Gründungsphase

Teil 1:  Die schwierige Gründungsphase

Warum entsteht ausgerechnet in Neubiberg eine Universität der Bundeswehr?

Kurz nach seinem Amtsantritt als Bundesverteidigungsminister der sozialliberalen Koalition kündigte Helmut Schmidt 1970 eine Reform von Bildung und Ausbildung bei der Bundeswehr an: „Ich sage, … daß auf diesem Felde nicht nur aus eigengesetzlichen Notwendigkeiten innerhalb der Armee einiges geändert werden muß, sondern insbesondere deshalb, weil niemand von uns sehenden Auges zulassen könnte, daß bei dem großen Wandel, den das Bildungswesen in der Gesamtgesellschaft gegenwärtig durchmacht – nicht nur in Bezug auf die Bildungsgänge, sondern auch in bezug auf die Bildungsinhalte – dies etwa ohne Auswirkungen auf die Bildung in der Bundeswehr bleiben dürfte.“

Die Geburtsstunde der Universitäten der Bundeswehr

Die von Helmut Schmidt eingesetzte Bildungskommission unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Thomas Ellwein erarbeitete bis 1971 ein Konzept, das eine fünfjährige Ausbildung des Offiziernachwuchses vorsah: ein zweijähriger militärischer und ein dreijähriger wissenschaftlicher Abschnitt. Die wissenschaftliche Ausbildung sollte an einer eigenen Hochschule der Bundeswehr stattfinden. Dieser Vorschlag hatte das Potential, drängende Probleme wie den Nachwuchsmangel bei der Bundeswehr zu lösen und passte zur „Bildungsoffensive“ der sozialliberalen Koalition. Im Mai 1972 gab das Bundeskabinett grünes Licht – die Geburtsstunde der Universitäten der Bundeswehr.

Warum zwei Hochschulen der Bundeswehr in Deutschland?

Die Kommission um Ellwein hatte in ihrem Konzept die Gründung einer Hochschule der Bundeswehr vorgeschlagen. Doch dem Parteienproporz war es geschuldet, dass das Kabinett schließlich die Gründung von zwei vom Bund finanzierten wissenschaftlichen Hochschulen für Soldaten der Bundeswehr beschloss. 1990 vom Hochschulkurier, dem Magazin der Universität der Bundeswehr München, dazu befragt, sagte Ellwein im Rückblick: „Es waren politische Gründe, daß zwei entstanden sind. Helmut Schmidt hat gesagt, und damit lag er politisch natürlich richtig, wenn man eine macht, dann ist die entweder in einem SPD- oder in einem CDU-Land und dann ist man erpreßbar. Infolgedessen muß man zwei machen … Die kritische Masse mit 2.000 Studenten ist natürlich ein bißchen gering. Hätte man eine in der Mitte von Deutschland gegründet, wäre das sicher besser gewesen.“ Doch so entstanden zwei Hochschulen der Bundeswehr, eine im Norden und eine im Süden – eine im SPD-regierten Hamburg und eine im CSU-regierten Bayern. Während die Gründungsphase in Hamburg geräuschlos von statten ging, gestalteten sich die Verhandlungen mit dem um seine Hochschul-Autonomie fürchtenden Bayern äußerst schwierig. Und auch die Standortfrage barg Konfliktpotential.

Blankes Entsetzen: Neubiberg statt Schwabing!

Als Standort der Hochschule der Bundeswehr in München hatte das Verteidigungsministerium ursprünglich die Stettenkaserne an der Schweren-Reiter-Straße in Schwabing ausgewählt, Studentenunterkünfte sollten in der im Münchner Norden gelegenen Pionierschule entstehen. Doch die Stadt erteilte keine Baugenehmigung für die Stettenkaserne. Im Juli 1973, nur drei Monate vor dem geplanten Studienstart, fiel die überraschende Entscheidung des Verteidigungsministeriums, die Hochschule der Bundeswehr auf dem Fliegerhorst Neubiberg, bereits als Fachhochschule und Offizierschule der Luftwaffe genutzt, einzurichten. Der Gründungsausschuss reagierte mit Entsetzen auf die Entscheidung für Neubiberg: „(Der Gründungsausschuss) befürchtet, daß unter diesen Umständen die Errichtung einer ‚offenen’ Hochschule, wie sie die Öffentlichkeit immer fordert und die Kooperation mit anderen Hochschulen gefährdet bzw. behindert wird. Er weist außerdem darauf hin, daß bei den gesamten Berufungsverhandlungen die vorgesehene Lage … ein entscheidender Faktor war. Durch die Standortveränderung droht der Verlust bereits gewonnener qualifizierter Lehrkräfte.“

Endlich Studienstart in Neubiberg

Trotz der Kritikpunkte blieb es bei der Entscheidung für Neubiberg. Vor allem die Größe des Areals, das die Errichtung einer Campusuniversität nach angloamerikanischem Vorbild erlaubte, stellte einen entscheidenden Vorteil dar. Am 1. Oktober 1973 nahmen die ersten 185 Offiziere und Offizieranwärter der Fachbereiche Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrttechnik und Informatik ihr Studium in Neubiberg auf, etwas später folgten die Maschinenbaustudenten. Die übrigen Fachbereiche Pädagogik, Wirtschafts- und Organisationswissenschaften sowie Bauingenieurwesen blieben vorübergehend noch in der Stettenkaserne. Die großen Baumaßnahmen auf dem Neubiberger Campus begannen, um Kapazitäten für die Studierenden aller Fächer zu schaffen. Zu den ersten großen Neubauten gehörten beispielsweise die Mensa oder das Gebäude 35, genannt „Hirschkäfer“. So entstand nach und nach der Neubiberger Campus, wie wir ihn heute kennen, – und der im Oktober 2008 mit fast 4.000 immatrikulierten Studierenden den bisherigen Höchststand an Studierenden in seiner Geschichte erlebte.

 

 

Mensa

Eines der zentralen Gebäude auf dem Campus ensteht: Die Mensa ist 1975 noch eine Baustelle

Schluesseluebergabe

Bundesverteidigungsminister Georg Leber (l.) übergibt am 3. November 1977 symbolisch den Schlüssel für die fertiggestellten Neubauten an den ersten Präsidenten der Hochschule Prof. Dr. Horst Engerth