"Entscheidung mit Fingerspitzengefühl"

August 2014: Alexander Freitag, Student der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften von 1975 bis 1978, ist heute Geschäftsführer der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund GmbH. Er ist damit maßgeblich beteiligt an der Gestaltung des öffentlichen Nahverkehrs im Großraum München mit jährlich über 660 Mio. Fahrgästen und einem Erlös aus Fahrkartenverkäufen von über 720 Mio. Euro.
"Entscheidung mit Fingerspitzengefühl"

Alexander Freitag, MVV-Geschäftsführer, Foto: MVV GmbH

Haben Sie das akademische Studium während Ihrer Offizierlaufbahn als Lust oder Last empfunden?

Ich habe das Studium als sehr angenehm empfunden, gerade auch wegen des Studienorts. Allerdings hätte ich mir etwas mehr Freizeit gewünscht, um die schönen Angebote in München auch genießen zu können. Die Trimester waren schon eine Herausforderung. Das freie studentische Leben habe ich eigentlich nur einmal genossen, nach dem bestandenen Vordiplom, vor Beginn des Hauptstudiums. Das war ein toller Sommer!

Wie verlief bei Ihnen der Übergang zwischen militärischer und ziviler Karriere?

Vor dem Dienstzeitende habe ich mich sehr früh orientiert, was die Wirtschaft hergibt und meine Fühler ausgestreckt: Das ging von der Bundesanstalt für Arbeit über die Bundesbahn, Unternehmen der Rüstungsindustrie bis hin zu Siemens. Ich hätte damals tatsächlich überall beginnen können, ich hatte sechs oder sieben konkrete Angebote.

Wie haben Sie denn dann aus all den potentiellen Arbeitgebern ausgewählt?

Im Bewerbungsprozess wird man von den Firmen beurteilt, aber man beurteilt ja selbst auch die Firma: Wie läuft das Vorstellungsgespräch, wie ist das Potential der Firma, wie stellen sich die Führungskräfte dar? Man entwickelt ein Fingerspitzengefühl dafür, ob man zueinander passt. Bei mir war dann das Sondervermögen Deutsche Bahn am weitesten vorne. Dort bot man mir auch die Möglichkeit, mich im Rahmen eines Wirtschaftsreferendariats mit zweitem Staatsexamen weiter zu qualifizieren.

Bei der Bahn waren Sie u.a. als Vertriebschef für München und Oberbayern tätig und haben nach der Privatisierung die neue Vertriebsstruktur mit aufgebaut. Warum der Wechsel zum MVV?

Es war ein Karrieresprung, eine Verbesserung mit Job Enlargement und Enrichment, so hätte es Prof. Dr. Marr – mein Personalwirtschaftler während des Studiums, den ich sehr schätze und der mir sehr gutes Rüstzeug gegeben hat – gesagt. Die Geschäftsführung einer GmbH zu übernehmen ist traumhaft. Sie haben alles unter einem Dach, Sie können wirtschaftlich entscheiden, Sie können personalmäßig entscheiden, Sie können Ihre Mitarbeiter handverlesen aussuchen und fördern. Sie sind „nur“ dem Aufsichtsgremium verantwortlich. Und wenn Sie gute Sacharbeit machen, wird das dort geschätzt.

Was sind die wichtigsten Kompetenzen, die Sie in Ihrer täglichen Arbeit brauchen?

Zum einen ist es schon klassisches Fachwissen, öffentlicher Verkehr ist sehr komplex. Zum anderen ist Führungskompetenz gefragt: Sie müssen die unterschiedlichsten Verbundpartner mit unterschiedlichsten Interessen zusammenbringen: moderieren, ausgleichen, Kompromisse schmieden –und das alles unter engen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Außerdem muss man wie ein guter Boxer auch einstecken können: In einem Verkehrssystem geht jeden Tag etwas schief, der MVV bekommt oft die geballte Kritik ab. Da brauchen Sie Nehmerqualitäten, eine gewisse Ruhe und innere Gelassenheit.

Welche Visionen wollen Sie bis zum Ende Ihrer Amtszeit 2017 beim MVV verwirklicht haben?

Zum einen die Entscheidung über die mögliche Verbunderweiterung, die im Osten bis Rosenheim, im Südwesten bis ins Allgäu, im Westen bis Augsburg, im Norden fast bis nach Ingolstadt reichen könnte. Wir sind noch in den Grenzen von 1972, die Pendlerströme gehen aber weit über diese Grenzen hinaus. Zum anderen die Sicherung einer hinreichenden Finanzierung. In meiner Amtszeit würde ich außerdem gerne noch die Bagger fahren sehen am Marienhof, am Hauptbahnhof und am Ostbahnhof – für die zweite Stammstrecke!
 

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