"Dienst am Volk"

Dezember 2016: Roderich Kiesewetter (WOW) stand 2008 vor der schwierigsten Entscheidung seiner Karriere: Soldat bleiben oder Abgeordneter werden? Er entschied sich für die Politik, machte Wahlkampf „im Einsatzmodus“ – und bereut bis heute nichts.
"Dienst am Volk"

Roderich Kiesewetter studierte von 1983 bis 1986 Wirtschafts- und Organisationswissenschaften


Ihr Studienabschluss ist genau 30 Jahre her. Mit welchem Gefühl blicken Sie zurück?

Ach, das war schon eine tolle Zeit. Die Selbstständigkeit fand ich sehr gut. Ich hatte eine schöne Bude im Erdgeschoss mit Ausgang nach hinten, das war mein eigenes kleines Reich. In meinem Studium bin ich auch erstmals mit dem Internet in Kontakt gekommen, beim Auslandsstudium in Austin, Texas, 1985. Was die Universität alles anbot, hat mir persönlich einen Innovationsschub gegeben.

Auch nach der Studienzeit haben Sie ja spannende Zeiten in der Bundeswehr erlebt.

Ich war nach der Wende beim Aufbau Ost. Wir waren vier Offiziere aus dem Westen und 30 aus der ehemaligen NVA. In Erinnerung bleibt mir die Improvisation. Es gab ja keine Vorschriften, wie man so etwas macht. Sondern es gab große Freiheit. Später war ich als einer der ganz wenigen Deutschen von Anfang an beim Aufbau der militärischen Strukturen der EU dabei. Ich habe das, was man heute gemeinsame Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU nennt, mitgestaltet.

2008 hat die CDU Sie in Ihrer Heimat als Bundestagskandidat nominiert. Ist Ihnen der Wechsel in die Politik schwer gefallen?

Ich war sehr gerne Berufssoldat und habe lange mit mir gerungen, ob ich Abgeordneter werden soll. Generalinspekteur Schneiderhan sagte damals zu mir „Sie schmeißen die Generalsuniform in den Staub“ – darauf erwiderte ich aber „Wieso? Ich setze den Dienst am Volk nur in einem anderen Umfeld fort.“ Der Wahlkampf war eine sehr harte Zeit. In den eineinviertel Jahren, die ich noch bei SHAPE in Belgien war, bis zu den Wahlen, bin ich 104.000 Kilometer gefahren. Ich habe mental „auf Einsatz geschaltet“. Das geht für eine bestimmte Zeit, man braucht z.B. weniger Schlaf. Als ich dann gewählt war, wurde der Stress deutlich weniger.

Sie haben in zwei Systemen Karriere gemacht – in den Streitkräften und in der Politik. In welchem ist es härter?

In der Bundeswehr zählen Leistung und Kameradschaft. In der Politik Vernetzung und zur passenden Zeit am passenden Ort zu sein und aus dem richtigen Bundesland und der richtigen Region zu kommen. Ich will das eine nicht gegen das andere ausspielen. Wer die Systeme wechselt, muss eben wissen, was er verlässt und was ihn erwartet.

Gibt es auch etwas, das im Politikbetrieb richtig nervt?

Sagen wir mal so: Man muss auch Krisen aushalten können, die unter die Gürtellinie gehen. Das ist etwas, was weniger gut ist, aber worauf man sich einstellen muss. Ansonsten bereue ich nichts, es macht viel Spaß. Ich kann viele Ideen umsetzen und auch mitgestalten.

Als Experte für Außenpolitik – welche Herausforderung sehen Sie da künftig auf uns zukommen?

Eine der großen Herausforderungen wird Afrika sein. Die Bevölkerung dort verdoppelt sich in den nächsten 25 Jahren. Die Zahl der Migranten innerhalb Afrikas wird voraussichtlich von 17 Millionen auf bis zu 50 Millionen steigen. Das bedeutet: Wir brauchen viel stärkeres Engagement vor Ort. Ich könnte mir einen Freiwilligendienst aus Europa in Afrika vorstellen mit jungen Leuten und mit Pensionären.

Was raten Sie jungen Offizieren, die wie Sie damals vor der Entscheidung Bundeswehr oder zivile Karriere stehen?

Sie sollten die Werte, die in der Bundeswehr gelebt werden, nicht vergessen – aber auch einfordern. Innere Führung, Führen mit Auftrag, Kameradschaft und Versorgungssicherheit. Diese Dinge gilt es, in die eine Seite der Waagschale zu werfen – und dagegen abzuwägen, was einen „draußen“ erwartet. Sicherlich mehr Freiheit, vielleicht mehr Einkommen, aber auch mehr Ungewissheit. Und die Chance, auf der Basis der guten Ausbildung in der Bundeswehr und mit einem ordentlichen staatsbürgerlichen Bewusstsein in der Gesellschaft zu wirken. Egal, was man macht, wer die Werte der Bundeswehr verinnerlicht hat, kann überall Erfolg haben, innerhalb der Streitkräfte und auch außerhalb.
 

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