/5/  VALCANOVER, Adolfo / DEFORIAN, Tarcisio [1981]: Guida dei sentieri e rifugi. Trentino orientale. Società Alpinisti Tridentini (S.A.T.), Trento.
 



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